Die Marienkirche in Aulhausen – gestaltet von Künstlern des Atelier Goldstein

Ruth Fühner

Ein Erlöser

Was für eine Erlöserfigur! Ein Trumm von einem Mann, geschlagen aus einem drei Tonnen schweren Eichenstamm. Ein Querschädel, die Arme weit ausgebreitet. Wären nicht die Speerwunde in der Seite, die Nagelmale in Händen und Füssen – man könnte diesen Christus für lebendig halten, so kraftvoll empfängt er die Besucher der sanierten Marienkirche in Aulhausen nahe Rüdesheim

Die Marienkirche in Aulhausen – gestaltet von Künstlern des Atelier Goldstein
Chorraum, Julius Bockelt, Christus Figur, 2015, Foto: Norbert Miguletz

Die Marienkirche

Errichtet im 13. Jahrhundert von Zisterzienserinnen, gehört sie zum ältesten Kern des St. Vinzenzstifts über Rüdesheim. Im Lauf der Zeit war der romanische Kirchenraum unter anderem ausgebrannt und als Abstellkammer genutzt worden – bis die Leitung des Stifts auf die Idee kam, sie wiederzubeleben. Keine leichte Aufgabe für den Architekten Stephan Dreier, der erstmal eine Betonempore und das unechte Gewölbe im Chor entfernen und das Fundament abstützen lassen musste, um den schlichten Eindruck des Ursprungs wieder herzustellen.

Der Auftrag für die künstlerische Neugestaltung der Kirche ging an das Frankfurter Atelier Goldstein. Eine ideale Paarung – denn im Atelier arbeiten ausschließlich Künstler mit dem, was man landläufig „Behinderung“ nennt – hauptsächlich Autisten oder Menschen mit Down-Syndrom. Und dass sie Künstler sind, daran lässt die Marienkirche keinen Zweifel. Julius Bockelt zum Beispiel, der die eindrückliche Christusfigur schuf.

Gottvater und Flatterwesen

Kirchenfenster, Glasmalerei, Die Marienkirche in Aulhausen – gestaltet von Künstlern des Atelier Goldstein
Andreas Skorupa, Der ungläubige Thomas, Glasmalerei und Antikglas, 2013, Foto: Norbert Miguletz

Oder Andreas Skorupa, der die Fenster an den Schmalenden der Kirche gestaltete. Sie sehen aus wie das Werk eines Comiczeichners – nur ohne die Vorbehalte der zeitgenössischen religiösen Kunst. Wo sie sich wegduckt ins Abstrakte, tritt Gottvater hier im vollen Ornat auf, und die Heilige Dreifaltigkeit wird ergänzt durch ein kleines rotes Flatterwesen, dessen Identität der Künstler bewusst offen lässt. Nicht umsonst heißt das Glasfenster „Unbegreiflichkeit Gottes“, und es strahlt in einem satten Rosa, als wäre das Wort tatsächlich Fleisch geworden.

Kirchenfenster, Die Marienkirche in Aulhausen – gestaltet von Künstlern des Atelier Goldstein, Andreas Skorupa
Andreas Skorupa, Fensterzyklus Unbegreiflichkeit Gottes und Schöpfung, Glasmalerei und Antikglas, 2012, Foto: Sven Fritz

Sonst aber ist alles auf Zurückhaltung ausgelegt in diesem schönen kargen Raum. Schließlich verzichteten die Zisterzienserinnen bewusst auf allen kirchlichen Prunk und verpflichteten sich der Armut. Armut – das war auch das Thema, von dem die Zusammenarbeit zwischen Kirchenleuten und Künstlern in Aulhausen ihren Ausgang nahm. Ziemlich überraschend war die Anregung, die der ehemalige Limburger Bischof Franz Kamphaus, der seinen Lebensabend im Stift verbringt, in den ersten Workshop mitbrachte. Christiane Cuticchio, damals Leiterin des Atelier Goldstein, hatte sich auf eine theologische Lektion vorbereitet, auf Bibeltexte und Psalmen. Statt dessen las Kamphaus Kafkas „Hungerkünstler“ vor – komplett.

Scherenschnitt in Muschelkalk

Die Marienkirche in Aulhausen – gestaltet von Künstlern des Atelier Goldstein, Muschelkalk, Markus Schmitz
Markus Schmitz, Schutzmantelmadonna, Muschelkalkstein Relief, 2015, Foto: Norbert Miguletz

Hoch und licht, in sanftem Weiß gekalkt, strahlt die „neue“ Marienkirche Geborgenheit aus. Die Umrisse der Namenspatronin hat Markus Schmitz in einer kleinen Nische wie einen zarten Scherenschnitt in Muschelkalk reliefiert.

Die Marienkirche in Aulhausen – gestaltet von Künstlern des Atelier Goldstein, christus aus Holz, Vorhang mit Zitaten von Clairvaux
Chorraum, 2015, Foto: Norbert Miguletz
Atelier Goldstein, aus stoff genähte buchstaben, Julia Krause-Harder
Julia Krause-Harder, Textilarbeit (Ausschnitt), 2015, Foto: Norbert Miguletz

Ein Vorhang trennt eine kleine Kapelle ab, auf ihn hat die gelernte Schneiderin Julia Krause-Harder ein Zitat des Ordensgründers Bernhard von Clairvaux genäht. Und in den Boden ist silbern glänzend die Silhouette eines riesigen Engelsflügels (gestaltet von der verstorbenen Birgit Ziegert) eingelassen – als ob er die Besucher sicher über alle Herausforderungen hinweg trüge.

Besucher willkommen

Die Marienkirche in Aulhausen, engelsflügel am Boden, birgit Ziegert
Ansicht Ostseite mit Birgit Ziegerts Engelflügel (Bodenarbeit), Neusilberintarsie, 2015, Foto: Norbert Miguletz

Und die Besucher sollen strömen! Zu Gottesdiensten, Hochzeiten und Taufen – oder, natürlich, um der Kunst willen. Für Caspar Söling jedenfalls, den Leiter des St. Vinzenzstiftes, ist die Aulhausener Kunstkirche Teil eines neuen Gesamtkonzepts: von einer Anstalt hin zu einer Einrichtung, die die Inklusion ernstnimmt und Neugier weckt auf beide Seiten: auf Menschen mit Beeinträchtigung und ohne.

Die Marienkirche in Aulhausen – gestaltet von Künstlern des Atelier Goldstein – Ruth Fühner

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Kurz bevor das Jahr zu Ende geht, muss ich natürlich noch über Joseph Beuys sprechen. Wie hinlänglich bekannt, wäre dieses Jahr sein 100. Geburtstag gewesen. Posthum hat der Künstler daher unglaublich große Aufmerksamkeit bekommen: Über 20 Ausstellungen widmeten sich 2021… Weiterlesen

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Heute möchte ich von einem meiner Lieblingsmaler berichten: Lucian Freud – Maler der Queen und der Nackten. Vor 10 Jahren ist der Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud gestorben.  Neben einem kleinen Bild von der Queen, malte er auch Berühmtheiten wie Kate Moss, Jerry… Weiterlesen

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Raffaels Engel sind überall. Die Geschichte des Renaissance-Gemäldes, die ich heute erzähle, begann vor 500 Jahren und erlebt seit etwa 50 Jahren selbst eine unglaubliche Renaissance. Der Fairness halber sollte ich noch ergänzen, dass die neuerliche popkulturelle Aufmerksamkeit sich lediglich… Weiterlesen

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Was Paris recht ist, ist Frankfurt billig. Die Glaspyramiden am Messeturm sind, na ja, fast so schön wie ihre Schwestern im Innenhof des Grand Louvre. Immerhin, in eine Art Museum geht es hier auch. Eins, das es zumindest an Ausdehnung… Weiterlesen

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Eine Freundin hat mich zum Sticken gebracht. Ich hatte diese wunderbare Betätigung bis dahin noch immer in die verstaubte, biedere Ecke der Muttis und Omis am heimischen Herd gepackt. Auch weil das Sticken weiblich konnotiert ist. Sticken transportierte jahrhundertelang weibliche… Weiterlesen

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Schon zu Titos Zeiten hatte das istrische Küstenstädtchen Portorož etwas von seiner eleganten Weltläufigkeit bewahren können – und das gilt nicht zuletzt in Sachen Kunst.  1961 fand hier, auf der grünen Halbinsel Seca, erstmals die Bildhauerbiennale Forma Viva statt. Seither… Weiterlesen

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How will we live together? Wie werden wir zusammen leben? Das ist das spannende Motto der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. Das Zusammenleben in der Zukunft ist eine Riesen-Herausforderung: Soziale Ungerechtigkeiten, Nachhaltigkeit, Solidarität, Klimawandel, Migration, Rassismus, politische Polarisierungen … große Probleme… Weiterlesen

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Kunst im öffentlichen Raum heißt das Stichwort! In Frankfurts Wallanlagen, einem grünen Parkstreifen um die Innenstadt, stehen dutzende Skulpturen. 5 davon habe ich genauer betrachtet. Alle weiblich, alle nackt. Warum?… Weiterlesen

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Schießkunst – Feministin – Künstlerin: Ein Schuss knallt und kurz darauf läuft rote Farbe über den Körper. Ein zweiter Schuss ertönt, auch er hat getroffen: gelbe Farbe quillt aus der Wunde. Niki de Saint Phalle schießt auf ihr Kunstwerk La mort… Weiterlesen

Wie die Moderne nach Berlin kam – Mariam Kühnel-Hussainis Roman ‘Tschudi’

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Tschudi in Berlin Stellen Sie sich für einen Augenblick das großbürgerlich-kaiserliche Berlin um 1900 vor. Den Kurfürstendamm, das Westend, den Boulevard Unter den Linden. Den Rausch von Gründerzeitarchitektur, die hemmungslos Türmchen und Erker, Karyatiden und anderen Klingeling-Zierrat aufeinanderhäuft. Hinter den… Weiterlesen

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von britta kadolsky • am

Max Beckmann in Frankfurt – eine Ausstellung im Städel Die Museen haben auf. Ich besuche das Städel, bevor nach ein paar Tagen alles wieder schließen muss. Die Beckmann Ausstellung im Städel ist klein, aber fein. Der Fokus liegt auf Beckmanns Jahren in… Weiterlesen

Jeremy Shaw im Frankfurter Kunstverein

von britta kadolsky • am

Hurra – die Museen sind wieder auf Als erster unterrichtet mich der Frankfurter Kunstverein per E-Mail über die Öffnung. Jeremy Shaw wird im Frankfurter Kunstverein gezeigt. Ich verliere keine Zeit und reserviere direkt Tickets: Eine riesige Leinwand erwartet uns bereits im Eingangsbereich:… Weiterlesen

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von britta kadolsky • am

Städel Sammlung: Die Highlights  „Museum für zu Hause – Live“ nennt das Museum seine Reihe der Online-Formate. Freudig nehme ich die Online-Führung über die Städel Highlights wahr.Ein Highlight ist die Online-Führung gleich aus mehreren Gründen:   Endlich kann ich mal wieder ein Museum ‚besuchen‘… Weiterlesen

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Comic-Autor, Maler, Illustrator und Plattencover-Gestalter von Udo Lindenberg Alfred von Meysenbug, einigen bekannt durch seine Comic-Bücher und die Illustration von Udo Lindenbergs Plattencovern, ist vor einem Jahr am 19. Februar gestorben. Meyse, wie er von seinen Freunden liebevoll genannt wurde, hieß… Weiterlesen

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von britta kadolsky • am

Was für ein wunderbares Angebot in Anbetracht der pandemiebedingten Schließung: Eine Online Führung durch die Ausstellung von Stephan Balkenhol im Duisburger Lehmbruck Museum.Die monumentalen bemalten Holzskulpturen des Bildhauers sind vielerorts im öffentlichen Raum zu bewundern. Fast in jeder großen Stadt… Weiterlesen

Das Blaue vom Himmel

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Lapis, Indigo und Waid – die Geheimnisse der Farbe Blau.  Keine Spur von Blau, auf diesem Bild der National Gallery in London. Es ist, da sind sich die Experten weitgehend einig, wohl ein echter Michelangelo – wenn auch nicht gerade einer… Weiterlesen

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von britta kadolsky • am

Was haben Kunst und Mode gemeinsam? Momentan, in der Pandemie: Museen, Modehäuser und Boutiquen haben geschlossen.Aber es gibt noch andere Zusammenhänge . . . Einer der bekanntesten liegenden Frauenakte der Kunstgeschichte ist Manets Olympia; 1865 löste das Bild bei der… Weiterlesen

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von Ruth Fühner • am

Eine nackte Frau mit blonder Bienenkorbfrisur schreitet eine Treppe herab. Frontalansicht, leicht unscharf. Die Farben: wie auf einem der ersten Farbfotos, ausgeblichen, die Treppe grünlich. Ema, 1966. 2 Meter mal einsdreißig.  Graue Rechtecke. Monochrom. Die Farbe mal mit grobem Pinsel gleichmäßig… Weiterlesen

Spektakuläre Museumsbauten: Teil 2

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Museumsarchitektur in ehemaligen Industriebauten  Im 1. Teil habe ich bereits die Frage gestellt: Welche Chance hat die Kunst neben der bombastischen Museumsarchitektur von heute? Dazu habe ich spektakuläre architektonische Meisterleistungen gezeigt, die eigens für die Präsentation von Kunst gebaut wurden. … Weiterlesen

Spektakuläre Museumsbauten: Teil 1

von britta kadolsky • am

Bei meinen Besuchen in den diversen Museen für moderne und zeitgenössische Kunst fällt mir immer wieder auf, wie beeindruckend Museumsarchitektur sein kann.  Ich denke hierbei an Bauten wie  das zylindrisch geformte Guggenheim Museum in New York das technisch-futuristisch anmutende Centre Pompidou in… Weiterlesen

Kunst im Berliner Technoclub Berghain: Teil 2

von britta kadolsky • am

Teil 2/2: Studio Berlin – Panoramabar, Schlackekeller,große Halle. Der 2. Teil meines Artikels über die großartige Ausstellung im Technoclub (Hier gehts zum 1. Teil). Dort habe ich über die Ausstellung im Main Dancefloor, der Klobar und die Toiletten berichtet.  Für… Weiterlesen

Berlin: Kunst im legendären Technoclub Berghain

von britta kadolsky • am

Teil 1/2: Studio Berlin – Main Dancefloor, Klobar, Unisex Toiletten.  Eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst in einem der coolsten Clubs Deutschlands: das passt zusammen! Wie allgemein bekannt und x-mal erwähnt: die Clubszene liegt seit Corona brach und die Clubs kämpfen… Weiterlesen

Wo Banane drauf ist, ist Kunst drin!

von britta kadolsky • am

Die Banane ziert Eingänge zur Kunst Alle, die sich für Kunst interessieren haben die knallgelbe Spray-Banane sicherlich schon mal an einer Häuserwand gesehen. Die Banane sieht aus wie aus einem Comic entsprungen. Die sehr einfache Form in Gelb mit den wenigen schwarzen… Weiterlesen

Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein

von britta kadolsky • am

“Blue has no dimension it is beyond dimensions.” Yves Klein Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein Endlich war ich, nach der Corona-bedingten Schließung, mal wieder im Städel. Die Gegenwartskunst im unterirdischen Erweiterungsbau, den Gartenhallen, ist ganz neu gehängt worden…. Weiterlesen

Ist das Kunst oder kann das weg?

von britta kadolsky • am

Die alte Diskussion… Von wem stammt eigentlich dieses Zitat? Es wird mittlerweile recht häufig benutzt, insbesondere um auszudrücken, dass man das jeweilige Kunstwerk nicht als ein solches anerkennen will. Ich möchte in diesem Artikel der Herkunft auf den Grund gehen und… Weiterlesen