Jüdisches Museum Frankfurt – Samson Schames

britta kadolsky

Eine Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt würdigt Samson Schames 

Von Samson Schames erfuhr ich zuerst durch eine Nachbarin. Sie war befreundet mit Schames’ Witwe Edith, die meiner Nachbarin Bilder ihres verstorbenen Mannes vermacht hatte. Ich fühlte mich sowohl von den Bildern als auch der Geschichte von Schames berührt. Siegfried Samson Schames (1898 – 1967) war einer der mehr als 12.000 vertriebenen Juden aus Frankfurt. Sein Werk ist fast in Vergessenheit geraten. Nun sind endlich einige seiner Bilder im Jüdischen Museum in Frankfurt in einer Kabinettausstellung zu sehen

Jüdisches Museum Frankfurt – Samson Schames, Eine Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt würdigt Samson Schames , Porträtfoto schwarzweiß
Samson Schames, Porträt, Jüdisches Museum Frankfurt

Schames stammte aus einer alteingesessenen, jüdisch-orthodoxen Frankfurter Familie. Nach dem frühen Tod seines Vaters, lebte er mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern, unterstützt von den Rothschilds, bei denen der Vater gearbeitet hatte, weiter in der Wohnung in Frankfurt Bornheim. Seine Mutter und seine Schwester wohnten dort im Sandweg 5, bis sie deportiert und ermordet wurden. 

Stolpersteine in Frankfurt, Schames, Jüdisches Museum Frankfurt – Samson Schames
Stolpersteine im Sandweg 5, Frankfurt Bornheim, Luise Schames und Sofie Schames

Neben dem Museum Judengasse am Frankfurter Börneplatz ragen fast 12.000 kleine eingelassene Blöcke aus einer sehr langen Mauer. Jeder trägt den Namen eines der im Holocaust deportierten und ermordeten Frankfurter Jüdinnen und Juden – auch Samson Schames‘ Mutter und Schwester gehören dazu.

Museum Judengasse, börneplatz Frankfurt, lange Mauer mit Blöcken, auf jeden ein Name von einer deportierten und ermordeten Jüdin/Juden
Museum Judengasse, Frankfurt Börneplatz, Mauer mit Blöcken der deportierten und ermordeten Frankfurter Jüdinnen und Juden, links von einigen Mitgliedern der Familie Rothschild, rechts Louise und Sofie Schames

Samson Schames‘ Onkel Ludwig Schames war ein sehr bekannter Galerist in Frankfurt und einer der bedeutendsten Kunsthändler in Deutschland. Er stellte früh Werke von Ernst Ludwig Kirchner, August Macke und Max Pechstein aus. 

Jüdisches Museum Frankfurt – Samson Schames | Was kann Kunst
Ernst Ludwig Kirchner, Portrait of Ludwig Schames ca.1917/18, Original from The Minneapolis Institute of Art. Digitally enhanced by rawpixel, CC BY 2.0

 

Die Kabinettausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt zeigt Werke von Samson Schames aus seinen drei sehr unterschiedlichen Lebensphasen: Seine Frankfurter Zeit vor der Emigration, gefolgt von eindrücklichen Werken im Exil und in Gefangenschaft in England und zuletzt seinen Arbeiten in New York.

Schames künstlerische Anfänge in Frankfurt

Zunächst studierte Schames an der Kunstgewerbeschule Offenbach und setzte das Studium nach zwei Jahren Militärdienst an der Kunstgewerbeschule Frankfurt fort. Er begann seine künstlerische Karriere als Grafiker, Textildesigner, Bühnenbildner und als Maler. Er erstellte Radierungen und Reklameschilder. Außerdem malte er Stadtansichten von Frankfurt, wie beispielsweise den Opernplatz oder den nahe gelegenen Rothschildpark. Bertha Pappenheim, Frauenrechtlerin und Hysterie-Patientin von Sigmund Freund, saß Schames zum Porträtieren Modell. Der Platz vor dem Jüdischen Museum in Frankfurt ist übrigens nach Bertha Pappenheim benannt.

Jüdisches Museum Frankfurt, Bertha-Pappenheim-Platz, Rothschild-Palais, Lichtbau, Skulptur aus zwei übereinander gestapelten Blumen am Ende des dreieckigen Platzes, Ariel Schlesinger
Außenansicht mit Lichtbau und Rothschild-Palais. Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Norbert Migluetz CC-BY 4.0
Bertha-Pappenheim-Platz

Mitte der 1930er Jahre malte er auch Bilder von jüdischen Menschen, bedroht und verfolgt durch das NS-Regime. Seit 1934 durften Juden in Deutschland nicht mehr ausstellen. So blieben Schames nur noch Orte wie der Jüdische Kulturbund, sein Atelier, das Jüdische Museum in Berlin oder Theater, an denen er als Bühnenbildner arbeiten durfte. Daneben bereitete er seine Flucht über Holland nach England vor. Kurz nach der Reichsprogromnacht von 1938, in der auch einige seiner Bilder und Werke andere jüdischer Künstler zerstört wurden, floh er mit seiner Frau und emigrierte 1939 nach England. Er konnte nur wenige Kunstwerke mitnehmen, daher sind viele Bilder aus der Frankfurter Zeit verloren gegangen.

Jüdisches Museum Frankfurt – Samson Schames, Eine Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt würdigt Samson Schames , Samson Schames, Opernplatz Frankfurt, 1930, Ölgemälde, Jüdisches Museum Frankfurt
Samson Schames, Opernplatz Frankfurt, 1930, Ölgemälde, Jüdisches Museum Frankfurt
Eine Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt würdigt Samson Schames , Samson Schames, Straße im Herbst (Rothschildpark), um 1935, Ölgemälde, Jüdisches Museum Frankfurt
Samson Schames, Straße im Herbst (Rothschildpark), um 1935, Ölgemälde, Jüdisches Museum Frankfurt

Schames Werk im britischen Exil  

Auch im britischen Exil war Schames künstlerisch tätig. Er schloss sich der Free German Cultural Association(Freier deutscher Kulturbund) an und nahm an Ausstellungen teil. 

1940 wurde er über drei Monate in einem Lager in der Nähe von Liverpool zusammen mit Emigranten aus Deutschland und Österreich inhaftiert. 

Ich bin beeindruckt von seinem Willen, weiterhin zu malen: Da es keine Farben gab, mixte er sich welche zusammen: Aus dicker Kondensmilch vermischt mit schwarzem Ruß erhielt er das beste Schwarz, mit dem er je gemalt hatte. (Zitate aus seinem Radio-Interview in New York im Februar 1950). Aus Rote-Beete-Saft gewann er rote Farbe und auch Marmelade wurde vermalt. Obwohl es nicht viel zu essen gab, knappste er etwas für seine Bilder ab. Seine abgeschnittenen Barthaare band er an einem Stock, um sich einen Pinsel zu basteln. Seine Motive zu jener Zeit: Vom Krieg und deutschen Bomben zerstörte Häuser und Szenen des Inhaftierungslagers. 

Jüdisches Museum Frankfurt – Samson Schames, Eine Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt würdigt Samson Schames , Samson Schames, Zehn nach Zehn, 1941, Tempera und Gouache mit Sand auf Papier, eine Uhr an der rechten oberen Ecke zeigt die Uhrzeit 10 nach 10, in schwarz und grau gehaltenes düsteres Bild von einem zerstörten Zaun und dahinter Gebäude
Samson Schames, Zehn nach Zehn, 1941, Tempera und Gouache mit Sand auf Papier, 57,5 × 39,2 cm, in Privatbesitz

Außerdem bog er aus Stacheldraht kleine Figuren, die er mit Wandering Jew und Back Again betitelte.

Kunstwerke aus Bombensplittern

Nach dem Ende seiner Inhaftierung ging Schames nach London zurück und arbeitete als Feuerschutzmann. In dieser Zeit begann er an seinen Mosaiken zu arbeiten. Sie haben mich am meisten beeindruckt, wurden leider jedoch fast alle lediglich im Vortrag anlässlich der Vernissage im Jüdischen Museum gezeigt: Aus den unterschiedlichsten Materialien wie rostigen Nägeln, Granatsplittern, zerbrochenem Geschirr, Steinen, Draht und allen möglichen Holz- und Glasstücken, die Schames unter den Trümmern der bombardierten Häuser gefunden hatte, fertigte er große Mosaike. Sie zeigen Verwundete, schmerzerfüllte Gesichter, Schutzsuchende und tote Opfer des grausamen Krieges. Er bildete die zerstörte Welt, die er um sich herum wahrnahm, ab. Die farbigsten und besten Mosaike dieser Werkreihe liegen noch immer in New York und warten seit dreißig Jahren dringend auf ihre Restaurierung.

Eine Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt würdigt Samson Schames , Dornenkrone, Nägel in gips
Samson Schames, Dornenkrone, ca. 1940/41, Nägel, Tonscherben in eingefärbter Gipsmasse, 48 x 30,5 cm, Katalog Schames, S. 15, anlässlich der Ausstellung 1989 im Jüdischen Museum Frankfurt

In der Frankfurter Ausstellung sind zwei von ihnen zu sehen: Die Dornenkrone und Die Träne. Aus rostigen Nägeln schuf er ein Gesicht mit einer dornigen Krone um den Kopf, goss eine Gipsmasse darüber und kehrte es um. Schames widmete das Bild dem unbekannten Opfer des ‚Blitz‘, wie die Engländer die Angriffe der deutschen Luftwaffe nannten.

Alle in England realisierten Kunstwerke von Schames thematisieren die Schrecken des Krieges mit den Materialien des Krieges: Aus Zerstörung entstanden neue Kunstwerke.

Schames Kunst in der neuen Heimat in New York

Nach Kriegsende gingen Samson und Edith Schames 1948 zusammen nach New York. Ein neues Leben in einem neuen Exil begann: 17 Jahre bis zu seinem Tod, lebte er in New York. In den USA malte und zeichnete er viele Selbstporträts, Stillleben und Landschaften, die teilweise ins Abstrakte gingen.

Jüdisches Museum Frankfurt – Samson Schames,  Selbstporträt mit schwarzen schnellen Strichen
Samson Schames, Selbstporträt, ca. 1963, Tuschezeichnung auf Papier, in Privatbesitz

Auch an seine Mosaikarbeiten knüpfte er an. Die beiden farbenfrohen und leuchtenden Glasmosaike von 1956 sind frisch restauriert und strahlen direkt am Eingang der Kabinettausstellung: Anzünden der Chanukka-Lichter und Schofar-Blasen – zwei traditionelle jüdische Motive.

Glasmosaik von Samson Schames, Chanukka Leuchter, Eine Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt würdigt Samson Schames
Samson Schames, „Anzünden der Chanukka-Lichter“, um 1956, Glasscherben, vielfarbig, im Relief geschichtet, 60 x 75,5 cm, Jüdisches Museum Frankfurt
Glasmosaik, Eine Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt würdigt Samson Schames
Samson Schames, Schofar-Blasen, Glasscherben, Jüdisches Museum Frankfurt

Schames hatte in den USA mehrere Einzelausstellungen und nahm an Gruppenausstellungen teil, erfuhr jedoch nicht mehr die Anerkennung als Künstler, die er vorher genoss.

Artikel aus Democrat and Chronicle, Rochester New York, 5.11.2006, Artikel über die Künstler Joseph Margulies und Samson Schames im US-amerikanischen Exil – Hier Erwähnung Schames' Barthaare als Pinsel, Zeitungsausschnitt mit Zeichnung eines alten Mannes
Artikel aus Democrat and Chronicle, Rochester New York, 5.11.2006, Artikel über die Künstler Joseph Margulies und Samson Schames im US-amerikanischen Exil – Hier Erwähnung Schames’ Barthaare als Pinsel

Samson Schames wollte nie wieder nach Deutschland zurückkehren, seine Frau Edith kam nach seinem Tod jedoch regelmäßig zu Besuch.

Das Leo Baeck Institut hat sich sehr um die Aufarbeitung von Samson Schames‘ Oeuvre gekümmert, nach vermissten Werken gesucht und Dokumente, Zeitungsausschnitte und Briefe archiviert. Im folgenden Video kommen Leute, die ihn kannten, zu Wort und viele seiner Kunstwerke werden gezeigt. 

Das Jüdische Museum Frankfurt hat in seiner Eröffnungsausstellung 1989 erstmals Samson Schames ausgestellt und einen umfangreichen Katalog dazu herausgegeben. 

Fazit

Eine große Faszination liegt für mich darin, dass Schames während des Krieges Kunst aus quasi ‚Nichts‘ machte. Die Darstellungen sind so eindrücklich, dass das Grauen der Verfolgung der Juden und der Schrecken der Gewalt nahbar werden. Es ist sehr schade, dass die besonders eindrücklichen Mosaike noch nicht restauriert sind. Trotzdem lohnt sich die kleine Ausstellung im Rahmen eines Besuches im Jüdischen Museum in Frankfurt, das so viel zu bieten hat – hierzu werde ich ganz bald einen eigenen Artikel veröffentlichen.

Jüdisches Museum Frankfurt – Samson Schames – Eine Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt würdigt Samson Schames – britta kadolsky

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Das Blaue vom Himmel

von Ruth Fühner • am

Lapis, Indigo und Waid – die Geheimnisse der Farbe Blau.  Keine Spur von Blau, auf diesem Bild der National Gallery in London. Es ist, da sind sich die Experten weitgehend einig, wohl ein echter Michelangelo – wenn auch nicht gerade einer… Weiterlesen

Die Liaison von Kunst und Werbung

von britta kadolsky • am

Was haben Kunst und Mode gemeinsam? Momentan, in der Pandemie: Museen, Modehäuser und Boutiquen haben geschlossen.Aber es gibt noch andere Zusammenhänge . . . Einer der bekanntesten liegenden Frauenakte der Kunstgeschichte ist Manets Olympia; 1865 löste das Bild bei der… Weiterlesen

Stilbruch auf Leinwand: Gerhard Richter

von Ruth Fühner • am

Eine nackte Frau mit blonder Bienenkorbfrisur schreitet eine Treppe herab. Frontalansicht, leicht unscharf. Die Farben: wie auf einem der ersten Farbfotos, ausgeblichen, die Treppe grünlich. Ema, 1966. 2 Meter mal einsdreißig.  Graue Rechtecke. Monochrom. Die Farbe mal mit grobem Pinsel gleichmäßig… Weiterlesen

Spektakuläre Museumsbauten: Teil 2

von britta kadolsky • am

Museumsarchitektur in ehemaligen Industriebauten  Im 1. Teil habe ich bereits die Frage gestellt: Welche Chance hat die Kunst neben der bombastischen Museumsarchitektur von heute? Dazu habe ich spektakuläre architektonische Meisterleistungen gezeigt, die eigens für die Präsentation von Kunst gebaut wurden. … Weiterlesen

Spektakuläre Museumsbauten: Teil 1

von britta kadolsky • am

Bei meinen Besuchen in den diversen Museen für moderne und zeitgenössische Kunst fällt mir immer wieder auf, wie beeindruckend Museumsarchitektur sein kann.  Ich denke hierbei an Bauten wie  Zusätzlich imponieren ehemalige Industriegebäude, die mittlerweile als Museum fungieren.  Selbstverständlich sind auch… Weiterlesen

Kunst im Berliner Technoclub Berghain: Teil 2

von britta kadolsky • am

Teil 2/2: Studio Berlin – Panoramabar, Schlackekeller,große Halle. Der 2. Teil meines Artikels über die großartige Ausstellung im Technoclub (Hier gehts zum 1. Teil). Dort habe ich über die Ausstellung im Main Dancefloor, der Klobar und die Toiletten berichtet.  Für… Weiterlesen

Berlin: Kunst im legendären Technoclub Berghain

von britta kadolsky • am

Teil 1/2: Studio Berlin – Main Dancefloor, Klobar, Unisex Toiletten.  Eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst in einem der coolsten Clubs Deutschlands: das passt zusammen! Wie allgemein bekannt und x-mal erwähnt: die Clubszene liegt seit Corona brach und die Clubs kämpfen… Weiterlesen

Wo Banane drauf ist, ist Kunst drin!

von britta kadolsky • am

Die Banane ziert Eingänge zur Kunst Alle, die sich für Kunst interessieren haben die knallgelbe Spray-Banane sicherlich schon mal an einer Häuserwand gesehen. Die Banane sieht aus wie aus einem Comic entsprungen. Die sehr einfache Form in Gelb mit den wenigen schwarzen… Weiterlesen

Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein

von britta kadolsky • am

“Blue has no dimension it is beyond dimensions.” Yves Klein Intensives Blau – das Markenzeichen von Yves Klein Endlich war ich, nach der Corona-bedingten Schließung, mal wieder im Städel. Die Gegenwartskunst im unterirdischen Erweiterungsbau, den Gartenhallen, ist ganz neu gehängt worden…. Weiterlesen

Ist das Kunst oder kann das weg?

von britta kadolsky • am

Die alte Diskussion… Von wem stammt eigentlich dieses Zitat? Es wird mittlerweile recht häufig benutzt, insbesondere um auszudrücken, dass man das jeweilige Kunstwerk nicht als ein solches anerkennen will. Ich möchte in diesem Artikel der Herkunft auf den Grund gehen und… Weiterlesen