Castello di Rivoli bei Turin – Museum für zeitgenössische Kunst

Ruth Fühner

Das Castello di Rivoli bei Turin ist ein Museum für Gegenwartskunst – und  ein Ort, an dem sich die Künste und Zeiten alchemistisch miteinander mischen. Es ist das genaue Gegenteil eines White Cube – Räume, die von einer längst vergangenen Zeit und ihren überschäumenden Träumen erzählen. Das Schloss – im 13. Jhd. begonnen und zeitweise Sitz der Herzöge von Savoyen – wurde nie fertig gebaut. Im 19. Jhd. diente es als Kaserne, später zogen Werkstätten und Geschäfte ein, schließlich wurde es dem Verfall preisgegeben. In den 1960er Jahren begannen Restaurierungsarbeiten, 1984 wurde das Museum eröffnet. Glücklicherweise reparierten und übertünchten die Sanierer die Schäden nicht einfach, sondern erhielten die Anlage so, dass sie heute wie ein, freilich schwer beschädigtes, Musterbuch der Stile wirkt. Das hat zur Folge, dass man glatt durch die Ausstellungsräume gehen könnte und nur nach oben schauen – allein davon würde man schon satt. Von der großen nackten Backsteinkuppel über dem größten Saal, deren freigelegte, mächtige hölzerne Stützkonstruktion im Stockwerk darüber staunen macht. 

Castello di Rivoli, Italien, Ausschnitt Decke, Foto: Ruth Fühner

Vom prachtvollen Stuck in den eleganten Räumen, die noch heute imperialen Anspruch ahnen lassen.

Castello di Rivoli, Italien, Ausschnitt Decke, Foto: Ruth Fühner

Von den mehr oder weniger abgeblätterten Fresken voll spielerischer barocker Lebensfreude. 

Castello di Rivoli, Italien, Ausschnitt Decke mit Fresken, Foto: Ruth Fühner

Auf Augenhöhe wechseln sich Gipsbüsten und Marmor, echte Stuckierung und raffinierte Trompe l’oeils ab, die wirken, als wäre den  Bauherren einst das Geld ausgegangen, und sie hätten sich begnügen müssen mit falschem Stoff statt echter Seide. 

Castello di Rivoli, Italien, Ausschnitt Wand, Foto: Ruth Fühner

Und die groben Holzpaneele, die in manche Wände eingelassen sind – hingen da vorher Gemälde, die in der Not zu Geld gemacht wurden? 

Castello di Rivoli, Italien, Boden Trompe l’oeil, Foto: Ruth Fühner

Mitunter ist es sogar riskant, auf den Boden zu schauen – derart trügerisch dreidimensional wirkt die Bodenmalerei, dass man fürchten muss zu stolpern. 

Zeitgenössische Kunst in historischen Räumen

Ganz klar – Kunst, die sich in diesen Räumen behaupten will, hat es schwer. Oder ganz einfach, so wie die Wandmalerei von Sol LeWitt. Seine freskierten und weiß gerahmten einfarbigen Rechtecke wirken, in ihrer Reaktion auf die Proportionen des vorgegebenen Raums, als wären sie immer schon da gewesen. Wie eine überzeitliche, abstrakte Idee, die ihren reinsten Ausdruck gefunden hat.

Castello die Rivoli, Italien, Sol Lewitt, Foto: Ruth Fühner

Auf riesige Spiegelwände hat Michelangelo Pistoletto die lebensgroßen Fotografien von Menschen fixiert, die nun mit uns zusammen die Museumsräume bevölkern.

Castello die Rivoli, Italien, Michelangelo Pistoletto, Foto: Ruth Fühner

Und ja, auch das hängende Pferd des so oft als spekulativ gescholtenen Maurizio Cattelan passt hierher – hier scheinen Raum und Tier einander geradezu, wie in einer Apotheose, zu nobilitieren (und erinnern nicht, wie an anderen Ausstellungsorten, an eine Abdeckerei). 

Castello di Rivoli, Italien, Maurizio Cattelan, Foto: Ruth Fühner

Mein Lieblingsraum im Castello di Rivoli ist einer, der wie aus einem Traum entsprungen scheint. Ein kleines, dunkles Kabinett, ein intimer Zwischenraum zwischen gläsernen Türen. „Charlie don’t surf“ heisst die Arbeit, ebenfalls von Maurizio Cattelan, die zur Zeit dort einquartiert ist: ein kleiner Junge im Hoodie, Gesicht zur Wand an einem Schultisch sitzend. Eine träumerische Erinnerung an Kindheit, Einsamkeit, Eingeschlossensein und Verlorenheit.

Castello die Rivoli, Italien,  Maurizio Cattelan, Charlie don't surf, Foto: Ruth Fühner , kleiner Junge am Tisch in kleinem Zimmer
Castello di Rivoli, Italien, Maurizio Cattelan, Charlie don’t surf, Foto: Ruth Fühner

Ist dieses Kind der Vater jenes Mannes, den gleich nebendran Robert Wilson in ein lebensgroßes Video gebannt hat? Auf jeden Fall wirft die Nachbarschaft ein ganz neues, sehr kühles und einsames Licht auf den Strahlemann Brad Pitt. 

Brad Pitt, videostill, Robert Wilson Castello di Rivoli, Italien, Museum für zeitgenössische Kunst
Castello di Rivoli, Italien, Robert Wilson, Foto: Ruth Fühner

Bilder vom Menschen: Beeple versus Bacon

Im überproportional langen und schmalen Anbau des Schlosses, dem „langen Ärmel“, der einst die Bediensteten, die Pferdeställe und die Kunstsammlung der Hausherren beherbergte, ist dann doch White-Cube-Atmosphäre spürbar, oder besser: White-Tube-Atmo. In dem 147 Meter langen Schlauch zeigt die Museumsdirektorin Carolyn Christov-Bakargiev, einst künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13) in einer äußerst sparsamen Schau eine frappierende Arbeit von Michael Winkelmann, der unter dem Namen Beeple vor einiger Zeit das erste NFT, Not fungible Token, ein lediglich virtuell vorhandenes Kunstwerk, für ein paar Millionen verkaufte. Im telefonzellengroßen, langsam sich drehenden Turiner Glaskasten läuft eine Art Astronaut durch eine menschenleere, ruinöse oder von Geistern bevölkerte Welt. Läuft und läuft und läuft, Schritt um Schritt und doch auf der Stelle – und kein einziges Bild wiederholt sich. Ein apokalyptischer Blick zurück aus der posthumanen Zukunft auf unsere Gegenwart soll das wohl sein. Ein Hologramm, das ein bisschen plakativ wirkt und, so mein Verdacht, vor allem durch programmiertechnische Perfektion fasziniert. 

Michael Winkelmann Hologramm, beeile, Astronaut im Glaskasten
Castello di Rivoli, Italien, Michael Winkelmann, Foto: Ruth Fühner

Gegenübergestellt ist dieser Arbeit Francis Bacons „Study for Portrait IX“ eins seiner düsteren, eingekastelten, von unauslöschlichem Schmerz verzerrten Menschenbilder. Das setzt nicht nur einen fast bescheiden wirkenden, in Wirklichkeit viel mächtigeren Kontrapunkt gegen die alles überstrahlende Videoskulptur. Wie eine Schwarzblende setzt es auch den Schlusspunkt unter einen Besuch, der eher von fröhlichen Augenfreuden geprägt war als von der dunklen Sicht auf die Welt. 

Interessant (nicht nur) für FrankfurterInnen:

Vor dem Eingang zum Schloss steht eine Plastik aus zwei übereinandergetürmten Bäumen – man denkt sofort an Ariel Schlesingers Wahrzeichen für das Jüdische Museum Frankfurt. Der Rivoli-Baum allerdings trägt ein paar Spiegel in sich und ist von Giovanni Penone. 

Castello di Rivoli, Italien, Giovanni Penone, Foto: Ruth Fühner

Maurizio Cattelans „Charlie don’t surf“ wiederum hat einen Verwandten in Martin Honerts unheimlich stillen Knaben am Esstisch, der lange Zeit (allerdings von vorne – unvergesslich, dieser Blick!) im MMK zu sehen war.

Und schließlich gibt es gar nicht weit von Frankfurt ein Schloss, das eine ähnliche, vom Charme des Verfalls einer großen Vergangenheit geprägte Atmosphäre für Gegenwartskunst nutzt: die Ausstellungen des Kunstvereins Assenheim sind immer einen Besuch wert. 

Castello di Rivoli bei Turin in Italien – Museum für zeitgenössische Kunst

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Eine Freundin hat mich zum Sticken gebracht. Ich hatte diese wunderbare Betätigung bis dahin noch immer in die verstaubte, biedere Ecke der Muttis und Omis am heimischen Herd gepackt. Auch weil das Sticken weiblich konnotiert ist. Sticken transportierte jahrhundertelang weibliche… Weiterlesen

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von britta kadolsky • am

Schießkunst – Feministin – Künstlerin: Ein Schuss knallt und kurz darauf läuft rote Farbe über den Körper. Ein zweiter Schuss ertönt, auch er hat getroffen: gelbe Farbe quillt aus der Wunde. Niki de Saint Phalle schießt auf ihr Kunstwerk La mort… Weiterlesen

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Tschudi in Berlin Stellen Sie sich für einen Augenblick das großbürgerlich-kaiserliche Berlin um 1900 vor. Den Kurfürstendamm, das Westend, den Boulevard Unter den Linden. Den Rausch von Gründerzeitarchitektur, die hemmungslos Türmchen und Erker, Karyatiden und anderen Klingeling-Zierrat aufeinanderhäuft. Hinter den… Weiterlesen

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Max Beckmann in Frankfurt – eine Ausstellung im Städel Die Museen haben auf. Ich besuche das Städel, bevor nach ein paar Tagen alles wieder schließen muss. Die Beckmann Ausstellung im Städel ist klein, aber fein. Der Fokus liegt auf Beckmanns Jahren in… Weiterlesen

Jeremy Shaw im Frankfurter Kunstverein

von britta kadolsky • am

Hurra – die Museen sind wieder auf Als erster unterrichtet mich der Frankfurter Kunstverein per E-Mail über die Öffnung. Jeremy Shaw wird im Frankfurter Kunstverein gezeigt. Ich verliere keine Zeit und reserviere direkt Tickets: Eine riesige Leinwand erwartet uns bereits im Eingangsbereich:… Weiterlesen

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von britta kadolsky • am

Städel Sammlung: Die Highlights  „Museum für zu Hause – Live“ nennt das Museum seine Reihe der Online-Formate. Freudig nehme ich die Online-Führung über die Städel Highlights wahr.Ein Highlight ist die Online-Führung gleich aus mehreren Gründen:   Endlich kann ich mal wieder ein Museum ‚besuchen‘… Weiterlesen

Alfred von Meysenbug

von britta kadolsky • am

Comic-Autor, Maler, Illustrator und Plattencover-Gestalter von Udo Lindenberg Alfred von Meysenbug, einigen bekannt durch seine Comic-Bücher und die Illustration von Udo Lindenbergs Plattencovern, ist vor einem Jahr am 19. Februar gestorben. Meyse, wie er von seinen Freunden liebevoll genannt wurde, hieß… Weiterlesen

Online-Führung durch die Balkenhol Ausstellung

von britta kadolsky • am

Was für ein wunderbares Angebot in Anbetracht der pandemiebedingten Schließung: Eine Online Führung durch die Ausstellung von Stephan Balkenhol im Duisburger Lehmbruck Museum.Die monumentalen bemalten Holzskulpturen des Bildhauers sind vielerorts im öffentlichen Raum zu bewundern. Fast in jeder großen Stadt… Weiterlesen

Das Blaue vom Himmel

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Lapis, Indigo und Waid – die Geheimnisse der Farbe Blau.  Keine Spur von Blau, auf diesem Bild der National Gallery in London. Es ist, da sind sich die Experten weitgehend einig, wohl ein echter Michelangelo – wenn auch nicht gerade einer… Weiterlesen

Die Liaison von Kunst und Werbung

von britta kadolsky • am

Was haben Kunst und Mode gemeinsam? Momentan, in der Pandemie: Museen, Modehäuser und Boutiquen haben geschlossen.Aber es gibt noch andere Zusammenhänge . . . Einer der bekanntesten liegenden Frauenakte der Kunstgeschichte ist Manets Olympia; 1865 löste das Bild bei der… Weiterlesen

Stilbruch auf Leinwand: Gerhard Richter

von Ruth Fühner • am

Eine nackte Frau mit blonder Bienenkorbfrisur schreitet eine Treppe herab. Frontalansicht, leicht unscharf. Die Farben: wie auf einem der ersten Farbfotos, ausgeblichen, die Treppe grünlich. Ema, 1966. 2 Meter mal einsdreißig.  Graue Rechtecke. Monochrom. Die Farbe mal mit grobem Pinsel gleichmäßig… Weiterlesen

Spektakuläre Museumsbauten: Teil 2

von britta kadolsky • am

Museumsarchitektur in ehemaligen Industriebauten  Im 1. Teil habe ich bereits die Frage gestellt: Welche Chance hat die Kunst neben der bombastischen Museumsarchitektur von heute? Dazu habe ich spektakuläre architektonische Meisterleistungen gezeigt, die eigens für die Präsentation von Kunst gebaut wurden. … Weiterlesen

Spektakuläre Museumsbauten: Teil 1

von britta kadolsky • am

Bei meinen Besuchen in den diversen Museen für moderne und zeitgenössische Kunst fällt mir immer wieder auf, wie beeindruckend Museumsarchitektur sein kann.  Ich denke hierbei an Bauten wie  das zylindrisch geformte Guggenheim Museum in New York das technisch-futuristisch anmutende Centre Pompidou in… Weiterlesen

Kunst im Berliner Technoclub Berghain: Teil 2

von britta kadolsky • am

Teil 2/2: Studio Berlin – Panoramabar, Schlackekeller,große Halle. Der 2. Teil meines Artikels über die großartige Ausstellung im Technoclub (Hier gehts zum 1. Teil). Dort habe ich über die Ausstellung im Main Dancefloor, der Klobar und die Toiletten berichtet.  Für… Weiterlesen

Berlin: Kunst im legendären Technoclub Berghain

von britta kadolsky • am

Teil 1/2: Studio Berlin – Main Dancefloor, Klobar, Unisex Toiletten.  Eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst in einem der coolsten Clubs Deutschlands: das passt zusammen! Wie allgemein bekannt und x-mal erwähnt: die Clubszene liegt seit Corona brach und die Clubs kämpfen… Weiterlesen

Wo Banane drauf ist, ist Kunst drin!

von britta kadolsky • am

Die Banane ziert Eingänge zur Kunst Alle, die sich für Kunst interessieren haben die knallgelbe Spray-Banane sicherlich schon mal an einer Häuserwand gesehen. Die Banane sieht aus wie aus einem Comic entsprungen. Die sehr einfache Form in Gelb mit den wenigen schwarzen… Weiterlesen

Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein

von britta kadolsky • am

“Blue has no dimension it is beyond dimensions.” Yves Klein Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein Endlich war ich, nach der Corona-bedingten Schließung, mal wieder im Städel. Die Gegenwartskunst im unterirdischen Erweiterungsbau, den Gartenhallen, ist ganz neu gehängt worden…. Weiterlesen

Ist das Kunst oder kann das weg?

von britta kadolsky • am

Die alte Diskussion… Von wem stammt eigentlich dieses Zitat? Es wird mittlerweile recht häufig benutzt, insbesondere um auszudrücken, dass man das jeweilige Kunstwerk nicht als ein solches anerkennen will. Ich möchte in diesem Artikel der Herkunft auf den Grund gehen und… Weiterlesen