Rainer Fetting: Willy Brandt und die Berliner Mauer
britta kadolsky
Die Bronzeskulptur Willy Brandt von Rainer Fetting
Jeder kennt sie, zumindest aus dem Fernsehen: Die massive Bronze-Skulptur Willy Brandt ist von Rainer Fetting, der auch für seine Berliner Mauer Bilder bekannt ist. Die Skulptur steht in der Berliner Parteizentrale der SPD. Sie ist über 3,40 Meter hoch und wiegt 500 Kilo. Bei jeder SPD-Pressekonferenz ist die Bildhauerarbeit medial präsent.

Als ich vor dem riesigen Mann stehe, blicke ich beeindruckt nach oben. Der langjährige Parteivorsitzende und ehemalige Kanzler ist gut zu erkennen, obwohl Rainer Fetting kein fotorealistisches Abbild geschaffen hat. Zerfurcht und mit vielen groben Strukturen ist die metallene Oberfläche sehr unruhig. An die hohe Stirn und die wilden Haarbüschel erinnere ich mich von den Fernsehbildern meiner Kindheit her. Eindrucksvoll ist die Geste mit der übergroßen rechten Hand, die wie schützend oder wegweisend ausgestreckt ist. Die linke Hand steckt lässig in der Tasche der fast schlabberig wirkenden Hose. Das Jackett wirkt durch die Furchen ebenfalls wie zerknittert. Beim Herumgehen um die Plastik erkenne ich, wie wunderbar voluminös die gesamte Figur gearbeitet ist.

Als Berlin 1991 die gesamtdeutsche Hauptstadt wurde und die Regierung von Bonn nach Berlin wechselte, zogen auch die Parteizentralen um. Das vom Architekten Helge Bofinger entworfene Gebäude der SPD mit seinem Glasfoyer und der roten Fahne auf dem Dach steht in Kreuzberg.
Auftragsarbeit der SPD
Die Skulptur war die erste Auftragsarbeit Fettings, der bis dahin eher als Maler bekannt war. Der Künstler hat Willy Brandt nie persönlich getroffen. So schuf er die Skulptur nach Fotos und Filmen, übrigens aus Plastilin und nicht aus Ton wie eigentlich üblich. Fetting wollte kein idealisierendes Denkmal erstellen, er wollte den Politiker und Staatsmann wie auch den privaten Menschen zeigen, der unter anderem für seinen Kniefall von Warschau weltweite Anerkennung bekam.

Die Bronzeskulptur schaut nachdenklich ins Foyer, aber auch energisch und konzentriert. Vierundvierzig Versionen von Willy Brandt hat Fetting erstellt; einige stehen in Parks, andere in Privaträumen und im Museum.
Neben dem rostigen Würfel aus Cortenstahl mit den Buchstaben ‚SPD‘ vor dem Eingang wartet man auf Einlass. Die eindrucksvolle Bildhauerarbeit, die das luftige Foyer beherrscht, darf täglich ab 12 Uhr kostenfrei besichtigt werden. Zusätzlich gibt im Haus der SPD Kunstaustellungen und Events – in der Regel sehr lohnend!

Die knalligen Berliner Mauer Bilder
Einen Tag nach meiner Besichtigung der Willy Brandt Skulptur besuche ich das nur wenige 100 Meter entfernte Museum ‚Berlinische Galerie‘. Hier sehe ich die grell-gelbe Berliner Mauer auf Rainer Fettings Bild von 1977. Ich bin begeistert von der Komposition: die Mauer in Signalfarbe dominieren, nimmt die unteren zwei Drittel des Bildes ein. Der obere Teil, die Gebäude vorm Nachthimmel, ist in der Komplementärfarbe lila gemalt worden: So leuchtet die Mauer noch mehr.

Rainer Fetting lebte und studierte in den 1970er und 80er Jahren in West-Berlin. Die Berliner Mauer sieht er damals täglich, sie gehört selbstverständlich zum Leben in der geteilten Stadt und ist allgegenwärtig. Insbesondere in Berlin Kreuzberg, Fettings Lebensmittelpunkt. Zunächst zeichnet er sie, dann malt er sie großformatig in mehreren Ausfertigungen. Auf seinen Mauerbildern nimmt sie, von der DDR ‚antifaschistischer Schutzwall‘ genannt, immer mehr als die Hälfte des Bildraumes ein. Fetting malt sie in grellen Farben. Er stellt diese trennende Architektur, den Berliner Nachthimmel und einige wenige weitere Gebäudeelemente sehr reduziert, beinahe expressionistisch dar. Ein beleuchtetes Fenster vermittelt wenigstens einen Hauch von heimeligem Wohlgefühl bei all der Düsternis.
Im Frankfurter Städel-Museum hängt übrigens das erste von Fetting angefertigte Mauerbild:

Gemeinsam mit Salomé, Helmut Middendorf und Bernd Zimmer gründete Fetting Ende der 1970er Jahre die Künstlerselbsthilfe-Galerie am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg. Die sogenannten Neuen Wilden, auch die Moritz-Boys genannt, und hatten ziemlich schnell Erfolg und verkauften bald Bilder an Sammler und Museen.
Zwischenzeitlich lebte und malte Fetting in New York und ist mittlerweile wieder künstlerisch in Berlin zu Hause. Die Aufbruchsjahre nach dem Mauerfall inspirierten ihn zu weiteren Berliner Stadtansichten.
Weitere Artikel zu Kunst in Berlin gibt es hier und hier zu lesen.
Rainer Fetting: Willy Brandt und die Berliner Mauer
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