Papier in der Kunst: Papier inspiriert Kunst über Jahrhunderte
britta kadolsky
Was Papier alles kann: Zeichnung, Skulptur, Installation von den Alten Meistern bis zu den Zeitgenossen
Albertina – Faszination Papier
Viele verbinden Papier in der Kunst noch immer vor allem mit (zweidimensionalen) Zeichnungen und Drucken. Tatsächlich wird das Material heute jedoch auch für Skulpturen, Installationen und architektonische Arbeiten genutzt. Papier ist damit nicht mehr nur Trägermaterial, sondern ein eigenständiges künstlerisches Medium.
In der Ausstellung Faszination Papier im Albertina Museum in Wien wird gezeigt, wie Künstlerinnen und Künstler Papier auf unterschiedliche und ungewohnte Weise einsetzen.
Papier als Skulptur

Bereits am Eingang der Ausstellung wird dies durch die Arbeit von Birgit Knoechl deutlich. Ihre großformatige Papierskulptur Out of Control Revisited besteht aus Hunderten von Papierbahnen. Ausgangspunkt sind Tuschezeichnungen, aus denen die Künstlerin Linien ausschneidet. Diese Elemente werden anschließend zu einer raumgreifenden, wilden Installation zusammengefügt.

Das dreidimensionale Werk erinnert an einen Vogelschwarm oder an dichtes Blattwerk, das aus einer Ecke des Raums herauswächst. Die Form suggeriert Bewegung, wirkt unglaublich dynamisch und prägt den Raum stark. Knoechls Arbeit zeigt Papier als eigenständiges Medium mit räumlicher Wirkung.

Auch Angela Glajcar verwendet Papier als eigenständiges Baumaterial. Ihre Serie Terforation umfasst großformatige Skulpturen aus gerissenen, hintereinander gestaffelten aufgehängten Papierbahnen, die mit Licht und Schatten spielen. Das in der Albertina gezeigte Werk ist sechs Meter lang und dominiert den Ausstellungsraum.
Die Skulptur wurde von Sasa Hanten-Schmidt gespendet und ergänzt die Sammlung der Albertina um eine zentrale zeitgenössische Position im Bereich der Papierkunst.

Ich kenne Glajcars Arbeiten gut, da ich sie einmal beim Aufbau einer Ausstellung in Kaiserslautern begleiten konnte. Die dort erlebte Wirkung ihrer Terforation war auch der Grund für meinen Besuch der Ausstellung in Wien. Hier geht’s zu meinem Artikel zu Angela Glajcar.
Papier für die Bildhauerei, Architektur, Fotografie

Das Wohn- und Geschäftshaus von Adolf Loos in der Wiener Innenstadt wirkt schlicht und streng. Genau diese Zurückhaltung führte 1910 zum Skandal und sogar zu einem vorübergehenden Baustopp. Der kubische Bau mit seiner glatten Fassade am Michaelerplatz verzichtet vollständig auf dekorative Elemente. Zeitgenossen bezeichneten ihn deshalb als „unanständig nackt“.
Damit stand das Haus im starken Kontrast zur Ringstraßenarchitektur mit Hofburg, Museen und Burgtheater. Diese Bauten, geprägt von Carl Hasenauer und Gottfried Semper, setzten auf eine eklektische Mischung historistischer Formen, aufwendiger Fassaden und repräsentativen Schmuck. Loos setzte dem bewusst einen nüchternen, klar strukturierten Bau entgegen und machte so die Radikalität seines Ansatzes sichtbar.
Für Loos war Funktion entscheidend, nicht der Schmuck um des Schmucks willen. Architektur sollte aus der Nutzung heraus entstehen. Das zeigt sich auch am Modell des Haus‘ Rufer (aus Papier, Karton und Sperrholz): ein klar gegliederter, quadratischer Baukörper, der vom Innenraum her gedacht ist. Unterschiedlich große, unsymmetrisch angeordnete Fenster ergeben sich aus den auf verschiedenen Ebenen liegenden Räumen und nicht aus einem dekorativen Fassadenkonzept.

Thomas Demand arbeitet wie ein Bildhauer: Er baut Modelle aus Papier, fotografiert sie und zerstört sie anschließend. Sein Werk Podium ist weniger bekannt als die Arbeit zur verwüsteten Stasi-Zentrale, bezieht sich jedoch ebenfalls auf einen zentralen Moment jüngerer Geschichte. Ausgangspunkt ist das Rednerpult, das der serbische Politiker Slobodan Milošević 1989 bei seiner Rede auf dem Amselfeld (Gazimestan) benutzte. In dieser Rede schürte er nationalistische Stimmungen und trug zur Eskalation bei, die später in die Jugoslawienkriege mündete.
1999 wurde Milošević als erstes amtierendes Staatsoberhaupt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt. Er starb vor Abschluss des Verfahrens.
Wie in vielen seiner Arbeiten entfernt Demand die Menschen aus den dargestellten Räumen. Dadurch verschwinden Lärm und Bewegung, zurück bleibt eine leere, sachliche Bühne. Die Fotografien rufen dennoch Erinnerungen hervor, auch wenn der historische Zusammenhang nicht sofort präsent ist.
Einen ausführlichen Artikel zu Thomas Demands Arbeitsweise, am Beispiel der Arbeit zur Stasi-Zentrale, gibt es hier.
Papier als experimentelles Medium
Die Idee, Papier nicht mehr nur als Bildträger zu verwenden, sondern seine materiellen Eigenschaften gezielt einzusetzen, verbreitete sich besonders seit den 1950er Jahren.

Günther Uecker ist vor allem für seine Nagelbilder bekannt, bei denen er Nägel kreisförmig in Holzplatten einschlägt oder ganze Objekte damit überzieht. Die Nägel nutzte er jedoch auch als Druck-Werkzeug. Er presste die Köpfe in handgeschöpftes Büttenpapier und erzeugte so gezielte Strukturen. Die Prägungen der Nagelköpfe ragen mehrere Millimeter aus dem Papier heraus und bilden ein Relief. In diesen Arbeiten tritt Papier deutlich als eigenständiges Material in Erscheinung.
Uecker gehört neben Heinz Mack und Otto Piene zu den zentralen Vertretern der ZERO-Bewegung, die Ende der 1950er Jahre eine künstlerische „Nullstunde“ propagierte.

Von Lucio Fontana sind vor allem die Schnitte bekannt, mit denen er seine Leinwände öffnete und den Raum dahinter sichtbar machte. In der Ausstellung ist eine frühe Papierarbeit mit einem Schnitt zu sehen. Sie markiert den Beginn seines Umgangs mit dem Bildträger als physischem Objekt.
Visuelle Täuschungen

Trompe-l’œil-Darstellungen faszinieren mich besonders, dazu zählen auch die Vexierbilder von Peter Flötner. Ein Vexierbild zeigt neben dem offensichtlichen Motiv ein zweites, das sich erst bei genauer Betrachtung erschließt.

Bei diesem Beispiel aus der Nürnberger Druckkunst von 1538 ist zunächst unklar, was dargestellt ist. Längliche Striche scheinen eine Landschaft zu formen: ein offenes Meer, ein Boot und ein walähnliches Wesen. Die Aufschrift „WAS.SICHST.DV.“ fordert dazu auf, das Bild genauer zu untersuchen.
Betrachtet man das Blatt von links in einem sehr flachen Winkel, verändert sich das Motiv: Es erscheint die Darstellung eines hockenden Bauern mit Hut und nacktem Hintern, der seine Notdurft verrichtet.

Wie leicht Kunst Wahrnehmung täuschen kann, zeigt auch die über 3,6 Meter große Papierarbeit von Toba Khedoori. Auf dem großformatigen weißen Papier ist ein schlanker Holzstab dargestellt, der im unteren Bildbereich scheinbar an die Wand gelehnt ist. Die Malerei ist so exakt ausgeführt, dass der Stab beinahe real wirkt. Fein abgestufte Schattierungen erzeugen eine starke Illusion von Dreidimensionalität.
Durch die reduzierte Form und die Platzierung des Objekts in einem undefinierten, menschenleeren Raum entsteht ein Eindruck von Isolation. Trotz seiner Größe wirkt das Werk still und zurückgenommen. Erst bei genauer Betrachtung werden kleine Unregelmäßigkeiten sichtbar: Im wachsartigen Überzug des Hintergrunds haben sich Staub, Fussel und Haare aus dem Arbeitsprozess abgesetzt. An diesen Stellen wird die Illusion gebrochen.
Dass Bildern nicht immer zu trauen ist und wie gezielt Kunst mit Täuschung arbeitet, habe ich bereits in einem separaten Artikel zur Bildillusion thematisiert.
Papier als Zeichnungsträger
Mich hat überrascht, wie stark einige der historischen Zeichnungen in der Albertina auf mich gewirkt haben.

Besonders beeindruckend ist die monumentale Druckgrafik Die Ehrenpforte von 1515. Das fast 3,5 Meter hohe Werk funktioniert wie ein Wimmelbild. Bei genauer Betrachtung wird die grafische Präzision sichtbar: Der Balkon mit den Trompetenengeln verblüfft durch den räumlichen Effekt, ebenso wie die Säulenformationen am unteren Bildrand.
Kaiser Maximilian I. gab das Werk in Auftrag. Im Zentrum steht seine genealogische Selbstdarstellung: Der Kaiser thront an der Spitze seines Stammbaums, umgeben von zahlreichen Wappen des Hauses Habsburg. Szenen aus seinem Leben zeigen politische Ereignisse, militärische Erfolge und idealisierte Charakterzüge. Ergänzt wird das Programm durch eine Reihe römischer Herrscher seit Julius Cäsar.

Für das Werk wurden 36 Papierbögen auf Leinwand montiert. Die Umsetzung erforderte 195 Druckstöcke. An der Ausführung waren unter anderem Albrecht Dürer und Albrecht Altdorfer beteiligt. Das Bildkonzept entwickelten der Hofmaler Jörg Kölderer und der Hofhistoriograf Johannes Stabius. Die Ehrenpforte gilt als das größte Druckwerk Albrecht Dürers und zeigt, dass bereits in der Frühen Neuzeit arbeitsteilige künstlerische Kooperationen existierten, eine Art Künstler-Kollektiv.

Über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren schuf Rembrandt Selbstbildnisse – so lange diente ihm sein eigenes Gesicht als Modell. Dabei testete er auch unterschiedliche Gesichtsausdrücke, Kleidungsstücke und Körperhaltungen.

Einige der Radierungen sind nur wenige Zentimeter groß. Dennoch sind Schatten, Konturen und einzelne Haare mit hoher Präzision ausgearbeitet. Kein anderer Künstler hat mehr Selbstbildnisse geschaffen als Rembrandt. Die Albertina besitzt davon den weltweit größten Bestand.
Der menschliche Abdruck: Yves Klein ‚Ant‘

Am Ende der Ausstellung stoße ich auf Yves Klein – und das ist für mich ein besonderer Moment. Ich bin seit Langem ein Fan seiner Arbeit. Zu sehen ist eine Anthropometrie, also der Abdruck eines nackten menschlichen – hier: weiblichen – Körpers.
Das für Klein typische Blau wirkt hier zurückhaltender als erwartet. Unter dem blauen Körperabdruck liegt ein weiterer Abdruck in Gold, der dem Bild zusätzliche Tiefe gibt. Hände, Mund und Körper sind wie in einer Momentaufnahme festgehalten.
Mehr zu Yves Klein, der nicht nur das International Klein Blue entwickelte, sondern sich auch intensiv mit dem Immateriellen beschäftigte, findet ihr hier.
Fazit

Die Ausstellung zeigt die Vielseitigkeit von Papier deutlich: von feinen Linien historischer Zeichnungen über Architekturmodelle und raumgreifende Installationen bis hin zu politisch aufgeladenen Arbeiten und experimentellen Oberflächen.
Die Albertina zeigt noch viel mehr faszinierende Kunstwerke in ihrer Ausstellung und macht sichtbar, wie Künstler_innen über Jahrhunderte hinweg mit Papier gearbeitet und es immer wieder neu eingesetzt haben. Erst in der zeitgenössischen Kunst wird Papier konsequent in den Raum erweitert.
Der zur Ausstellung gehörige Katalog ist ein Juwel für sich: Unterschiedliche Papierarten, Cut Outs, ausklappbare Seiten, eine Drehscheibe, Transparentpapier und ein Modellbaubogen greifen das Thema materiell auf und spiegeln den Anspruch der Ausstellung wider.
Ein Besuch der Albertina lohnt sich besonders, wenn man sich Zeit nimmt, diese Vielfalt bewusst wahrzunehmen. Die Ausstellung ist noch bis zum 22. März 2026 zu sehen.

Noch mehr über Ppierkunst gibt es in einem Artikel über das Haus des Papiers in Berlin.
Papier in der Kunst: Papier inspiriert Kunst über Jahrhunderte – britta kadolsky

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