Fast ein Geheimtipp: Das Musée de la Chasse et de la Nature in Paris
Ruth Fühner
Das Pariser Musée de la Chasse et de la Nature ist ein Ort von ganz besonderem Zauber. Untergebracht in zwei vornehmen Privathäusern aus dem 17. Jhd., atmet es den Geist vergangener Epochen. Seidene Tapeten und schwere Vorhänge, antikes Mobiliar und strahlende Kronleuchter möblieren eine Flucht nobler Salons; Unmengen vergoldeter Bilderrahmen verstärken mit ihrem warmen Glanz die einladende Atmosphäre (wobei, ganz nebenbei bemerkt, das Museum neben vielen Genrebildern weniger bekannter Künstler auch solche von Rubens oder Breughel sein eigen nennt). Geboren aus dem Geist der Wunderkammern, ist das Museum bis ins kleinste Detail liebevoll und mit Witz gestaltet.
Das Sujet ist ja auf den ersten Blick eher ein blutrünstiges – die Gründer der Sammlung waren passionierte Jäger, ihre Jagdhütte ist im Museum sogar nachgebaut. Aber ihnen ging es nicht um Trophäen.
Für sie stand der Respekt, der sorgsame Umgang mit der Natur im Vordergrund. Und die Jagd war für sie nur ein Aspekt eines viel umfassenderen, elementaren Themas: des Verhältnisses von Mensch und Tier.
Menschheitsthema Jagd
Natürlich geht es auf vielen der Bilder im Museum blutig her: ein Hund, der einen toten Vogel apportiert, eine Meute, die ein Wildschwein angreift. Allerdings erfüllt die Jagd auch in unseren längst nicht mehr „natürlichen“ Landschaften eine wichtige Funktion. Und ein Reh, das im Wald geschossen wird, hat mit Sicherheit ein besseres Leben gehabt als ein Rind aus der Massentierhaltung.
Vor allem aber ist die Jagd eine der ältesten menschlichen Tätigkeiten. Und schon früh stellte sich das Bedürfnis ein, in irgendeiner Form Wiedergutmachung zu leisten am Geist des erlegten Opfers – was sich noch heute in Jagdritualen spiegelt. Von der tiefen Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier, dem Tierischen im Menschen und umgekehrt handeln unzählige Mythen; besonders schön bildhaft in der Erzählung von Diana und Actaeon. Darin verwandelt die antike Göttin der Jagd einen zudringlichen Jäger in einen Hirsch, der prompt von seinen eigenen Hunden gerissen wird. Hier im Museum allerdings schreitet Diana auch schon mal recht unschuldig daher, mit dem Bogen in der Hand …
Von Einhörnern und Wunderkammern
Der Inbegriff des mythischen Tiers ist das Einhorn. Ihm räumt das Museum ein dunkel leuchtendes Kuriositätenkabinett ein – und präsentiert sogar sein Horn! Klar, aufgeklärte Menschen wissen, dass kein Jäger je ein Einhorn sah (geschweige denn erlegte), und dass das geschnitzte Horn in Wirklichkeit vom Narwal stammt. Aber die Geschichten und Objekte rings ums Einhorn führen in eine magische Welt, in der man noch an Wunder glauben durfte (und in die man sich ausführlich auf den großartigen Wandteppichen im Musée de Cluny vertiefen kann, ebenfalls in Paris).
Könige des Waldes …
Ja, er ist ausgestopft, der Hirsch, der einem hier mitten im Salon anmutig entgegentritt. Und trotzdem lässt er noch etwas spüren von der Verpflichtung, die wir gegenüber unseren Mitgeschöpfen haben. Im Pariser Jagdmuseum bekommen sie etwas von ihrer Würde zurück. Und wer mag, kann sich in wunderbar altmodischen naturgeschichtlichen Kabinetten in ihre mythische und reale Bedeutung einlesen und -schauen.
… und überzüchtete Hunde
Zwar stammen die meisten Objekte des Museums aus früheren Jahrhunderten. Die Sonderausstellungen aber sind der Gegenwart gewidmet. Bis zu 5. März 2023 zum Beispiel der niederländischen Keramikkünstlerin Carolein Smit mit ihren grotesken, manchmal obszönen Skulpturen, die schamanische Mischwesen aus Mensch und Tier darstellen, aber auch eine Ratte auf einer Schmuckdose oder schmerzhaft überzüchtete Hunde mit protzigen Halsbändern – bei allen wirkt die Oberfläche, Feder oder Fell, zugleich hyperrealistisch und dekorativ.
Zeitgenössische Kunst und Humor
Auch in der ständigen Sammlung ist Kunst der Gegenwart zu entdecken – ein kleines mechanisches Flügelwesen von Rebecca Horn etwa, oder ein nächtlicher Eulenhimmel von Jan Fabre.
Bei all dem haben die Macher des Museums einen ganz wunderbaren Humor. Auf einem der Gobelin-Sessel schlummert ein ausgestopfter Fuchs, auf den andern warnt eine Distelblüte vor der Benutzung (stattdessen gibt es gemütliche Sofas zum Ausruhen). Und wenn es mal nicht so voll ist, kann es passieren, dass die Aufsicht sich Zeit nimmt für den Hinweis auf das eine oder andere ganz besondere Objekt. Die Flinte zum Beispiel, die um die Ecke schießt.
Fast ein Geheimtipp: Das Musée de la Chasse et de la Nature in Paris – Ruth Fühner
Foto Header: Jason Whittaker, CC BY-NC-SA 2.0
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