Ikonen der Kunstgeschichte
Saskia Wolf
Ein Gastbeitrag von Saskia Wolf:
Heute sprechen wir über die Blockbuster der Kunstgeschichte. Kunstwerke, die zu Ikonen geworden sind. Wir kennen sie alle: Die Mona Lisa von da Vinci, den David von Michelangelo oder die Venus von Botticelli. Sie sind Ikonen der Kunstgeschichte und werden in Memes, in Emojis oder in Werbekampagnen tausendfach wiederverwendet und neu interpretiert. Diese Werke sind längst über ihre Entstehungszeit hinaus bekannt und tief in der Popkultur verankert.
Doch wie werden Kunstwerke zum Massenphänomen? Warum kaufen wir uns Socken mit dem Portrait von Andy Warhol darauf? Weshalb kommen einzelne Werke nie aus der Mode?
Diesen Fragen gehen wir heute nach. Denn die Kunstwerke dienen sogar in der digitalen Ära als Vorlage und so gibt es unzählige kreative Adaptionen und humorvolle Neuinszenierungen dieser Ikonen. Besonders in der Corona-Zeit sind viele lustige Memes entstanden, wie wir gleich entdecken werden. Die Werke üben eine zeitlose Faszination auf uns aus und sind wandlungsfähig. Ist das ihr Geheimrezept?

Was braucht es, um eine Ikone zu werden?
Es gibt Kunstwerke die Jahrhunderte überdauern und immer noch berühmt sind. Wir nennen sie Ikonen der Kunstgeschichte. Jeder kennt die Werke, vielleicht nicht den Künstler dazu, aber das Werk ist in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Wenn wir uns diese berühmten Werke genauer anschauen, sehen wir, dass viele dieser Ikonen starke Emotionen oder universelle Themen ansprechen, zum Beispiel Angst, Schönheit oder Macht. Genau diese Gefühle bleiben über Generationen hinweg verständlich. Ich denke hier an den geheimnisvollen Blick der Mona Lisaoder an das expressive Gesicht des Schreis. Das macht die Werke leicht wiedererkennbar und einprägsam.
Durch Reproduktionen, Kunstbücher, Filme, Werbung und das Internet wurden diese Werke weltweit verbreitet und ständig neu inszeniert. Durch Memes, die Pop-Art, moderne Kunstwerke und Werbekampagnen werden diese Ikonen immer wieder aufgegriffen und aktualisiert, wodurch sie dauerhaft im Bewusstsein bleiben.
Natürlich hilft es, wenn das Werk ein richtiger Eyecatcher ist, also sehr plakativ ist oder eine auffällige Farbigkeit hat. Die Bildkomposition kann ebenfalls eine Rolle spielen. Eine dynamische Komposition in Pyramidenform wie beispielsweise im Gemälde Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix – das ist DIE Ikone der Französischen Revolution – funktioniert genauso gut.

Auf dem Bild ist eine Momentaufnahme der Revolution zu sehen. Eine Frau mit einer entblössten Brust und wehender französischer Flagge in der Hand führt eine Gruppe von Menschen durch das Chaos des Schlachtfeldes. Bei der Frau handelt es sich um die allegorische Figur der Marianne, die symbolisch für Freiheit steht. Nach dem Attentat auf Donald Trump 2024 ist interessanterweise ein Pressefoto mit einem ähnlichen Bildaufbau entstanden. Ob diese Aufnahme inszeniert war?
Der Fall «Mona Lisa»: Inwiefern helfen Skandale zur Berühmtheit?
Kommen wir zu einer anderen Frau. Eine Ikone, die immer wieder für humorvolle Vorlagen herhalten muss: Die Mona Lisa von Leonardo da Vinci. Sie wird 1911 aus dem Louvre gestohlen, was weltweit für Schlagzeilen sorgte und zu ihrer heutigen Berühmtheit beitrug, denn als das Bild nach über zwei Jahren wieder auftaucht, ist es plötzlich DAS Symbol für Frankreichs Kunst- und Kulturerbe.
Im Fall «La Joconde» – so heisst die Mona Lisa auf Französisch – wird sogar Pablo Picasso verdächtigt das Bild gestohlen zu haben. Die Polizei verhört den wahren Dieb, aber findet keine haltbaren Spuren und ihn lässt wieder frei. Er ist als Handwerker im Louvre tätig. An einem Montag – dem Ruhetag – nimmt er das Werk von der Wand und aus dem Rahmen heraus, versteckt es in seiner Kleidung und spaziert aus dem Museum heraus. Der Dieb heisst Peruggia und er gerät nach dem Diebstahl in Vergessenheit, doch die Mona Lisa wird zum Medienstar. Millionen von Menschen betrachten sie seither jedes Jahr.
Wie findet die Mona Lisa den Weg zurück ins Museum? Peruggia macht einen Fehler: Er will das Werk einem Kunsthändler verkaufen. Der arrangiert ein Treffen mit ihm, kontaktiert jedoch zeitgleich die Polizei und so wird er überführt.

Übrigens: Ist dir aufgefallen, dass die Mona Lisa keine Augenbrauen hat? Das ist ein anderes Thema, wird aber immer wieder aufs Neue diskutiert. Es gibt viele Theorien dazu. Hat sie Leonardo gemalt und sie sind verblichen? Daran anknüpfend gibt es das Gerücht, dass die Mona Lisa keine Frau ist, sondern tatsächlich ein Mann bzw. es sich um den Assistenten von Da Vinci handelt. Er heisst Gian Giacomo Caprotti – mit Kosenamen Salaj – und kommt 1490 in die Werkstatt von Da Vinci. Das Louvre lehnt dieses Gerücht ab, aber es ist eine Tatsache, dass die Identität der Mona Lisa bis heute ungeklärt ist.
Die Engel von Raffael: Verkauft sich niedlich besser?
Es gibt ein weiteres Werk, das durch einen Diebstahl berühmt(er) geworden ist: Die Engel von Raffael. Als 2019 der spektakuläre Kunstdiebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden stattfindet, haben die beiden Engel wie die Mona Lisa auch davon profitiert. Das Gemälde wird zwar nicht gestohlen, aber plötzlich tauchen die Engel in all ihren digitalen Abwandlungen überall auf. Unbeabsichtigtes, aber geniales Marketing.
Die Engel existieren losgelöst vom Bild und sind quasi Medien-Stars. Sie blicken niedlich und unschuldig. Das verhilft ihnen sicher zur Berühmtheit. Doch tatsächlich handelt es sich nur um einen kleinen Bildausschnitt. Das gesamte Bild ist sehr gross – knapp 3×2 Meter. Und nur die Engel am unteren Rand sind die Publikumslieblinge. Auf dem Bild dargestellt sind auch Maria mit dem Jesuskind und zwei weitere Figuren. Die Engel sollen dabei die Grenze zwischen Himmel und Erde symbolisieren. Ihre wartende Haltung verweist auf die Feier der Eucharistie – sie sollen also den Leib Christi als Hostie zurück in den Himmel tragen.

Kreativitätsexplosion: Corona und KI verschaffen Ikonen neuen Aufschwung
Die Corona-Zeit hat viele Memes hervorgebracht. Zitate von Kunstwerken im lustigen Kontext sind damals explodiert. Wir erinnern uns sicher noch alle an die Mona Lisa, die entweder eine Maske trug, mehrere Rollen Klopapier in der Hand oder verstrubbeltes Haar hatte. Der David von Michelangelo wurde dick und die Person in Edvard Munchs Schreimutierte zum panischen Hamsterkäufer von Toilettenpapier und Desinfektionsmittel.

Unglaublich ergiebig ist auch ein anderes berühmtes Kunstwerk von Michelangelo: Das Fresko Gott erschafft Adam in der Sixtinischen Kapelle. Gottes Zeigefinger berührt fast den Zeigefinger von Adam. Die beiden Finger sind ikonisch. Wir erinnern uns alle an den Science-Fiction-Film E.T. aus den 1980er Jahren. E.T., ein gestrandetes Alien, wird von einem Jungen namens Elliott versteckt und schliesslich nach Hause zurückgebracht.
Im Film gibt es diese eine ikonische Szene, in der sich die Finger von E.T. und dem Jungen Elliott berühren. Als ihre Fingerspitzen sich begegnen, leuchtet E.T.s Finger auf. Dies geschieht als E.T. seine heilenden Kräfte nutzt, um eine kleine Wunde an Elliotts Finger zu heilen. Diese Szene symbolisiert die tiefe Verbindung zwischen den beiden und steht für Freundschaft, Verständnis und die magische Kraft der ausserirdischen Figur.
Dieselbe Symbolik mit dem Finger kennen wir auch aus neuester Zeit im Zusammenhang mit KI. Auf diversen Magazincovern sehen wir wie „Mensch und KI“ sich mit der Hand berühren. Auch die Musikbranche bedient sich daran. Die Werbung für das Plattencover von Lil Nas X (Montero mit dem Hit von 2021 «Call me by your name») erinnert an das Fresko von Michelangelo. Der Musiker räkelt sich nackt auf einer Wolke und streckt seinen Finger aus – in derselben Haltung wie Adam in der sixtinischen Kapelle. Sein Finger wird fast berührt von einer künstlichen Hand. Die Sängerin Ariana Grande nimmt in die Pose Adams ein und eine Göttin streckt ihr die Hand entgegen. Eine herrliche symbolische Selbstermächtigung.

Heidi Klum inszeniert sich jeweils in grossartigen Posen jedes Jahr für die nächste GNTM – Germanys next Top Model. 2023 sieht sie der Venus von Botticelli unglaublich ähnlich. Statt der langen Haare der Venus umgibt sich Heidi mit einem langen leichten Tuch, das von ihrer Hand festgehalten wird. Was denkst du, eine Anspielung auf das Werk von Botticelli?
Comics nehmen Kunstwerke auf: Die Simpsons als Vorreiter
Eine weitere Ikone ist das Abendmahl von Leonardo da Vinci. Es zeigt den Moment, in dem Jesus seinen Jüngern verkündet, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Das Fresko fängt dabei die emotionale Erschütterung jedes Einzelnen meisterhaft ein. Jesus ist das ruhige Zentrum inmitten der aufgewühlten Gruppe. Das Wandgemälde ist über 500 Jahre alt und befindet sich im Refektorium des Klosters Santa Maria delle Grazie in Mailand.
Interessanterweise hat Leonardo da Vinci die Zentralperspektive im Abendmahl verstärkt. Er malt hinter Jesus drei Fenster, die Licht und Tiefe suggerieren. Zusätzlich fügt er an der Decke geometrische Muster ein, deren Linien ebenfalls ihren Fluchtpunkt beim Kopf von Jesus haben.

Während Corona gab es zu dieser Ikone lustige Adaptionen: Jesus sitzt ganz alleine an der langen Tafel und alle seine jünger sind zuhause in ihren jeweiligen Zimmern. Man sieht sie einzeln in weiss umrandeten Kästchen aneinander aufgereiht. Und dazu kommt der Text: ‘Alright, does everyone have sound?’ Das ist eine Situation, die vermutlich jede:r von uns aus einem Zoom- oder Teams-Meeting kennt.
Viele Comics nehmen Kunstwerke auf. Vor allem die Simpsons sind hier hervorzuheben. Sie integrieren viele berühmte Kunstwerke in ihren Folgen. Für das Abendmahl gibt es gleich mehrere Beispiele. In einer Folge betet Homer Simpson ein Bild mit einer Campells Suppendose von Andy Warhol an. Botticellis Venus sehen wir in einer anderen Folge als gelbe Figur.

Emojis: Zwei Kunstwerke schaffen es in die Liste
Zum Schluss möchte ich auf Emojis eingehen. Verwendest du Emojis auch täglich so wie ich? Zwei bekannte Kunstwerke schaffen es in unsere Emoji-Liste und werden zu Ikonen: Der Schrei von Edvard Munch und Die Grosse Welle von Katsushika Hokusai. Wie kommt es denn dazu, dass wir genau diese zwei Ikonen in unserer Emoji Liste finden?
Der Schrei ist das einzige westliche Werk, das es zu einem Emoji geschafft hat. Ich denke, weil der Gesichtsausdruck so prägnant ist und dies unsere Emotionen anspricht. Munch erlebt vermutlich eine Panikattacke und verarbeitet diese in seinem Gemälde. Er fertigt mehrere Versionen zwischen 1893 und 1910 von diesem Werk an. Für mich ist die Nutzung dieses Emojis heutzutage vielfältiger. Wir können es für verschiedene Gefühlsausdrücke verwenden zum Beispiel für Entsetzen, Erschrecken, Aufregung, Ungläubigkeit, oder auch ironisch. Wie nutzt du es?

Das zweite bekannte Kunstwerk in unserer Emoji Liste stammt von einem Japanischen Meister: Die grosse Welle vor Kanagawa von Hokusai. Das Bild stammt aus einer Serie von Bildern – insgesamt 36 Farbholzschnitte, die den Berg Fuji thematisieren. Als der Holzschnitt entsteht, ist Japan von der Welt praktisch abgeschottet und nur wenige Werke schaffen es über den holländischen Handelsposten in Japan nach Europa.

Die Perspektive ist ungewöhnlich für unsere europäischen Augen. Das Bild ist zweidimensional. Jegliche Tiefe fehlt. Dies beeinflusst unsere westliche Kunst, zuerst die Impressionisten und dann die Generationen danach. Der Japonismus entsteht – eine regelrechte Japan-Euphorie. Van Gogh, Cézanne und Monet lassen sich von Hokusai inspirieren und legen eigene japanische Sammlungen an. Auch Mark Rothko kommt nicht an den japanischen Künstlern vorbei.
Unser Kunstverständnis wäre ein anderes, hätten wir den Japonismus nicht gehabt. Es ist mir wichtig zu betonen, dass die Beeinflussung wechselseitig war, also auch japanische Künstler liessen sich von westlicher Kunst inspirieren. Schon bald gibt es japanische Werke mit Perspektive.

Ikonen der Kunstgeschichte – Dieser Beitrag von Saskia Wolf erschien ursprünglich auf Saskia Wolfs Kunst & Kulturblog: arcufo.ch
Diesem Beitrag vorausgegangen ist 2025 eine Folge unseres Podcasts: KUNST & KNACKIG : Kunst wird Kult: Wie Kunstwerke zu Ikonen werden zusammen mit Marie Bach.
Schaue dir gerne auch die dazugehörigen Blogbeiträge an:
- Die Engel von Raffael sind überall
- Japonismus: Frühe Rezeption in Frankreich (Saskia Wolf auf arcufo.ch, Teil 2)
- Emotionen und Kunst (Artikel zur Podcastfolge: Das 1×1 der grossen Gefühle)
Diesen Beitrag teilen:
Newsletter
Wenn ihr keinen Beitrag verpassen und über neue Artikel informiert werden möchtet, abonniert meinen Newsletter.
"Was kann Kunst" ist auch auf:
Thomas Bayrle erfindet das Große im Kleinen
britta kadolsky am 9.3.2026
Xenia Hausner: Schafft eine Bühne für selbstbestimmte Frauen
am 16.2.2026
Papier in der Kunst: Papier inspiriert Kunst über Jahrhunderte
britta kadolsky am 22.12.2025
Warum belebt Ophelia Kunst und Popkultur?
britta kadolsky am 17.11.2025
Fünf Graphic Novels, die Kunst neu erzählen
britta kadolsky am 3.11.2025
5 berühmte Künstlerpaare der Kunstgeschichte - Zwischen Passion und Untreue
Saskia Wolf am 18.10.2025
Max Liebermann – Maler des Lichts und des Lebens
britta kadolsky am 26.9.2025
Chaos, Körper, Farben: Die Kunst von Pipilotti Rist
britta kadolsky am 27.8.2025
CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959
britta kadolsky am 17.7.2025
Kunst beim Spazierengehen: 10 Skulpturen in Frankfurt
britta kadolsky am 2.7.2025
David Hockney - Zwischen Licht und Linie
britta kadolsky am 25.5.2025
Im Innern des Papiers – Skulpturen von Angela Glajcar
britta kadolsky am 7.5.2025
April, April: Die Kunst des Täuschens
britta kadolsky am 13.4.2025
Andreas Mühe – Im Banne des Zorns
britta kadolsky am 16.3.2025
Martin Kippenberger - Ein Künstler, der Wettsaufen und Punkmusik liebte
britta kadolsky am 18.2.2025
Die Zahl 100 in der Kunst: Symbolik und Bedeutung
britta kadolsky am 23.1.2025
Frauenpower: Künstlerinnen und Erfinderinnen
Saskia Wolf am 16.12.2024
Hans Haacke: Politische Kunst mit Tiefgang
britta kadolsky am 2.12.2024
Kunst unter Bäumen – der Internationale Waldkunstpfad in Darmstadt
Ruth Fühner am 10.11.2024
Blut, Fleisch, Kot: Ungewöhnliche Materialien in der Kunst:
britta kadolsky am 28.10.2024
Kunst und Kamera: Die vergessene Geschichte der Fotografinnen
britta kadolsky am 1.10.2024
Der Die dADa – Unordnung der Geschlechter
britta kadolsky am 5.9.2024
Der Skandal um den Kunstfälscher Beltracchi
britta kadolsky am 8.8.2024
Maurizio Cattelan: Italiens Skandalkünstler
Britta Kadolsky am 15.7.2024
Zeitgenössische Selbstporträts und ihre verschleierten Botschaften
britta kadolsky am 29.6.2024
Warum die Menschheit ins All muss: Antworten aus dem deutschen Pavillon
britta kadolsky am 16.6.2024
Die Top 10 der Biennale in Venedig 2024 (2)
Britta Kadolsky am 31.5.2024
Die Top 10 der Biennale in Venedig 2024
britta kadolsky am 23.5.2024
Käthe Kollwitz: Kunst als Ausdruck für tiefe Emotionen
britta kadolsky am 17.4.2024
Edgar Schmandt – Ein künstlerisches Vermächtnis in Mannheim
britta kadolsky am 7.4.2024