Kunst in Frankfurts neuem Hochhaus
britta kadolsky
Kostenlos Kunst in Frankfurt genießen – Chiharu Shiota im WINX Tower
Fasziniert lege ich meinen Kopf in den Nacken und schaue auf die vier roten Boote, die in luftiger Höhe des Foyers im WINX Tower schweben, Frankfurts neuem Hochhaus. Die mit roten Fäden umwobenen Boote hängen unter der Glasdecke der Eingangshalle des neuen Büro-Hochhauses in Frankfurt. Durch diese Decke hindurch schweift der Blick in die Höhe und entlang der Fassade des 110 Meter hohen Gebäudes.

Hinter dem Empfang des 11 Meter hohen Eingangsbereich stoßen kopfüber drei weitere schlanke weiße Boote im Innenraum hinab. Fast übersieht man sie, weil ihre leuchtend roten Gefährten den Blick so auf sich ziehen. Insbesondere am Abend, wenn es dunkel wird, sorgt eine besondere Beleuchtung für ein magisches Bild. Auch der Schattenwurf der fein umwobenen Gebilde entfaltet eine besondere Atmosphäre.

An der Außenfassade ist ebenfalls ein Boot befestigt. Es ist aus rotem Metall und im Gegensatz zu den Booten im Innenbereich nicht von Fadengespinsten umschlungen. Erst durch meine Recherche zum Herstellungsprozess (siehe unten) habe ich gelernt, dass die Webstruktur aus Blech nachempfunden wurde. Das Boot an der Fassade bezieht sich auf die Boote im Innern, verströmt jedoch nicht die gleiche verwunschene Atmosphäre: Es wirkt einfach zu nüchtern. Ein Mitarbeiter vom Empfang macht uns auf den Zusammenhang aufmerksam. Die Lücke zwischen den drei weißen Booten suggeriert, dass dieses Boot den Hafen schon verlassen und sich auf die Reise begeben hat.

Das neue Büro-Hochhaus in Frankfurt
WINX The Riverside Tower – ein bisschen hochtrabend ist der Name des neuen Hochhauses auf dem ehemaligen Degussa-Gelände am Main schon. In bester Innenstadtlage beherbergt es hauptsächlich Büros. Im Rahmen des Neubaus wurde Geld für ein großes Kunstwerk bereitgestellt: Seit November 2021 kann jede*r kostenlos die weltweit erste dauerhafte Installation Passage von Chiharu Shiota in Frankfurt bestaunen. Aus einem internationalen Wettbewerb mit den Künstler*innen Herbert Brandl, Jacob Hashimoto, Mischa Kuball, Heimo Zobernig und Beat Zoderer ging Shiota 2016 als Siegerin hervor.

Chiharu Shiota – bekannt durch die Venedig Biennale 2015
Bekannt ist die in Berlin lebende japanische Künstlerin seit der Biennale 2015 in Venedig. Damals spann sie im japanischen Pavillon für ihr Werk The Key in the Hand rote Wollfäden mit unzähligen Schlüsseln und alten Holzboote zu einer raumfüllenden Installation. Wie eine Traumlandschaft, durch die man spazieren kann, mutete das Gespinst an.
Seither hat Shiota entweder rote, schwarze oder weiße Fäden zu faszinierenden Installationen versponnen. Immer sind zusätzlich auch Gegenstände eingewebt: Schriftstücke, Kleidung, Betten, Schuhe, Scheren, ein Klavier, Koffer und Betten. Diese Dinge werden erst sinnvoll im Zusammenhang mit alltäglichen Handlungen, sagt Chiharu Shiota. „In Alltagsgegenständen spüre ich oft die Existenz einer Person.“ Ihre Installationen sind stets bildgewaltig und ästhetisch faszinierend. Daher sieht man Fotos davon auch oft auf den Social-Media-Kanälen.
Doch was bedeuten die Boote? Auf der Biennale in Venedig 2015 dachte man direkt and die vielen Geflüchteten, die über das Mittelmeer ins vermeintlich heilbringende Europa wollten. Später wurden aus Shiotas Holzbooten metallene Gitter-Boote, die noch mehr Unsicherheit vermittelten als die ‚Nußschalen‘ aus Holz. Die Boote im WINX Tower seien von Handelsbooten historischer Frankfurter Stadtansichten inspiriert, wird Shiota zitiert. Und: „The ships carry us through a journey of uncertainty and wonder.”
Shiota wurde 1972 in Japan geboren und studierte Kunst in Kyoto, Braunschweig und an der UDK Berlin bei Marina Abramović (über deren Kunstwerk The artist is present ich hier schon mal geschrieben habe.)
Werkprozess: Wer stellt die Kunst her?
Während Shiota frühere Arbeiten tatsächlich von Hand fertigte, frage ich mich bei monumentalen Werken wie der im WINX, wie und wo sie eigentlich hergestellt werden. Die Künstlerin kann diese riesigen Metallarbeiten inklusive der dazugehörigen Berechnungen der Statik und der Berücksichtigung des erforderlichen Sicherheitskonzepts für den öffentlichen Raum ja wohl kaum allein stemmen. Der metallverarbeitende Betrieb Arnold AG in Friedrichsdorf, eine halbe Stunde von Frankfurt entfernt, hat sich auf Projekte rund um die Kunst im öffentlichen Raum spezialisiert und unterstützt Künstler*innen auch bei dem umfangreichen Planungsprozess. (Auch für Jeff Koons baut dieser Familienbetrieb, seit über 20 Jahren, die berühmten, auf spiegelnden Hochglanz perfektionierten Edelstahlskulpturen.)
Die technische Herausforderung für Shiotas Installation war wegen des Gewichts der Boote und ihrer Aufhängung unter dem Glasdach enorm. Außerdem spielten Sicherheitsaspekte, wie der Brandschutz, eine entscheidende Rolle. So wurde beispielsweise die gesamte Sprinkleranlage in die Kunst integriert – selbstverständlich nach Rücksprache mit der Künstlerin. Besonders anspruchsvoll in der Herstellung gestaltete sich das Boot an der Außenfassade. Da Garn unter freiem Himmel verwittern würde, wurde die Web-Optik aus Aluminiumblech gelasert – nach den Vorgaben der Künstlerin, die eine kleinere Version des Bootes per Hand webte.

Fazit
Die Installation von Chiharu Shiota ist sehr sehenswert: Hingehen und anschauen. Und danach einen Spaziergang am nahen Mainufer machen und Boote auf dem Wasser beobachten!


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