Chaos, Körper, Farben: Die Kunst von Pipilotti Rist
britta kadolsky
Von blauen Spaghetti und zärtlichem Ekel – Pipilotti Rists radikale Bilder
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder mich wegdrehen soll. In ihrer Videoarbeit Pepperminta (2009) zoomt Pipilotti Rist gnadenlos nah an Körper heran: Hautporen füllen die Leinwand, ein Zeh zeigt den Dreck unter dem Nagel, Nasenlöcher, Oberschenkel und Münder kleben unangenehm dicht vor den Augen der Zuschauenden. Genau in dieser Grenzzone zwischen Intimität und Ekel setzt Pipilotti Rist an. Dazu läuft eine Musik, die zugleich verspielt und leicht irre wirkt, als würde sie die Szenen ins Absurde kippen lassen. Menschen tauchen auf, schweben und kleben förmlich aneinander. Alles ist in grelle Farben getaucht, übersteigert, kindlich bunt.

In einer Restaurant-Szene dürfen die Gäste absurde Essenskombinationen bestellen: blaue Spaghetti zum Fisch, Zuckerwatte zum Entrecôte. Die Menschen sind fassungslos, überrascht, und doch dürfen sie sich einfach wünschen, was sie wollen. Alles bleibt farbenfroh, alles bleibt möglich. Zwischendurch kommentiert eine Stimme: „Wir machen Fehler und das tut gut.“ Dieser Satz zieht sich wie ein Schlüssel durch die Arbeit – er erklärt, warum die Überforderung im Film nicht zerstört, sondern befreit.
Die Protagonist*innen stürzen sich in eine immer bizarrere Reise: Als die bunte Gruppe aus dem Restaurant hinausgeworfen wird und in einer riesigen Restmülltonne landet, entfaltet sich ein Dialog, der wie eine kleine Lebensphilosophie klingt. Einer fragt: „Sterben wir jetzt alle?“, eine andere antwortet: „Wir können im Moment eh nichts ändern“, und eine Dritte ergänzt: „Ändern kann man immer alles.“ Hinter diesen Sätzen steckt mehr als Komik. Sie tragen eine einfache, infantile, und doch radikale Botschaft: Fehler sind erlaubt, Wandel ist immer möglich, und gerade im Chaos steckt Zusammenhalt.
Hinter der Reizüberflutung bleibt eine zärtliche Botschaft: Trotz Schmutz, Makel und Verrücktheit halten die Figuren zusammen: Alle haben sich lieb.
Ein Hauch von Poesie im Neuen Museum Nürnberg

Ich sitze in Nürnberg im Neuen Museum in der Ausstellung Pipilotti Rist und Yayoi Kusama. Werke aus der Sammlung Goetz. Pipilotti Rists Filme fließen – oft in Slow Motion–, vibrieren und erzählen poetische Geschichten. Die drei Video-Räume sind durchflutet von Pipilotti Rists sinnlichen Projektionen und den irritierend-fröhlichen Klängen – bei denen sich Naturgeräusche, wie ein plätschernder Bach oder exotische Vogelstimmen mit sphärischen Sounds mischt.
Bei A Liberty Statue for Löndön (2005/08) spiegelt sich der an die Decke projizierte Film und verdoppelt die bunten Bewegungen. Die Besuchenden dürfen sich mit übergestülptem Schuhschutz auf rote Samtbänke legen, und entspannt nach oben schauen. Wenn sie in den Spiegel in der Mitte zwischen den Bänken blicken, sind sie selbst Teil des Films.

Im Blutraum (1992/98) reise ich in Nahaufnahme über einen weiblichen Körper, über dessen Haut sich Blutspuren ziehen. Die Kamera streift über Haut, Haare und auch Unerkennbares, als wolle sie jedes Detail ertasten. Das Blut erinnert an Verletzung oder Menstruation, aber auch an Lebenskraft. Die Ambivalenz zwischen den allzu intimen Close-ups in surrealer Umgebung und dem sinnlichen, weiblichen Körper voller Energie verstört.
Die Münchner Sammlung Goetz hat viele Videos von Pipilotti Rist erstanden – Ausschnitte der Filme sind auf der Webseite zu sehen.
Wer ist Pipilotti Rist und wie ging es los?
Kaum jemand weiß, dass Pipilotti Rist eigentlich Elisabeth heißt – zu ihrem Künstlernamen inspirierte sie Pippi Langstrumpf. Das passt: Sie ist so laut , anarchisch und frech wie das rothaarige Mädchen mit den abstehenden Zöpfen, das immer wieder Regeln bricht. Rist wurde 1962 im schweizerischen Grabs am Bodensee geboren.
Die Videopionierin studierte in Wien und in Basel. Anfang der 1990er machte sie mit Arbeiten wie Pickelporno auf sich aufmerksam – einer intimen Kamerafahrt über nackte Körper, die zugleich lasziv und politisch wirkte. Musik war schon früh Teil ihres Lebens: Sie spielte bis 1994 in der feministisch-punkigen Performance-Band Les Reines Prochaines.
Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie 1997 auf der Biennale in Venedig, wo sie mit der Videoinstallation Ever Is Over All internationale Aufmerksamkeit erhielt.
Das bekannteste Werk: Ever Is Over All
Ever Is Over All (1997) wirkt so leicht und irritiert gleichzeitig. Auf der linken Seite des geteilten Bildschirms sieht man eine junge Frau in einem türkisfarbenen, sommerlichen Kleid, die beschwingt über einen Gehweg geht. In der Hand trägt sie eine überdimensionale Blume, deren Kelch gelb-rot leuchtet. Sie schwingt sie fröhlich im Rhythmus ihres Gangs, tänzerisch. Dann, plötzlich, schlägt sie mit einem kräftigen Schwung gegen eine Autoscheibe. Mit lautem Splittern bricht das Glas– und doch bleibt die Geste leicht, spielerisch und heiter.
Ein überraschender Moment: Eine Polizistin kommt von hinten den Bürgersteig entlang, überholt die Frau und grüßt sie freundlich. Mit der Hand an der Kappe nickt sie ihr zu, als würde sie das Treiben befürworten. Statt eine Straftat zu ahnden, wirkt es, als feiere sie die Rebellin. Damit kippt die Szene endgültig ins Surreale.
Auf der rechten Seite des Split-Screens laufen parallel Naturaufnahmen: Close-ups von exotischen Blumen, leuchtend, übergroß, manchmal so gezeigt, dass sie die Raumkante überspringen. Ausstellungen zeigen die Projektion oft über Eck, sodass sich die urbane Szenerie mit Glasbruch und die sanft wiegenden Blüten überlappen. Gerade dieser Kontrast macht die Arbeit so stark: Gewalt und Schönheit, Zerstörung und Heiterkeit, Realität und Traum laufen nebeneinander her, ohne sich aufzulösen.

Dass eine junge Frau, die mit einer riesigen Blume Autoscheiben einschlägt, läuft allen Erwartungen zuwider: Das Blumensymbol, sonst weich, dekorativ, friedlich, wird zur Waffe. Die Tat wirkt aber nicht aggressiv, sondern ausgelassen. Gerade darin steckt die Kraft – Gewalt und Freude verschmelzen zu einer Geste der Selbstermächtigung. Dass eine Polizistin die Szene nicht unterbindet, sondern freundlich grüßt, verstärkt diesen Bruch. Statt Autorität und Kontrolle zu verkörpern, wirkt sie wie eine heimliche Komplizin. Damit zeigt Rist ein Bild von weiblicher Freiheit, das nicht von Strafe oder Schuld belastet ist.
Rists Film entstand in einer Zeit, als Videokunst noch nicht selbstverständlich in Museen vertreten war. Heute gilt es als Schlüsselwerk – nicht nur ihrer eigenen Laufbahn, sondern auch für die Frage, wie Kunst Bilder von Freude, Widerstand und Körperlichkeit neu erfinden kann.
Ein Highlight aus Berlin: Ein Blatt im Wind
In der Schweizer Botschaft in Berlin ist eine poetische Installation von Pipilotti Rist im Eingangsbereich angebracht: Blatt‑förmige Papierstückchen flattern den Besuchenden vor die Füße. Jedes Blatt trägt poetische Botschaften auf Deutsch, Französisch, Italienisch oder Englisch – etwa „Geburtsort ist Zufall.“ Die Blätter treiben hinaus in die Stadt, werden unter Schuhsohlen weitergetragen oder landen mit dem Wind im Regierungsviertel: Über dieses Kunst‑am‑Bau‑Werk als demokratisches Plädoyer, habe ich hier geschrieben.
Alles ist bunt, alles ist möglich – Pipilotti Rist zwischen Körper und Fantasie
Wer abends am Zürcher Heimplatz vorbeikommt, kann erleben, wie sich das Kunsthaus plötzlich verwandelt: Über die Fassaden wandern bunte Kreise, sie überlagern sich, lösen sich auf und tauchen den Platz in ein bewegtes Farbspiel. Die Installation Tastende Lichter (2016/20) von Pipilotti Rist wirkt auf den ersten Blick wie eine übergroße Straßenlaterne, doch sobald es dunkel wird, ‚tastet‘ sie sich mit Licht über die umliegenden Häuser hinweg. Rist hat das Werk so programmiert, dass es unendliche Variationen erzeugt – keine Nacht gleicht der anderen. Die Projektionen verbinden den historischen Altbau mit dem klaren Neubau von David Chipperfield und machen den Platz selbst zum Bildträger.

Tagsüber wirkt die Laterne fehl am Platz, wie ein ‚Science-Fiction-Maibaum aus Stahl‘ (Zitat Rist) und macht neugierig. Und Pipilotti Rist findet: Kunst soll nicht nur im Museum stattfinden, sondern sich mitten in den Alltag der Stadt mischen, auch für Menschen, die zufällig vorbeigehen – so wie ich, als ich Saskia, meine schweizerische Mit-Podcasterin in Zürich besuche. (link)
Im Kunsthaus Zürich ist die immersive Licht- und Videoinstallation Pixelwald ausgestellt. Sie zählt zu Pipilotti Rists bekanntesten Installationen: Ein dichter Wald aus hunderten LED-Lichtsträngen, die vom Boden bis zur Decke hängen und in ständig wechselnden Farben pulsieren. Besucher_innen bewegen sich zwischen den leuchtenden Kabeln wie in einem künstlichen Dschungel aus blinkenden Lichtern, begleitet von sphärischen Klängen. Jede Bewegung verändert die Wahrnehmung, Farben flackern nah am Körper vorbei, als wäre man selbst Teil der Projektion. Seit Februar 2025 kann man dieses Werk nun auch in der Kunsthalle Bremen erleben – eine seltene Gelegenheit, da Rist ihre großformatigen Installationen nur an ausgewählten Orten dauerhaft zeigt.
Fazit
Pipilotti Rist verändert Sehgewohnheiten: Sie zeigt Körper neu – ohne Distanz. Ihre Arbeit ist geprägt von Detailaufnahmen weiblicher Körper, ungewöhnlichen Perspektiven und unglaublich viel Farbe: Alles zielt darauf ab, vertraute Bilder – insbesondere aus den Medien – fremd zu machen und Körper neu zu sehen. Als Publikum sitzt man so nah vor den großen Leinwänden, dass man Teil der Arbeiten zu werden scheint.
Sinnlich und lebensfroh, überraschend und irritierend: Eine feministische Ästhetik die Freiheit und Leichtigkeit vermittelt.

Chaos, Körper, Farben: Die Kunst von Pipilotti Rist – britta kadolsky
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