Online-Führung durch die Balkenhol Ausstellung

britta kadolsky

Was für ein wunderbares Angebot in Anbetracht der pandemiebedingten Schließung: Eine Online Führung durch die Ausstellung von Stephan Balkenhol im Duisburger Lehmbruck Museum.
Die monumentalen bemalten Holzskulpturen des Bildhauers sind vielerorts im öffentlichen Raum zu bewundern. Fast in jeder großen Stadt Deutschlands steht eine Skulptur von ihm. Aber auch anderwo in Europa, den USA, Südafrika und in China sind seine Bildhauerwerke zu finden. 

Ich habe mich sehr auf die Ausstellung gefreut; schon kurz nach der Eröffnung musste das Museum leider wieder schließen. Wir wissen warum. Famos, dass das Museum eine Online-Führung anbietet und ich so in den Genuss komme Balkenhols rohe Holz-Skulpturen über Zoom zu bestaunen.

Stephan Balkenhol, Mann mit weißem Hemd und schwarzer Hose, 2020 © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto Wilfried Petzi, Courtesy Galerie Rüdiger Schöttle.jpg

Adam und Eva

Der Mann mit weißem Hemd und schwarzer Hose, ein Markenzeichen Balkenhols – das Museum spricht sogar von einer Ikone – begrüßt uns im Eingangsbereich. Eine Frau mit schwarzem Kleid und schwarzen Schuhen wird dem Mann zur Seite gestellt. Die beiden Skulpturen sind ca. einen Meter groß, der Mann etwas größer als die Frau. Die beiden stehen nicht auf einem Sockel, wie die meisten seiner Werke, sondern jeweils auf einem Ateliertisch. Wir erfahren von der Kunstführerin, dass Balkenhol die Ausstellung mit konzipiert hat. Ein Fun Fact: Kurz vor der Eröffnung sei Balkenhol mit Pinsel und Farbe noch mal schnell durch die fertige Ausstellung gelaufen und habe kleinste Ausbesserungen an einigen seiner Werke vorgenommen. 
Zurück zum Willkommenskomitee von Adam und Eva: Ihr Blick nimmt keinen Augenkontakt mit den Betrachter*Innen auf. Leicht erhöht gestellt blicken sie über die Besucher*Innen hinweg. Ihre Gesichter zeigen keine Emotionen. Wie gleichgültig stehen die beiden nebeneinander; auch gleichwertig in ihrer ähnlichen Haltung, dem Kleidungsstil, ihrer Regungslosigkeit. Einen Makel oder besondere Eigenheiten scheinen sie nicht zu haben. Es sind ‚Gestalten ohne Bedeutung‘ wie Eckhardt Nordhofen über Balkenhol schrieb.

Im großen Ausstellungsraum – wir folgen der Kunstführerin über den wackeligen Bildschirm – erwartet uns eine große männliche Büste. Eine Büste diente klassischerweise der Darstellung eines berühmten Menschen, um die Erinnerung an ihn für die Nachwelt zu konservieren. Dafür braucht es markante Merkmale zur Erkennung, die Balkenhol in seiner Figur erneut verweigert: Ein Widerspruch zur ursprünglichen Funktion der Büste. Balkenhol bildet anonyme Frauen und Männer ab, die keine gefeierten Helden oder historischen Persönlichkeiten sind.

Der Bildhauer verwendet für seine Arbeiten meistens Wawa-Holz, ein afrikanischer Baum der auch Abachi genannt wird. Das helle Holz eignet sich hervorragend für die Bildhauerei. Der Werkprozess ist durch die Strukturen, die Späne und Ecken, die der Künstler bewusst hinterlässt, deutlich nachvollziehbar. Grob behauen tragen die Skulpturen sichtbare Spuren der Bearbeitung und enthalten eine Rohheit die, trotz aller Figürlichkeit, an Art Brut erinnert.

Warum überhaupt Holz?

Ist es doch ein archaisches Material das scheinbar nicht mit zeitgenössischer Kunst einhergeht. Als klassischer Bildhauer mit Säge, Messer, Hammer und Beitel, arbeitet Balkenhol die Figuren aus dem Holzstamm heraus. Oft schafft er die Skulptur mit dem dazugehörigen Sockel zusammen aus einem Stück Holz; die beiden bilden stets eine Einheit. Figürlich zu arbeiten ist in der Bildhauerei der letzten Jahrzehnte eher ungewöhnlich. Balkenhols Lehrer an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, Ulrich Rückriem, erschafft geometrisch-abstrakte Formen mit klaren Linien aus Stein und wird dem Minimalismus und der Konzeptkunst zugeordnet. Sein Schüler schlägt den gegenteiligen Weg ein und erstellt Protagonisten des Alltags, die trotz ihrer Unbekanntheit auf Sockel gestellt werden. 

Bereits Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff fertigten figürliche Skulpturen aus Holz. Die Brücke-Künstler ließen sich von der sogenannten primitiven Kunst inspirieren: Grob behauenes Holz, nach dem Vorbild afrikanischer Skulpturen. Allerdings besitzen die expressionistischen Skulpturen einen Ausdruck durch Mimik und Gestik, während Balkenhols Figuren alltägliche und emotionslos wirkende Durchschnittstypen darstellen. 

Beim männlichen Torso sind die Arbeitsweise und die Struktur des Holzes sogar über Zoom besonders deutlich zu erkennen. Mit viel Energie wurde die Form aus dem Holz herausgearbeitet. Man hört quasi, wie beim Werkprozess das Holz zerbirst, die unebene und kantige Oberfläche wirkt wie mit Verletzungen und Narben übersät. Ein weiblicher Torso steht in der Ausstellung direkt daneben und zeigt die gleiche Beschaffenheit.
Während Skulpturen der Antike und der Renaissance größtenteils aufgrund von Beschädigungen zum Torso wurden, hat Rodin dieser menschlichen Rumpf-Skulptur in der Bildhauerei eine Berechtigung als eigene Kategorie gegeben. Ohne Kopf und Gliedmaße sei es einfacher, wenn man keinen bestimmten Menschen darstellen wolle, habe ihr der Künstler vor der Eröffnung verraten, sagt die Führerin. Das verwundert, sind seine Figuren doch ohnehin anonym.

Stephan Balkenhol vor Gepard, 21.10.2020, Foto Ursula Kaufmann J09A1987

Der Mensch ist das zentrale Thema bei Balkenhols plastischem Schaffen.

Aber auch Tiere gehören zu seinem Oeuvre. Der Bildhauer hat zahlreiche tierische Skulpturen geschaffen sowie Mischwesen aus Mensch und Tier. Während wir Menschen die Tiere gerne vermenschlichen, ‚vertiert‘ Balkenhol mit seinen Arbeiten den Menschen.
In der Führung durch die Ausstellung sehen wir eine menschliche Figur im Löwenkostüm. 
Handelt es sich um ein Motiv aus dem Karneval? Oder um eine Metamorphose? Symbolisiert der Löwe Kraft und Stärke? Zwei weitere gefährliche Tiere sehen wir in der Ausstellung. Der Gepard in Lebensgröße ist, genau wie das Krokodil, aus Zedernholz gearbeitet. Beide sehen durch die naturnahe Bemalung von weitem wirklichkeitsgetreu aus. Der Gepard hat einen ausdruckstarken Blick. Bei näherer Betrachtung – die Kunstführerin hält ihr Handy mit der Kamera nah vor die Skulpturen – sind die groben Bearbeitungsstrukturen unter der Farbe deutlich zu erkennen. Das Krokodil wurde vertikal mit dem dazugehörigen Brett als Sockel herausgehauen. Deutlich sind die Einschnitte der Motorsäge zu erkennen.
Ein Affe auf einem roten Sockel kommt dagegen so harmlos und niedlich daher, dass man die Geschichte, dieses Motiv sei von seiner kleinen Tochter inspiriert gewesen, sofort glaubt.
Ein weiteres Mensch-Tier-Wesen verwirrt mit dem Hundekopf auf einer menschlichen Gestalt. Sie trägt ein weißes Hemd und eine schwarze Hose, die linke Hand lässig in die Tasche gesteckt. Eine rätselhafte Figur, die nichts von sich preisgibt oder erzählt. Der Hundemann erinnert an Anubis, den Gott der Unterwelt in der ägyptischen Mythologie. 
Auch Mäuseköpfe hat Balkenhol auf menschliche Körper aufgesetzt : der Mäusemann trägt einen Blaumann und die Mäusefrau hat ein schickes rotes Kleid an.

Der untenherum nackte Mann mit dem offenen weißen Hemd hat seine linke Hand in die Hüfte gestemmt. Eine selbstbewusste Geste, gibt das offene Hemd den Blick doch auf sein Geschlecht frei, was ihn gleichzeitig verletzlich wirken lässt. Ein riesiges Pfauenrad hinter dem Mann unterstützt seine stolze Haltung. Die Zurschaustellung seiner Männlichkeit in Kombination mit dem prächtigen Pfauenrad gleicht einem Balzverhalten. Die männliche Figur ist lediglich 15 cm groß, doppelt so hoch ist das Pfauenrad dahinter. Auf einem hohen Sockel ist die Figur insgesamt jedoch auf Augenhöhe der Betrachter*innen gehoben. (Foto: siehe am Anfang des Artikels, Stephan Balkenhol, Pfau, 2018 © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto Studio Balkenhol)

Stephan Balkenhol, Mäusefrau, Mäusemann, 2020 © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto Dr. Thomas Köster.jpg

Ironisch wirkt der Diskuswerfer ohne Arme. Die große schwarze Scheibe hinter der wiederum nackten männlichen Figur symbolisiert einen Diskus und stellt gleichzeitig einen ästhetischen Kontrast zur hellen Hautfarbe dar. Attraktiv ist auch die Haltung von Standbein und Spielbein: Der rechte Fuß der Figur ruht leicht erhöht auf einem weißen Block.

Ebenfalls voller Ironie erscheint die Figur Nackter Mann. Die ungewöhnliche Erscheinung, nackt, aufrecht stehend und lediglich mit einer goldenen Krone bekleidet, wirft Fragen nach der Geschichte dahinter auf: Ist er ein König? Welches Volk, welchen Staat beherrscht der Monarch? Handelt es sich um eine Darstellung von Andersens Märchen ‚Des Königs neue Kleider‘, bei dem aus Furcht und wider besseres Wissen weder König noch Volk zugeben, dass ein Betrug vorliegt? Der abwesende Gesichtsausdruck des nackten Mannes mit der Goldkrone gibt darauf keine Antwort. Die Figur ist aus Douglasien-Holz gefertigt und zeigt die wunderschöne Maserung dieses Nadelbaums.


Stephan Balkenhol, Tanzendes Paar, 2013 © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto Uwe Walter

Am Ende der Führung treffen wir den für Balkenhol so typischen durchschnittlichen Mann wieder. Mit ausdruckslosem Gesicht steht er der Frau gegenüber. Die beiden schauen sich nicht an. Die einzige Verbindung besteht durch die Arme des Mannes, die die Taille der Frau umgreifen. 
Tanzendes Paar lautet der Titel der Arbeit.

Über 200 Exponate stellt das Lehmbruck Museum von Balkenhol aus, und selbstverständlich kann während einer Führung nur auf einen kleinen Teil eingegangen werden. Trotzdem illustriert die Führung Balkenhols Vielfalt über den ikonischen Mann mit weißem Hemd hinaus. Die Teilnahme war kostenlos: ein tolles Angebot des Museums. Glücklich habe ich den Ausflug in die Kunst genossen. Gerade in diesen Zeiten.

#ohnekunstwirdsstill

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