Was kann Kunst? Lion Feuchtwangers Roman 'Erfolg'
Ruth Fühner
Was kann Kunst – Dieser Satz steht über Brittas Blog – und Lion Feuchtwangers in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstandener Roman „Erfolg“ gibt darauf eine doppelte Antwort.

Zum einen erzählt er von einem Justizskandal, ausgelöst durch die provokanten Kunstankäufe eines Münchner Museumsdirektors. Weil man diesem Martin Krüger nicht beikommen kann mit dem Vorwurf, er habe Steuergelder für Sauereien ausgegeben, inszeniert man eine Meineidintrige, die ihn erst ins Gefängnis und schließlich ums Leben bringt. Kunst kann also – wenn auch nur indirekt – tödlich sein.

Um diesen Skandal herum entwirft Feuchtwanger das von Hassliebe geprägte, überaus facettenreiche Panoptikum eines starrsinnigen, stiernackigen, reaktionären Bayern. Eines hundsföttigen Politik- und Justizbetriebs, in dem es immer um Macht und Karriere geht und nie um Gerechtigkeit. Ein Klima, in dem unter dem Label der „Wahrhaft Deutschen“ ein gewisser Kutzner nach der Macht greift, in dem unschwer Adolf Hitler zu erkennen ist (allerdings lässt ihn Feuchtwanger, zwar desillusioniert, aber noch nicht ganz hoffnungslos, am Ende scheitern – 1933, drei Jahre nach Erscheinen des Romans wurde diese Hoffnung Lügen gestraft).

Einer der mächtigsten Fädenzieher in diesem Münchner Betrieb ist der Justizminister Dr. Otto Klenk, ein Machiavellist, der glaubt, die Bewegung Kutzners für seine konservative Politik instrumentalisieren zu können. Der Krüger hingegen passt ihm nicht, er ist ihm schlicht und einfach zu selbstsicher, vertraut zu sehr auf seine Rechte und die Unangreifbarkeit seiner Position. Dabei hat Klenk nicht unbedingt etwas gegen die von Krüger angekauften Kunstwerke. Denn schließlich ist er ein durchaus kunstsinniger und in Maßen für die Moderne aufgeschlossener Mann. Das erweist sich im Roman exemplarisch bei einem Kinobesuch – und mit dieser Passage gibt Feuchtwanger seine eigentliche Antwort auf die Frage, was Kunst kann.
Panzerkreuzer Potemkin

Der Film, den Klenk sich anschaut, heißt „Panzerkreuzer Orlow“ und ist weitgehend deckungsgleich mit Sergej Eisensteins berühmtem Panzerkreuzer Potemkin. Klenk weiß, was ihn im Kino erwartet: ein tendenziöses Machwerk, das er sich eigentlich nur zu Studienzwecken anschaut nach dem Motto „Du musst deinen Feind kennen!“
Was er nicht erwartet, ist, wie sehr ihn der Film gefangen nehmen wird. Wie unter dem Eindruck von Eisensteins hoch emotionalisierten ästhetischen Verfahren sein Widerstand gegen die aufständischen Matrosen dahinschmilzt, wie er mit den solidarischen Bewohnern von Odessa zu sympathisieren beginnt, wie er mit den Meuterern fiebert, dass die zaristischen Truppen nicht das Feuer auf sie eröffnen.
Als der Minister das Kino verlässt, kennt er sich selbst nicht mehr. Er soll einer sein können, der angesichts einer Rebellion sagen würde: Schießt nicht? „In einem Schaufenster sieht er sein Gesicht, sieht darin einen nie gesehenen Zug von Hilflosigkeit. Er schaut ja aus wie ein Tier in der Falle.“
Aber die Verwandlung des mächtigen Ministers dauert nur einen Augenblick. Im nächsten schon ist der Zauber verflogen, die Macht der Kunst bricht sich an der unschönen Wirklichkeit, am Wiedereintritt in die Normalität: „Er lacht, ein bisschen verlegen. Winkt einem Wagen, beklopft seine Pfeife, steckt sie an. Und schon hat er sein Gesicht wieder eingerenkt in das alte, wilde, vergnügte, mit sich einverstandene“.
Was kann Kunst? Lion Feuchtwangers Roman ‚Erfolg‘
Diesen Beitrag teilen:
Newsletter
Wenn ihr keinen Beitrag verpassen und über neue Artikel informiert werden möchtet, abonniert meinen Newsletter.
"Was kann Kunst" ist auch auf:
Thomas Bayrle erfindet das Große im Kleinen
britta kadolsky am 9.3.2026
Xenia Hausner: Schafft eine Bühne für selbstbestimmte Frauen
am 16.2.2026
Ikonen der Kunstgeschichte
Saskia Wolf am 21.1.2026
Papier in der Kunst: Papier inspiriert Kunst über Jahrhunderte
britta kadolsky am 22.12.2025
Warum belebt Ophelia Kunst und Popkultur?
britta kadolsky am 17.11.2025
Fünf Graphic Novels, die Kunst neu erzählen
britta kadolsky am 3.11.2025
5 berühmte Künstlerpaare der Kunstgeschichte - Zwischen Passion und Untreue
Saskia Wolf am 18.10.2025
Max Liebermann – Maler des Lichts und des Lebens
britta kadolsky am 26.9.2025
Chaos, Körper, Farben: Die Kunst von Pipilotti Rist
britta kadolsky am 27.8.2025
CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959
britta kadolsky am 17.7.2025
Kunst beim Spazierengehen: 10 Skulpturen in Frankfurt
britta kadolsky am 2.7.2025
David Hockney - Zwischen Licht und Linie
britta kadolsky am 25.5.2025
Im Innern des Papiers – Skulpturen von Angela Glajcar
britta kadolsky am 7.5.2025
April, April: Die Kunst des Täuschens
britta kadolsky am 13.4.2025
Andreas Mühe – Im Banne des Zorns
britta kadolsky am 16.3.2025
Martin Kippenberger - Ein Künstler, der Wettsaufen und Punkmusik liebte
britta kadolsky am 18.2.2025
Die Zahl 100 in der Kunst: Symbolik und Bedeutung
britta kadolsky am 23.1.2025
Frauenpower: Künstlerinnen und Erfinderinnen
Saskia Wolf am 16.12.2024
Hans Haacke: Politische Kunst mit Tiefgang
britta kadolsky am 2.12.2024
Kunst unter Bäumen – der Internationale Waldkunstpfad in Darmstadt
Ruth Fühner am 10.11.2024
Blut, Fleisch, Kot: Ungewöhnliche Materialien in der Kunst:
britta kadolsky am 28.10.2024
Kunst und Kamera: Die vergessene Geschichte der Fotografinnen
britta kadolsky am 1.10.2024
Der Die dADa – Unordnung der Geschlechter
britta kadolsky am 5.9.2024
Der Skandal um den Kunstfälscher Beltracchi
britta kadolsky am 8.8.2024
Maurizio Cattelan: Italiens Skandalkünstler
Britta Kadolsky am 15.7.2024
Zeitgenössische Selbstporträts und ihre verschleierten Botschaften
britta kadolsky am 29.6.2024
Warum die Menschheit ins All muss: Antworten aus dem deutschen Pavillon
britta kadolsky am 16.6.2024
Die Top 10 der Biennale in Venedig 2024 (2)
Britta Kadolsky am 31.5.2024
Die Top 10 der Biennale in Venedig 2024
britta kadolsky am 23.5.2024
Käthe Kollwitz: Kunst als Ausdruck für tiefe Emotionen
britta kadolsky am 17.4.2024