Die Neue Nationalgalerie in Berlin

britta kadolsky

Ich bin in Berlin! Die neue Nationalgalerie steht ganz oben auf meiner Museumsliste. Jahrelang habe ich über den Bauzaun auf das ikonische Glas- und Stahlgebäude der Neuen Nationalgalerie geäugt. Nun ist das Museum der Moderne, nach sechseinhalb Jahren radikaler Sanierung und 140 Millionen Euro Kosten, endlich wieder für Besucher*innen geöffnet.

Ludwig Mies van der Rohe (1886 – 1969) hat das ikonische Gebäude 1959 entworfen: Allerdings ursprünglich für den Firmensitz des Spirituosenherstellers Bacardi auf Kuba. 

Wie es dazu kam, beziehungsweise, wieso der Bau nicht in der Karibik, sondern in Berlin realisiert wurde, dazu gleich mehr. Zunächst will ich auf meine Faszination für das Gebäude eingehen.

Die Neue Nationalgalerie in Berlin
Die Neue Nationalgalerie in Berlin von Mies van der Rohe, Foto: Britta Kadolsky

Transparenz – Glas und Stahl, modern und groß

Am faszinierendsten ist der offene Grundriss: Die Glashalle, mit seiner Höhe von 8,4 Metern, ohne eine einzige Säule, empfängt den Besucher mit einer ganz besonderen Kraft und Eleganz. Das Flachdach wirkt, trotz des enormen Gewichts, leicht und kragt mit einer Länge von sieben Metern rundherum über die Glasfassade. Die Gegensätze von Leichtigkeit und Stärke vereinen sich in dem Gebäude. 

Die Dachkonstruktion, die über der gläsernen Ausstellunghalle zu schweben scheint, ist nicht nur für Architekten hochspannend. Das quadratische Stahldach hat eine Fläche von 4.200 Quadratmeter, das sind 65 x 65 Meter, die sich übrigens je nach Temperatur bis zu 15 cm (!!) ausdehnen können. Die 1.260 Tonnen schwere Konstruktion liegt auf nur acht schlanken Stahlsäulen. Fasziniert hat mich, dass beim Bau seinerzeit hydraulische Pumpen für die Dachanhebung, das zuvor auf dem Boden zusammengeschweißte Dach, für die Dauer von neun Stunden vom Boden gehoben haben – über acht Meter hoch. Danach wurden die Säulen aufgestellt und weitere sieben Stunden lang wurde die Dachkonstruktion wieder um einige Zentimeter abgelassen (wunderbar dokumentiert auf der Seite der SNB).

Die Neue Nationalgalerie in Berlin
Calder Skulptur
Die Neue Nationalgalerie in Berlin von Mies van der Rohe, Alexander Calder Têtes et Queue von 1965

Das Quadrat – es ist die immer wiederkehrende Form in diesem Bau. Das Dach besteht aus 324 (18 x 18) Quadraten aus Stahl. Der Boden der Halle ist mit quadratischen Granitfliesen ausgelegt – dieselben Fliesen wie draußen vor dem Museum. Auch das hebt, neben der transparenten Fassade der gläsernen Ausstellungshalle, die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum auf. Kein überflüssiges Beiwerk und keine Ausschmückungen, sondern größte Einfachheit, das war immer das Konzept des ehemaligen Bauhausdirektors. Der Visionär, wie Mies van der Rohe auch immer genannt wurde, entwarf seit den 1920er Jahren nach dem gleichen puristischen Prinzip: Ein offener, freier Raum der luftig Innen und Außen miteinander verbindet.

Der Museumsbau der klassischen Moderne wird oft mit einem Tempelbau der Antike verglichen, wobei das Untergeschoss mit der Sammlung als breiter Sockel für den Glaspalast darauf dient. Von der Antike abgeschaut scheinen auch die schlanken Stahlsäulen zu sein: Sie verjüngen sich leicht nach oben, ganz wie bei den ionischen Säulen im alten Griechenland.

Die Neue Nationalgalerie in Berlin
Blick auf beide Geschosse
Neue Nationalgalerie, 2021, Außenansicht © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Simon Menges

Als Museum ist der Bau allerdings eher unpraktisch: so fällt zu viel Sonne auf die, zuweilen lichtempfindlichen, Exponate. Wegen mangelnder Wände gibt es wenig Ausstellungsmöglichkeiten für Gemälde oder Graphik. Auch die klimatischen Bedingungen des Gebäudes sind schwierig für die Kunst. 

Die aufwendige Sanierung

Die Neue Nationalgalerie ist Mies van der Rohes letzter Bau vor seinem Tod 1969 und sein einziger im Nachkriegsdeutschland. Der Bau dauerte von 1965 bis 1968: Nur halb so lang wie die Sanierung, die dringend notwendig war. Die von Mies eingesetzten sogenannten Mono-Gussglasscheiben waren durch Kondenswasser angelaufen und hatten, durch das sich ausdehnende Dach bei Hitze, Spannungsrisse. Mittlerweile wird jedoch auf der ganzen Welt keine Glasscheibe mehr mit den riesigen Ausmaßen von 3,60 Meter gegossen, was die Erneuerung zusätzlich erschwerte. Fündig wurde man in China, die noch eine Glasscheibengröße von 3,21 Meter produzieren.  Da man die ehemalige Einfachverglasung durch klimatisch günstigere Doppelverglasung ersetzen wollte, wurden viele Versuche unternommen was die Farbe, die Haltbarkeit und den Durchblick des Glases betrifft. Schließlich wurde man in Taiwan fündig, die eine Folie liefern konnten, die zwei Fenstergläser miteinander verbindet. Zusätzlich wurde der Bau technisch und energetisch an die heutigen Standards angepasst.

Das Gebäude musste in alle Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt werden. Selbstverständlich galt es gleichzeitig auch, die Auflagen des Denkmalschutzes zu berücksichtigen: Die Neue Nationalgalerie sollte sich nach der Sanierung genauso anfühlen und identisch aussehen wie vor der Grundinstandsetzung. Dieses Jonglieren zwischen Erneuern und Bewahren übernahm der Architekt David Chipperfield. Er konnte sich bei dieser Sanierung also nicht mit seinem Namen einschreiben, denn es sollte der Bau von Mies van der Rohe bleiben. Mit viel Fingerspitzengefühl ist Chipperfield diese Sanierung gelungen.

In der Ausstellung im Untergeschoss wird die Chronik des Baus bis hin zur Sanierung und die Geschichte Mies van der Rohes anhand von Fotos, Skizzen und Architekturmodellen, erzählt. Dazu gehört auch der Barcelona Chair, Mies‘ Design-Sessel, den er anlässlich der Weltausstellung 1929 für den deutschen Pavillon in Barcelona entworfen hatte – wie auch den Pavillon selbst.

Die Neue Nationalgalerie in Berlin
Pavillon Weltausstellung in Barcelona, Mies van der Rohe
Pavillon Barcelona links, Seagram Building Eingang rechts, beide Gebäude von Mies van der Rohe,

Mies van der Rohe und Bacardi

Mies van der Rohe bekam als ehemaliger Direktor des von den Nazis verbotenen Bauhaus in Deutschland keine Aufträge mehr. Er emigrierte 1938 in die USA und traf mit seinen Architekturentwürfen dort den Nerv der Zeit. Stahl und Glas waren die idealen Materialien für die amerikanische Hightech-Kultur. Das von Mies erbaute Seagram Building in New York ist der Sitz einer kanadischen Schnapsfirma. Hier kommt Bacardi ins Spiel: Die US-amerikanische Konkurrenz beauftragte den Architekten aus Deutschland, der inzwischen amerikanischer Staatsbürger war, mit der Gestaltung eines Firmengebäudes auf Kuba, dem damaligen Sitz des Familienunternehmens. Fidel Castro und die kommunistische Revolution verhinderten dann die Realisierung der transparenten Glashalle. 

Anfang der 1960er Jahre wurde der deutsche Star-Architekt dann gebeten in Deutschland zu bauen. Die Neue Nationalgalerie in Berlin wurde nach dem Entwurf der Bacardi Zentrale auf Kuba gebaut.

Eröffnungsausstellung: Calder und mehr Künstlerinnen

Calder in der Neue Nationalgalerie in Berlin
Die Neue Nationalgalerie in Berlin, Alexander Calder, Foto: Britta Kadolsky

Alexander Calder ist gefühlt schon immer Bestandteil der Ausstellungen der Neuen Nationalgalerie gewesen. So ist es selbstverständlich, dass auch bei der Ausstellungseröffnung die riesigen Mobiles von Calder luftig in der großen Halle hängen. Extra geschultes Personal bringt sie sogar zu jeder vollen Stunde in Bewegung: Ein Stupser ersetzt die, mittlerweile nicht mehr erlaubten, selbsttätigen Eingriffe der Besucher*innen. Prominent in der Mitte der Glashalle steht Calders knallrote Plastik Fünf Schwerter und wirkt monumental gegen die riesigen, aber filigranen Mobiles.

Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, Die Neue Nationalgalerie in Berlin
Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, Neue Nationalgalerie Berlin, CC BY 2.0

Die Film- und Medienkünstlerin Rosa Barba bespielt einen Raum mit verschiedenen filmischen und skulpturalen Arbeiten, die sich mit dem Gebäude auseinandersetzen. Die Eröffnungsausstellung zeigt insgesamt mehr Künstlerinnen im großzügigen Untergeschoss.

Ganz prominent hängt Lotte Lasersteins der Abend über Potsdam von 1930 am Beginn der Ausstellung. Die Komposition zeigt eine Gruppe Menschen an einem langen Tisch auf einer Dachterrasse und erinnert an christliche Abendmahldarstellungen, allerdings mit einer Frau in der Mitte. Die Atmosphäre ist düster und transportiert die resignierte Stimmung ob des aufkommenden Nationalsozialismus. Werke der polnischen Malerin Tamara de Lempicka aus der Sammlung der Staatlichen Museen zu Berlin sind ebenfalls ausgestellt. Die polnisch-jüdische Künstlerin des Art Déco, emigrierte 1939 in die USA. Seit kurzem wird die seinerzeit berühmte Künstlerin in Deutschland wiederentdeckt. (Da ich von beiden Künstlerinnen begeistert bin, werde ich demnächst einen Artikel darüber schreiben.)

In der Sammlung unter dem Titel Die Kunst der Gesellschaft 1900-1945, werden auch Werke von Pablo Picasso, Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix, George Grosz, den Brücke-Künstlern, Künstlern der neuen Sachlichkeit und des Expressionismus, etc. gezeigt. Die vielen parallel entwickelten Kunststile in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind hier nebeneinander zu bewundern. Ein Film über Berlin aus den 1920er Jahren rundet die Ausstellung ab.

Skulpturen draußen und drinnen

Alexander Calder riesige Skulptur Têtes et Queue von 1965 ist quasi ein Wahrzeichen des Museums vor der Nationalgalerie, seit der Eröffnung 1968. Ein Comeback feiert auch die 60 Tonnen schwere Skulptur von Richard Serras Berlin Block for Charly Chaplin. Sie benötigte ein Spezialfundament, um die Statik zu garantieren. Auf seinem ursprünglichen Platz ist auch Henry Moores Bronzeskulptur The Archer wieder installiert. Die seit 2016 vor dem Hamburger Bahnhof platzierte 3,6 Tonnen schwere LOVE-Skulptur aus Cortenstahl des US-Künstlers Robert Indiana, ist ebenfalls vor die Neue Nationalgalerie umgezogen.

Blick aus der Neue Nationalgalerie in Berlin, Richard Serra
Richard Serra, Berlin Block for Charly Chaplin, Die Neue Nationalgalerie in Berlin von Mies van der Rohe, Foto: Britta Kadolsky

Weitere Bildhauerwerke sind im Skulpturengarten auf der Hinterseite der Neuen Nationalgalerie zu entdecken. Nur bei gutem Wetter darf der Garten vom Untergeschoss aus betreten werden. Das Design von Mies van der Rohe zieht sich auch hier, von der Anordnung der Plastiken, über das Wasserbecken, die quadratischen Granitplatten (als Wiederholung der sich oben in der Halle befindlichen), bis zur Bepflanzung – Silberahorn und Gleditschie – durch. Das gesamte von Mies durchkomponierte Design wurde rekonstruiert.

Apropos Design: Auch seinen Namen, der eigentlich Maria Ludwig Michael Mies lautete, designte er: Seinen Nachnamen Mies ergänzte er mit van der und hängte dann den Mädchennamen seiner Mutter, Rohe, daran.

Fazit: Die perfekt wie auch diskret sanierte Neue Nationalgalerie, von den Berliner*innen liebevoll Tankstelle genannt, ist einfach faszinierend. Bautechnisch und architektonisch ein Meisterwerk und mit viel avantgardistischer Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgestattet. Das als damaliges ‚Westmuseum‘ direkt an der Mauer platzierte Gebäude der geteilten Stadt der Nachkriegszeit, strahlt in neuem Glanz– unbedingt anschauen. 

Die Neue Nationalgalerie in Berlin

Briefmarke Mies van der Rohe, Berlin Die Neue Nationalgalerie in Berlin
Die Neue Nationalgalerie in Berlin von Mies Briefmarke von 1986, anlässlich des 100. Geburtstags, Ausgabepreis: 50 Pfennig, Deutsche Bundespost Berlin, 1960, CC BY 2.0

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Die Liaison von Kunst und Werbung

von britta kadolsky • am

Was haben Kunst und Mode gemeinsam? Momentan, in der Pandemie: Museen, Modehäuser und Boutiquen haben geschlossen.Aber es gibt noch andere Zusammenhänge . . . Einer der bekanntesten liegenden Frauenakte der Kunstgeschichte ist Manets Olympia; 1865 löste das Bild bei der… Weiterlesen

Stilbruch auf Leinwand: Gerhard Richter

von Ruth Fühner • am

Eine nackte Frau mit blonder Bienenkorbfrisur schreitet eine Treppe herab. Frontalansicht, leicht unscharf. Die Farben: wie auf einem der ersten Farbfotos, ausgeblichen, die Treppe grünlich. Ema, 1966. 2 Meter mal einsdreißig.  Graue Rechtecke. Monochrom. Die Farbe mal mit grobem Pinsel gleichmäßig… Weiterlesen

Spektakuläre Museumsbauten: Teil 2

von britta kadolsky • am

Museumsarchitektur in ehemaligen Industriebauten  Im 1. Teil habe ich bereits die Frage gestellt: Welche Chance hat die Kunst neben der bombastischen Museumsarchitektur von heute? Dazu habe ich spektakuläre architektonische Meisterleistungen gezeigt, die eigens für die Präsentation von Kunst gebaut wurden. … Weiterlesen

Spektakuläre Museumsbauten: Teil 1

von britta kadolsky • am

Bei meinen Besuchen in den diversen Museen für moderne und zeitgenössische Kunst fällt mir immer wieder auf, wie beeindruckend Museumsarchitektur sein kann.  Ich denke hierbei an Bauten wie  Zusätzlich imponieren ehemalige Industriegebäude, die mittlerweile als Museum fungieren.  Selbstverständlich sind auch… Weiterlesen

Kunst im Berliner Technoclub Berghain: Teil 2

von britta kadolsky • am

Teil 2/2: Studio Berlin – Panoramabar, Schlackekeller,große Halle. Der 2. Teil meines Artikels über die großartige Ausstellung im Technoclub (Hier gehts zum 1. Teil). Dort habe ich über die Ausstellung im Main Dancefloor, der Klobar und die Toiletten berichtet.  Für… Weiterlesen

Berlin: Kunst im legendären Technoclub Berghain

von britta kadolsky • am

Teil 1/2: Studio Berlin – Main Dancefloor, Klobar, Unisex Toiletten.  Eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst in einem der coolsten Clubs Deutschlands: das passt zusammen! Wie allgemein bekannt und x-mal erwähnt: die Clubszene liegt seit Corona brach und die Clubs kämpfen… Weiterlesen

Wo Banane drauf ist, ist Kunst drin!

von britta kadolsky • am

Die Banane ziert Eingänge zur Kunst Alle, die sich für Kunst interessieren haben die knallgelbe Spray-Banane sicherlich schon mal an einer Häuserwand gesehen. Die Banane sieht aus wie aus einem Comic entsprungen. Die sehr einfache Form in Gelb mit den wenigen schwarzen… Weiterlesen

Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein

von britta kadolsky • am

“Blue has no dimension it is beyond dimensions.” Yves Klein Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein Endlich war ich, nach der Corona-bedingten Schließung, mal wieder im Städel. Die Gegenwartskunst im unterirdischen Erweiterungsbau, den Gartenhallen, ist ganz neu gehängt worden…. Weiterlesen

Ist das Kunst oder kann das weg?

von britta kadolsky • am

Die alte Diskussion… Von wem stammt eigentlich dieses Zitat? Es wird mittlerweile recht häufig benutzt, insbesondere um auszudrücken, dass man das jeweilige Kunstwerk nicht als ein solches anerkennen will. Ich möchte in diesem Artikel der Herkunft auf den Grund gehen und… Weiterlesen