Der Deutsche Pavillon in Venedig

britta kadolsky

Auf der 59. Biennale in Venedig beschäftigt sich der Deutsche Pavillon wieder einmal mit sich selbst. Irgendwie gehört das ja zum Pflichtprogramm der deutschen Künstler*innen bei der faschistischen Architekturgeschichte. 

Maria Eichhorn habe ursprünglich geplant, den gesamten Pavillon abzutragen und woanders wieder aufzubauen. Wow, was für eine Idee! Man stelle sich vor, auf dem Weg durch die Giardini zum Deutschen Pavillon steht man plötzlich vor einem leeren Platz. Angeblich wäre es bezahl- und durchführbar gewesen. Es blieb aber (leider) ein fiktives Projekt. 

Der Deutsche Pavillon in Venedig von oben, an der Lagune
Der Deutsche Pavillon in Venedig, @Giovanni Pellegrini

Einen Eingriff in die Architektur unternahm Eichhorn dennoch: die Freilegung des Bodens und des Mauerwerks an den Stellen, wo früher der 1909 erbaute bayerische Pavillon war.

Der Bayerische Pavillon, Vorgänger zum Deutschen Pavillon in Venedig mit Tempelfront
Der Bayerische Pavillon in Venedig von 1909

1938 wurde er auf Wunsch von Hitler vergrößert: Eine Erweiterung in die Höhe und nach vorne. Außerdem wurde die verspielte Tempelgiebelfront des Pavillons durch einen hoch aufragenden Pfeiler-Portikus ersetzt. Der Mensch fühlte sich im neuen Deutschen Pavillon klein und eingeschüchtert – genauso war es ja auch geplant. 

Löcher im Boden und an den Wänden

Der Deutsche Pavillon in Venedig, 2022, Innenansicht, Löcher in Wänden und im Boden, Maria Eichhorn, Relocating a Structure
Der Deutsche Pavillon in Venedig, 2022, Maria Eichhorn, Relocating a Structure, Foto: Britta Kadolsky

Maria Eichhorn hat den Boden des trutzigen Baus an manchen Stellen geöffnet, um auf die Fundamente des bayerischen Pavillons hinzuweisen. Bisherige Durchgänge hat sie zugemauert, andere geöffnet. Zusätzlich hat sie mit weißer Schrift auf weißer Wand (und trotzdem lesbar) an den entsprechenden Stellen dokumentiert, was sie gemacht hat. Insgesamt ist es eine sehr sachliche und nüchterne Arbeit.

Der Deutsche Pavillon in Venedig, 2022, Maria Eichhorn, weiße Schrift an den Wänden
Der Deutsche Pavillon in Venedig, 2022, Maria Eichhorn, Relocating a Structure, weiße Schrift auf weißer Wand, Foto: Britta Kadolsky

Am besten ist jedoch ihr umfangreiches Begleitbuch. Darin präsentiert die Künstlerin die finale Recherche zum Deutschen Pavillon und dem architektonischen Werdegang. Beeindruckend gelingt es ihr, die Strukturen offenzulegen, die ein System von Diktatur und Glauben an das Übermenschentum der deutschen Rasse widerspiegeln, darum geht es in ihrer Arbeit. Recherche und Dokumentation sind zentrale Themen in Eichhorns Projekt Relocating a Structure

Außerdem kann man für einen Euro ein Begleitheft Orte der Erinnerung und des Widerstandes am Eingang kaufen. Es beschreibt verschiedene Wege in Venedig, die an Orte der Verfolgung und an Widerstand gegen die Faschisten erinnern. Es gibt Stadtführungen in deutsch, englisch und italienisch, die kostenlos gebucht werden können.

Der Deutsche Pavillon in Venedig, 2022, Maria Eichhorn, Orte der Erinnerung und des Widerstands, Publikation Maria Eichhorn mit Terminen für die kostenlosen Führungen in englisch, deutsch und italienisch
Der Deutsche Pavillon in Venedig, 2022, Maria Eichhorn, Orte der Erinnerung und des Widerstands, Publikation Maria Eichhorn mit Terminen für die kostenlosen Führungen

Auch online sind die beschriebenen Touren mit ihren Geschichten über Partisanen und Faschisten, Besatzung, Widerstand und Verfolgung bereits sehr spannend. Eigentlich ist dieser Part von Eichhorns Kunst der Interessantere.

Hans Haakes Schlachtfeld mit zerstörtem Boden

 Hans Haacke im Deutschen Pavillon in Venedig, kuratiert von Klaus Bußmann, 1993, demolierter Boden
Hans Haacke im Deutschen Pavillon in Venedig, kuratiert von Klaus Bußmann, 1993, Foto: @ifa

Die Arbeit erinnert auch an Hans Haakes radikale Geste des aufgehackten Bodens zur Biennale 1993. Als Besucher*in stolperte man über die knirschenden und demolierten Trümmer. Für diesen provozierenden Akt der Zerstörung bekam Haake damals den Goldenen Löwen. Den brachialen Eingriff ließ sich der Künstler damals übrigens nicht genehmigen. 

Fazit

Eine zunächst nüchtern wirkende Kunst, die es aber doch in sich hat.

Über den Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale 2021 gibt es hier mehr zu lesen.

Der Deutsche Pavillon in Venedig, 2022.

Weitere Highlights meines Biennale-Besuchs kommen in ein paar Tagen.

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Lapis, Indigo und Waid – die Geheimnisse der Farbe Blau.  Keine Spur von Blau, auf diesem Bild der National Gallery in London. Es ist, da sind sich die Experten weitgehend einig, wohl ein echter Michelangelo – wenn auch nicht gerade einer… Weiterlesen

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Eine nackte Frau mit blonder Bienenkorbfrisur schreitet eine Treppe herab. Frontalansicht, leicht unscharf. Die Farben: wie auf einem der ersten Farbfotos, ausgeblichen, die Treppe grünlich. Ema, 1966. 2 Meter mal einsdreißig.  Graue Rechtecke. Monochrom. Die Farbe mal mit grobem Pinsel gleichmäßig… Weiterlesen

Spektakuläre Museumsbauten: Teil 2

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Museumsarchitektur in ehemaligen Industriebauten  Im 1. Teil habe ich bereits die Frage gestellt: Welche Chance hat die Kunst neben der bombastischen Museumsarchitektur von heute? Dazu habe ich spektakuläre architektonische Meisterleistungen gezeigt, die eigens für die Präsentation von Kunst gebaut wurden. … Weiterlesen

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Bei meinen Besuchen in den diversen Museen für moderne und zeitgenössische Kunst fällt mir immer wieder auf, wie beeindruckend Museumsarchitektur sein kann.  Ich denke hierbei an Bauten wie  das zylindrisch geformte Guggenheim Museum in New York das technisch-futuristisch anmutende Centre Pompidou in… Weiterlesen

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von britta kadolsky • am

Teil 2/2: Studio Berlin – Panoramabar, Schlackekeller,große Halle. Der 2. Teil meines Artikels über die großartige Ausstellung im Technoclub (Hier gehts zum 1. Teil). Dort habe ich über die Ausstellung im Main Dancefloor, der Klobar und die Toiletten berichtet.  Für… Weiterlesen

Berlin: Kunst im legendären Technoclub Berghain

von britta kadolsky • am

Teil 1/2: Studio Berlin – Main Dancefloor, Klobar, Unisex Toiletten.  Eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst in einem der coolsten Clubs Deutschlands: das passt zusammen! Wie allgemein bekannt und x-mal erwähnt: die Clubszene liegt seit Corona brach und die Clubs kämpfen… Weiterlesen

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von britta kadolsky • am

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Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein

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“Blue has no dimension it is beyond dimensions.” Yves Klein Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein Endlich war ich, nach der Corona-bedingten Schließung, mal wieder im Städel. Die Gegenwartskunst im unterirdischen Erweiterungsbau, den Gartenhallen, ist ganz neu gehängt worden…. Weiterlesen

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