Günther Uecker: Nagelkünstler, Weltreisender, stiller Poet
britta kadolsky
Was kann Kunst – und was kann ein Nagel?
Es gibt Künstler, deren Name sofort ein Bild erzeugt. Bei Günther Uecker ist es der Nagel. Wer das erste Mal vor einem seiner weißen Reliefs steht, Tausende von Nägeln, dicht an dicht, die Oberfläche flimmernd je nach Lichteinfall, der begreift sofort, warum dieser eine Begriff sein Werk dominiert hat. Und gleichzeitig ist klar, dass er nicht ausreicht.
Uecker, geboren 1930 im mecklenburgischen Wendorf, starb 95-jährig im Juni 2025 in Düsseldorf. Er hat ein Werk hinterlassen, das politisch, poetisch und meditativ ist. Spontan denkt man bei Nägeln immer an Aggression, aber seine Arbeiten sind auch ganz zart.
Ich bin in den vergangenen Wochen in zwei Ausstellungen auf Günther Ueckers Werke gestoßen und war begeistert.
Arp Museum Bahnhof Rolandseck: Wo der Nagel Geschichte hat

Die Ausstellung Die Verletzlichkeit der Welt im Arp Museum Bahnhof Rolandseck ist die letzte, an deren Konzeption Uecker selbst noch beteiligt war. Rund 45 Werke aus sieben Jahrzehnten von den Anfängen bis fast zum Schluss sind hier zu sehen.
Toktoktok … Toktoktok … Das monotone Hämmern aus dem ca. 2-minütigen Schwarz-Weiß-Film Die Treppe von 1964 begleitet meine Ankunft im Verbindungstunnel zwischen dem historischen Bahnhofsgebäude und dem weißen Neubau von Richard Meier. Uecker schlug damals seine Nagelspur vom Parkplatz über die Treppe bis in die oberen Stockwerke des noch verfallenden Bahnhofs. Günther Uecker inszenierte mit der Performance eine künstlerische Inbesitznahme, auf Einladung des Galeristen Johannes Wasmuth.
Das Arp Museum wäre ohne Wasmuth nicht entstanden. Uecker war von Anfang an dabei, zusammen mit Gerhard Richter, Sigmar Polke, Yves Klein, Arman. Der Ort hat für ihn biografisches Gewicht – und die Ausstellung weiß das zu nutzen. Ein Himmelbett mit Nagelreliefs auf Baldachin und Rückwand empfängt die Besucher: Bett zum Aufwachen von 1965 hat Uecker eigens für Wasmuth gezimmert ‚ „damit er sich wohler fühlte zwischen den Ratten und dem Müll“, formuliert Co-Kuratorin Sylvie Kyeck im Katalog (link). Schön, dass dieses Stück auch heute zur ständigen Museumssammlung gehört.
Der Nagel: Warum ein einfaches Material ein ganzes Oeuvre trägt
Uecker hat den Nagel in der Kunst nicht erfunden: Man Ray bestückte 1921 ein Bügeleisen mit Nägeln (Cadeau), Kurt Schwitters beklebte 1939 die Assemblage Haar-Nabelbild u.a. mit Nägeln. Aber kein anderer Künstler hat den Nagel mit dieser Konsequenz und so bildprägend eingesetzt.
Uecker wuchs auf einem Bauernhof in Mecklenburg auf und körperliche Arbeit prägte ihn früh. 1945, als Soldaten der Roten Armee das elterliche Gut besetzten, nagelte der damals 15-Jährige Türen und Fenster zum Schutz vor Gewalt zu. Diese Geste hat ihn nie losgelassen. Nach einer Lehre als Anstreicher und Schreiner, einem Studium in Wismar und Berlin-Weißensee und seiner Flucht in den Westen 1953, geht er an die Kunstakademie Düsseldorf. Dort entsteht 1957 sein erstes Nagelbild: Informelle Struktur. Schon hier wird klar, dass sich Uecker zur Monochromie bekennt und dass er mit Nägeln malt. In der Folge entstehen viele Nagelbilder die alle den Titel Organische Struktur haben.

Die Verletzlichkeit der Welt Foto: Mick Vincenz
Auf den Nagelbildern stehen die Nägel nicht isoliert auf der Leinwand, sondern in Beziehung zu den anderen in Reihen, Kreisen oder dichten Spiralen. Es entsteht eine Illusion von Bewegung durch Licht und Schatten, je nach Standort der Betrachtung. Die Oberfläche flimmert und scheint sich zu bewegen, obwohl ja alles fest sitzt.
Zitat Uecker: „Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit da Widerstand
erzeugt wird, so dass Kunst eindringen kann in die Banalität von Leben.“
ZERO und Uecker
1961 schloss sich Uecker der von Heinz Mack und Otto Piene gegründeten Gruppe ZERO an. Die Künstlergruppe stand für einen radikalen Neuanfang in der postfaschistischen Bundesrepublik Deutschland: weg von subjektiver, expressiver Malerei mit schwerer Symbolik, hin zu Licht und Bewegung und auch zu seriellen Strukturen. Die Trennung zwischen Skulptur und Malerei wurde aufgehoben. Uecker arbeitete dabei von Beginn an bevorzugt mit Weiß, das für ihn weniger Farbe ist als Licht .
Der politische Uecker
Ab Ende der 1950er Jahre treibt Uecker Nägel in Alltagsgegenstände.

Sein TV auf Tisch von 1963 ist ein kleiner Fernseher auf einem Chippendale-Tisch, beide überzogen mit einer Nagelinvasion. Uecker will das Werk als Zeichen gegen die einsetzende Fernsehsucht der frühen BRD verstanden wissen. Bei Piano, seiner ersten öffentlichen Performance, im Pianohaus Kohl in Gelsenkirchen, verstört er die Besuchenden 1964 sehr, als er unzählige Nägel in ein Klavier – Inbegriff bürgerlichen Kulturfetischismus – trieb. Der Gebrauchsgegenstand war nicht mehr zu gebrauchen. Und in Barrikade von 1968/69 liegen meterlange Nägel zwischen Sandsäcken. Sie sind Ueckers Bezug auf die Studentenrevolte 1968 und begrüßen mich im Museum gleich zu Anfang.

Ein Alltagsgegenstand – Stuhl, Tisch, Bett, Klavier – wird mit dem Alltagsgegenstand Nagel bearbeitet und dadurch zum Kunstobjekt. Uecker vermischt Kunst und Leben.
Das Werk Waldgarten von 2008 hat mich überrascht. Die drei riesigen Lindenstämme, über zwei Meter hoch, stehen im Raum mit stiller Wucht. Die Köpfe sind dicht mit 30 Zentimeter langen Nägeln besetzt und die Oberfläche ist teilweise mit Beton versiegelt. Mein erster Gedanke ist Gewalt und tote Natur. Und dann formt sich ein neuer Gedanke, denn die Nagelkronen wirken wie Blüten, als ob neues Leben aus dem toten Stamm wächst. Zerstörung und Wachstum in einem einzigen Objekt: das ist Uecker in seiner reinsten Form.

Inmitten der großen Werke in Rolandseck hängt eine kleine weiße Kugel, 800 Gramm schwer, übersät mit winzigen Nägeln. Sie wirkt fast schwerelos und erscheint mir wunderschön, obwohl auch hier Nägel eine Form verletzt haben.
Günther Uecker der Reisende
In den 1970er Jahren bleibt es politisch: im Sog von Club of Rome und Studentenbewegung bereist Uecker gezielt Krisenregionen: Libyen, Iran, Sibirien, Mongolei, Navajo-Reservate, Sri Lanka, zuletzt Tadschikistan. Er will Kunst dorthin bringen, wo man sie nicht erwartet.
Ueckers Aschebilder nach der Reaktorkatastrophe 1986 in Tschernobyl erinnern mit verbrannten Materialien auf fragilem Untergrund an den Super-GAU und fragen nach Verantwortung.
Das Werk Wald, Hängende Steine mit den leim- und aschebeschichteten Baumsegmenten von 1989/90 reagiert auf das Waldsterben, das damals in aller Munde ist.
Und Brief an Beijing (Menschenrechte) von 1994 umfasst 19 große Tücher mit Reiseerinnerungen und Menschenrechtsforderungen, die in eine Ausstellung nach Peking gesendet und umgehend zurückgeschickt wurden.

Bei Ueckers Sandmühle (1969, erstmals im Guggenheim New York gezeigt) ziehen verknotete Schnüre langsam Furchen in einen sieben Meter großen Sandkreis: Je nach Sandkorn entstehen feine Spuren und subtile Bewegungen, die jedoch bereits in der nächsten Runde, die ja unmittelbar folgt, sich wieder verändern oder überschrieben werden, immer und immer wieder. Uecker selbst sprach hier von der „schleifenden Zeit“: der zermürbenden, schleppenden Natur der Zeit, die nicht linear fortschreitet, sondern als erodierender Prozess Spuren hinterlässt und sie sofort wieder auslöscht. Es ist ein Zen-buddhistisches Bild der Vergänglichkeit als ewige Wiederholung, die nichts Festes zulässt, nur den energetischen Fluss. Dieses meditative Werk der kinetischen Kunst ist auch in Frankfurt im Städel Museum zu sehen.
Das stille Werk: Papier, Druck, Haptik
Ein Besuch in der Bad Sodener Stadtgalerie zeigt eine andere Seite
Ein paar Wochen nach meinem Besuch im Bahnhof Rolandseck stehe ich in einem ganz anderen Raum. Die Galerie am Dom aus Wetzlar hatte für einige Wochen in der Stadtgalerie im Badehaus in Bad Soden am Taunus Ueckers grafisches Werk ausgestellt, also keine großen Installationen, keine kinetischen Objekte, sondern Papierarbeiten.
Die Prägedrucke sind weiß, meist einfarbig, auf schwerem handgeschöpftem Büttenpapier. Die Nägel sind nicht mehr sichtbar als Objekte: Sie haben sich durch das Papier hineingedrückt, hinterlassen ihre Form als Abdruck. Mal sind es nur die Nagelköpfe, auf anderen Blättern sind es die ganzen Nägel. Mal sind die Nägel in Spiralform angeordnet, mal streng geometrisch in Reihen.

Der Prozess dahinter ist so handwerklich wie präzise: Uecker schlug Nägel in eine Holzdruckplatte, legte nasses Büttenpapier auf und ließ es mit bis zu 1.800 Kilogramm in einer Druckpresse einpressen. Selten durchstießen die Nägel das Papier ganz, aber auch das gehört dazu. Die Arbeiten entstanden in spezialisierten Druckereien, unter Ueckers Aufsicht.
Ich finde die Blätter poetisch und in ihrer Schlichtheit ästhetisch schön. Obwohl die Voraussetzung für diese Bilder auch ein Hämmern von Nägeln war, wirken sie eher still. Das zerstörende Prinzip ist dasselbe: Der Nagel drückt sich in ein Material, das Widerstand leistet. Allerdings bleibt der Nagel am Ende unsichtbar. Man sieht nur die Spuren, die er hinterlassen hat.
Die graphische Seite Ueckers war eine schöne Ergänzung zur Ausstellung im Bahnhof Rolandseck.

Bei meiner Recherche stieß ich auf den von Günther Uecker gestalteten Interkonfessionellen Andachtsraum im Reichstagsgebäude, den ich für meinen nächsten Berlinbesuch auf meine Wunschliste setze.
Fazit
Günther Uecker glaubte, dass Kunst die Welt verbessern kann. Das klingt naiv, aber als Überzeugung eines Menschen, der Krieg, Flucht, Teilung und politischen Verrat erlebt hat, sehr nachvollziehbar. Mit den Nägeln hat Günther Uecker eine eigene optische Sprache gefunden. Sein Werk zeigt die Entwicklung in der jungen BRD und der Welt. Dass Nägel eine solche Geschichte erzählen können, glaubt man erst gar nicht.
Die Ausstellung Die Verletzlichkeit der Welt läuft noch bis zum 14. Juni 2026 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen. Ein Besuch lohnt sich. Und wer danach noch Appetit auf das grafische Werk hat: Die Galerie am Dom in Wetzlar vertritt Uecker seit Jahrzehnten und ist eine gute Adresse für die Papierarbeiten (unbezahlte Werbung).

Der Katalog zur Ausstellung Die Verletzlichkeit der Welt mit einem Vorwort von Julia Wallner ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König erschienen. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.
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