Die schießende Feministin: Niki de Saint Phalle

britta kadolsky

Schießkunst – Feministin – Künstlerin:

Ein Schuss knallt und kurz darauf läuft rote Farbe über den Körper. Ein zweiter Schuss ertönt, auch er hat getroffen: gelbe Farbe quillt aus der Wunde.

Niki de Saint Phalle schießt auf ihr Kunstwerk La mort du Patriarche. Sie legt das Gewehr an, zielt und durchlöchert die sogenannte Assemblage, die zu ‚bluten‘ beginnt. Das Schießbild ist eines der letzten sogenannten Tirs von Niki de Saint Phalle. 

Niki de Saint Phalle, La mort du patriarche, 1962, Gips, Farbe, verschiedene Objekte auf Holzplatte, 251 x 160 x 40 cm, Sprengel Museum Hannover, Schenkung Niki de Saint Phalle (2000), © 2021 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved. Donation Niki de Saint Phalle – Sprengel Museum Hannover. / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Dargestellt ist ein unförmiger, überlebensgroßer Körper mit proportional sehr kleinem Kopf und ohne Unterschenkel, der dem Betrachter jede Gefälligkeit verweigert. Der Körper ist aus weißem Gips geformt, der für die Stabilität auf einem Hasendraht verteilt wurde. Auf dem Gipskörper befinden sich viele unterschiedliche Objekte, alltägliche Spielsachen aus billigem Plastikmaterial, die in den Gips reingedrückt wurden. Ins Auge fällt im Mittelpunkt das große Spielzeugflugzeug. In der Höhe des Herzens klebt ein Peace-Zeichen, mehrere kleine Spielzeug-Soldatenfiguren scheinen auf der rechten Schulter miteinander zu kämpfen. Einige Waffen wie ein Revolver, ein Messer, ein Degen sowie mehrere weitere Pistolen sind auf dem Körper verteilt. 

Das Werk erinnert an ein Wimmelbild und besitzt durch die diversen Objekte einen stark reliefartigen Charakter. Über das Werk sind allerlei Farbflecken und – spritzer verteilt. Neben unzähligen Spray-Flaschen mit Farbe, die mit Drähten an dem Gipskörper befestigt sind, befinden sich außerdem Farbbeutel und Rauchbomben unter dem Gipsüberzug. Durch das Beschießen des ursprünglich weißen, monochromen, mit Farbbehältern präparierten Werkes liefen die Farben in Rinnsalen über das Relief und die angeschossenen Spraydosen entluden sich unter dem starken Druck.

Der folgende Film zeigt Schießaktionen der Künstlerin auf andere Assemblagen von ihr: http://nikidesaintphalle.org/niki-de-saint-phalle/video-clips/

Ein gewaltvoller Akt mit performativem Charakter

Neben der Thematisierung der Allgegenwart von Krieg (Indochina-Krieg, Vietnamkrieg, Kalter Krieg) galten die Schießbilder auch als feministische Gesellschaftskritik am Patriarchat. Außerdem arbeitete Niki de Saint Phalle den sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit auf. Wie sie in einem Interview erst 1992 sagte, sei sie im Alter von elf Jahren von ihrem Vater sexuell missbraucht worden.[i] Der Titel des Werkes legt nahe, dass sie sich damit an ihm rächen und ihr Trauma durch das Schießen auf den Körper verarbeiten wollte: “1961 schoß ich auf: Papa, alle Männer […]”[ii]. Am Ende ihres Films Daddy von 1972 ist zu sehen., wie sie auf La mort du Patriarche schießt – ihr Kommentar: „Enfin …enfin… Papa est mort!“[iii]

Ein Paradox: ein Akt der Tötung wird zum schöpferischen Akt, indem er vorher nicht sichtbare Farbigkeit hervorbringt . Diese Metamorphose erweckt das Werk zum Leben und bringt es zu seiner endgültigen Erscheinungsform.

Niki de Saint Phalle sah sich „als eine “Terroristin der Kunst”[iv]. Mehrere ihrer Aussagen machen deutlich, dass sie die Kunst brauchte, um ihre Wut auszudrücken. „Ich fing an, meine Aggressionen in meine Arbeit einfließen zu lassen“, schrieb sie in einem Brief an Jean Tinguely. Beim Anblick der RAF-Fahndungsplakate, die sie einmal in Deutschland sah, sei ihr klar geworden, dass sie ohne die Kunst ihre Aggression vermutlich mit echter Gewalt ausgedrückt hätte.[v]„Meine frühen Arbeiten waren sehr zornige politische Arbeiten […][vi].

Niki de Saint Phalle Tarotgarten, Toskana

Die Nanas: große, farbenfrohe, voluminöse Frauenfiguren

Die sinnlichen, voluminösen und farbenfrohen, rundlichen, weiblichen Körper, die viele von Niki de Saint Phalle kennen, lassen gar nicht vermuten, dass ihre frühere Kunst eher düster anmutet. Das Spektrum ihres Oeuvres ist sehr viel umfangreicher. Sie ist eine der ersten großen feministischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Mit ihren ersten Schießbildern erregte sie Aufsehen und begeisterte auch Pierre Restany: Sie wurde daraufhin, als einzige Frau, Mitglied der Nouveaux Réalistes. Restany, der Gründer der Künstlergruppe, propagierte in seinem Manifest die Abwendung von der zweidimensionalen Malerei hin zum Objekthaften als neue Kunstrichtung. Er sprach sich beispielsweise für Assemblagen oder Aktionen und Performances als innovative Entwicklung in der Kunst aus. Der Schweizer Metallkünstler Jean Tinguely, Niki de Saint Phalles große Liebe und ihr späterer Ehemann, und auch Yves Klein und Christo waren Teil der Künstlergruppe.

Mit Tinguely zusammen, auch nach der Trennung waren die beiden weiter eng verbunden, erstellte sie in Stockholm die größte Nana-Skulptur, Hon, die durch ihre Vagina betreten werden konnte. Im Inneren wurde das Werk durch kinetische Maschinen von Tinguely ergänzt. Sie arbeiteten in Jerusalem an einer monumentalen Skulptur für einen Kinderspielplatz und fertigten gemeinsam einen Film an. Ein sehr bekanntes Beispiel für ihre Zusammenarbeit ist der Strawinsky-Brunnen neben dem Centre Pompidou in Paris.

Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Strawinsky-Brunnen, Paris

Im Mai 2002 starb Niki de Saint Phalle, im Alter von nur 72 Jahren. Die französisch-amerikanische Künstlerin, eine Ikone weiblicher Kunstgeschichte, hat ein vielfältiges Oeuvre hinterlassen: Der Tarotgarten in der Toskana, ein eigenes Parfum, Theater-, Buch- und Filmproduktionen sind nur einige Beispiele für ihre Kreativität.

Die Schießbilder und insbesondere La mort du Patriarche beeindrucken mich am stärksten!

[i] Krempel 2016, S. 18.
[ii] Sieg 2016, S. 109.
[iii] Niki de Saint Phalle im Film Daddy: la mort du papa, fin du film “daddy” par Niki de Saint Phalle.
[iv] Niki de Saint Phalle in dem Film von Peter Schamoni, Niki de Saint Phalle: Wer ist das Monster, Du oder Ich?, München, Universum-Film, 1994/95, zitiert in: Sieg 2016, S. 103.
[v] Saint Phalle, Niki de, Retrospektive 1954 – 80 im Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Oberhausen, 1980, S. 21.
[vi] Niki des Saint Phalle in einem Interview mit Ulrich Krempel, in: Krempel 2000, S. 67.

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