Sticken in der Kunst im KAI10 in Düsseldorf: Bunt - feministisch - aktivistisch
Ruth Fühner
Wer Brittas Empfehlung folgen und sich ein bisschen mehr umschauen möchte auf dem Gebiet der High-End-Stickerei, hat dazu bis 19. September 2021 Gelegenheit im KAI10 / ARTHENA FOUNDATION im Düsseldorfer Medienhafen (der ohnehin sehr sehenswert ist in seiner atemberaubend kunterbunten Architekturmischung). Und: es geht um Sticken in der Kunst.

Active Threads …
… heißt die aktuelle Schau mit textilen Kunstwerken – und sie hat einen explizit politischen Anspruch:
„Die Ausstellung dokumentiert, in welcher Form stoffliche Gewebe und textile Techniken politische Botschaften enthalten können, Dekor sich in radikale Symbolik verwandelt oder Stoffe Erinnerungen speichern und unsere materielle Umwelt bewahren“.

Sorgfältig versteckt ist die politische Botschaft in den Stick-Bildern von Kyungah Ham aus Südkorea. Auf den ersten Blick nur opulent wirkt ihr riesiger gestickten Prunk-Kronleuchter. Die entscheidende Spur zu Entstehung und Deutung legt die Materialangabe an der Wand: „middle man, anxiety, censorship, ideology“ steht da.
Tatsächlich schickt die Künstlerin ihre Entwürfe, vorsorglich verpixelt und verzerrt, über wechselnde Mittelsmänner nach Nordkorea, wo sie von Textilarbeiterinnen gestickt werden. Manchmal werden die fertigen Arbeiten auf dem Rückweg von nordkoreanischen Zensoren kassiert – aber die Kronleuchter dürften ihnen harmlos, weil aus den Repräsentationsräumen ihres autokratischen Regimes vertraut, vorkommen. Die emotionalen Kassiber andrer, psychedelisch anmutender Bilder hat Kyungah Ham auf einer zweiten Ebene unter der sichtbaren Oberfläche versteckt. Botschaften wie „I am Sorry“ oder „Are you lonely, too?“ ermöglichen so die Kommunikation zwischen zwei Welten, die durch eine scharf bewachte Grenze voneinander getrennt sind.

Deutlicher an der Oberfläche liegt die politische Botschaft bei den Wandteppichen von Cian Dayrit. Teilweise in Workshops mit Vertreter*innen unterdrückter Minderheiten erstellt er gestickte Landkarten seiner philippinischen Heimat. Auf den ersten Blick wirken sie wie historische Karten – hineingestickt sind aber auch Berichte ganz aktueller Menschenrechtsverletzungen durch das Duterte Regime – von dessen mörderischem Kampf gegen den Drogenhandel bis zur Corona-Politik.

Der bekannteste der ausgestellten Künstler ist der französische Biennale- und Documenta-Teilnehmer Kader Attia, dessen Thema die Reparatur des Unreparierbaren ist. Im KAI 10 hängt einer der zerbrochenen Spiegel, die er mit Garn geflickt hat; daneben ein Stück erdfarbene Sackleinwand mit einer narbigen Wulst, die beim Stopfen eines Risses entstand. Im Nebenraum läuft dazu ein Video, das von den fortwirkenden Traumata von Krieg und Kolonisierung erzählt (Ebenfalls in Düsseldorf, im K20, sind zwei überlebensgroße Holzköpfe zu sehen, die Attia im Senegal hat herstellen lassen – Vorlage waren Fotos kriegsversehrter Gesichter aus dem Ersten Weltkrieg).

Andere Arbeiten der Ausstellung Active Threads verweisen auf den traditionellen Zusammenhang von Textilkunst und braver Weiblichkeit, kehren ihn aber ins Rebellische um: in der frech-erotischen Darstellung weiblicher Lust (Magdalena Kita) oder in grafischen Schnittmustern nach den gestrickten und gehäkelten Kleidungsstücken der Feministinnen, die 20 Jahre lang im englischen Greenham Common ein Protestcamp gegen die Stationierung von US-Nuklearwaffen betrieben (Ellen Lesperance).

Und so hält diese international besetzte Ausstellung dem WWW, dem weltweiten Netz mit seinen virtuell ermöglichten Erfahrungen, die taktile Sinnlichkeit realer Stoffe und Erzählfäden entgegen.
Wer noch mehr über Textilkunst lesen möchte:
Textilkunst auf der Biennale in Venedig
Stickkunst im KAI10 in Düsseldorf: Bunt – feministisch – aktivistisch – Ruth Fühner
Foto oben: AT Kita too classy edition 2019, Fotos mit freundlicher Genehmigung von KAI10 / ARTHENA FOUNDATION
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