Xenia Hausner: Schafft eine Bühne für selbstbestimmte Frauen
Ich bin von Xenia Hausners Malerei schon lange begeistert. Nun habe ich sie in Wien getroffen.
Seit Jahren ziehen mich ihre farbintensiven, großformatigen Gemälde (meist) von Frauen an. Sie schauen mich direkt an oder agieren unergründlich miteinander. Die Szenen sind dabei emotional und offen. Ich frage mich sofort, was wohl zwischen diesen Menschen passiert ist. Manche Kompositionen wirken wie eine banale Alltagsszene, andere scheinen wie ein Filmstill oder eine Szene eines Theaterstücks: Eben nur ein Fragment einer größeren Erzählung.

Zwischen Nähe und Verlust

Mit ihrer Serie Exiles erlangte Hausner große Bekanntheit: Exiles 1 wurde sogar als Sondermarke von der Österreichischen Post herausgegeben.
Exiles 1 zeigt fünf junge Menschen, die aus dem offenen Fenster eines Zuges schauen. Vier Frauen stehen dicht beieinander, in ihrer Mitte ein blonder Mann. Alle wirken sehr jung, vielleicht gerade erwachsen. Ihre Gesichter sind angespannt und sehr ernst. Der Zug scheint im Bahnhof zu stehen oder sich gerade in Bewegung zu setzen. Der Moment bleibt offen. Von rechts nähert sich eine schwarzhaarige Person als Rückenfigur. Sie hebt beide Arme, als wolle sie jemanden erreichen oder festhalten. Von links wird ein Kleinkind in Richtung Zugfenster gehoben. Diese Gesten bringen Dynamik ins Bild. Nähe, Abschied und Dringlichkeit liegen dicht beieinander. Niemand wirkt sicher und die Szene ist beunruhigend.

Der Schriftzug am Waggon gibt nur scheinbar Aufschluss über die Herkunft oder das Ziel der Reisenden. Die Kleidung ist zeitgenössisch und unauffällig. Sie lässt sich keiner bestimmten Herkunft oder einem konkreten Ort zuordnen.
Viele lesen das Werk als Reaktion auf die Fluchtbewegungen 2015. Hausner legt sich jedoch nicht fest. Die Figuren entsprechen keinem vertrauten medialen Bild von Geflüchteten. Sie stehen für einen Zustand: Entwurzelung, Warten, Unsicherheit.
Typisch für Hausners farbige Leuchtkraft sind die beiden Komplementärfarben Rot und Grün, die sich gegenseitig zum Strahlen bringen und die emotionale Spannung steigern. Eine ungewöhnliche Kolorierung fällt auch beim Inkarnat auf. Die Haut ist von vielen Farbflecken überzogen: Irgendwie zu viel Rouge in Pink, Rot oder Lila auf den Wangen, dazu oft Blau im Innenwinkel der Augen oder am Haaransatz, und doch wirkt alles stimmig. Nackte Haut erscheint manchmal wie Camouflage, so als würde Farbe nicht nur formen, sondern auch tarnen.
Prozess: Der Weg zur Bildfindung
Die Vorbereitungen für ein Bild sind aufwendig und bewusst offen angelegt. Hausner baut ihre Szenen vollständig im Atelier auf. Für die Serie Exiles hat sie ihre Requisiten rund um das Bahnabteil auf dem Schrottplatz der ÖBB gefunden.
In ihren Gemälden spielen rätselhafte Gegenstände immer eine Rolle: Bojen, chinesische Teekannen, Kanister, Seile, Messer, in einem Selbstporträt auch mal ein Revolver, Reklameschilder, u.v.m. Diese Requisiten irritieren und feuern das Kopfkino an. Teilweise nimmt sie Sachen vom Sperrmüll, aus Trödelläden und von der Straße mit: Je ungewöhnlicher die Objekte sind, umso besser. Warum bestimmte Dinge sie sofort anziehen, kann sie selbst nicht genau erklären. Xenia Hausner weiß nur: Sie muss sie haben. Ihr Atelier gleicht einem Requisiten-Fundus, bereit für neue Bildkonstellationen. Um Schrift oder Zahlen in ihre Bilder zu integrieren, nutzt sie gefundene Werbeschilder, und schafft so auch eine zusätzliche ästhetische und rationale Dimension.

Mit diesen Gegenständen und ihren Protagonist_innen – teils Schauspieler_innen, teils Laien – arrangiert Hausner die Szenen. Dieser Aufbau dauert Stunden, manchmal Tage. Sie hat eine Grundidee im Kopf, und während sich die Beteiligten im Raum bewegen und positionieren, beobachtet sie genau, was entsteht. Sie fotografiert immer wieder. Kleine Verschiebungen, ein Blick, eine Geste können alles verändern. Dieser kreative Prozess ist dynamisch und unvorhersehbar; Hausner schätzt Zufälle und spontane Momente. Daher bleibt Hausner bewusst flexibel und verändert die Komposition, wenn sich etwas Unerwartetes ergibt. Offen zu bleiben ist für sie entscheidend. Viele Bilder entstehen aus Momenten, die sie vorher nicht geplant hatte.
Für die Malerei bilden die gemachten Fotos den Ausgangspunkt. Menschen stellt sie überlebensgroß dar. Um die richtigen Proportionen zu ermitteln, rechnet sie aus, wie groß der Malgrund sein muss. Früher malte Hausner auf Holz, später auf dem leichteren Aluminium-Dibond. Vor kurzem erst hat sie mit der Malerei auf Leinwand begonnen. Die Leinwand ist leichter handhabbar, individuell teilbar und erlaubt größere Flexibilität. Zusätzlich experimentiert sie seit einiger Zeit mit Skulpturen. Auch im Alter von 71 Jahren entdeckt Hausner so noch neue Wege für ihre Arbeit und ihre Figuren.
Frauen als bewusste Entscheidung: Starke Präsenz statt Rollenbilder

Warum Frauen? Diese Frage stellt sich bei Xenia Hausners Werk fast automatisch. Sie malt überwiegend Frauen, oft zu zweit, zu dritt oder in kleinen Gruppen. Die Figuren stehen in Beziehungen zueinander, ohne dass diese eindeutig festgelegt wäre. Nähe und Distanz bleiben offen.
„Frauen sind ein zentrales Element meiner Arbeit.
In meinen Bildern stehen sie stellvertretend für alle Geschlechter.“
Hausner kritisiert die männlich dominierte Kunstgeschichte und die stereotype Darstellung von Frauen. Ihre Frauen sind selbstbewusst. Auch wenn einzelne Figuren isoliert wirken, zeigen sie Haltung, wirken souverän und authentisch. Die Frauen in ihren Gemälden sind konfrontativ und schauen den Betrachtenden oft direkt entgegen. Das ist ungewohnt. Hausner möchte, das wir als Betrachtende ‚positiv erschüttert‘ werden.

Hausners Mann lebt und arbeitet viel in Asien und Hongkong. Auch Xenia Hausner reist gerne und sammelt auf diesen Reisen Objekte, Eindrücke und Bilder. Besonders in Asien findet sie auch Motive, die sie in ihre Arbeit aufnimmt. Außerdem wird es in diesem Jahr sowohl in Seoul als auch in Guangzhou große Ausstellungen von ihr geben.

Warum übersehen Feministinnen Xenia Hausner?
Eine Frage beschäftigt die Künstlerin immer wieder: Warum ignorieren viele Feministinnen ihre Arbeit? Ihre eigene Antwort ist klar: Sie passt nicht ins gängige Opfernarrativ. Hausner ist kein Flüchtlingskind, sie ist nicht unterdrückt, nicht arm und nicht „anders“ markiert. Ihre Position im Leben ist sichtbar privilegiert, und wirtschaftlich läuft alles gut: viele Galerien vertreten sie. Genau diese Faktoren führen dazu, dass ihr Werk oft nicht in feministischen Diskursen als politisch relevant angesehen wird.
Viele feministische Narrative setzen auf Geschichten von Unterdrückung, Marginalisierung oder Widerstand. Hausners Arbeit widersetzt sich diesem einseitigen Muster, weil sie Frauen zeigt, die keine Opfer sind: Ihre Figuren kämpfen, sind stark und leiden zugleich, was sie als zutiefst weibliche Qualität versteht. Dem stimme ich zu, weil gesellschaftliche Strukturen Frauen bis heute stärker in die Rolle der Fürsorgenden und Verantwortlichen drängen: Sie müssen Care-Arbeit leisten, selbstständig, belastbar und anschmiegsam sein und zugleich kraftvoll bestehen, wenn sie auf sich allein gestellt sind. Hausners Frauen können eindeutig feministisch gelesen werden.
Vita

Xenia Hausner wurde 1951 in Wien geboren. Kunst gehörte von Anfang an zu ihrem Alltag: Ihr Vater Rudolf Hausner war Maler, ihre Mutter Hermine Restauratorin, auch ihre Schwestern arbeiten kreativ. Ab 1972 studierte Hausner Bühnenbild in Wien und London. Es folgten fünfzehn intensive Jahre am Theater und an der Oper. Sie entwarf mehr als hundert Bühnenbilder, unter anderem für das Burgtheater, das Covent Garden in London und die Salzburger Festspiele. In dieser Zeit schärfte sie ihren Blick für Raum, Licht und dramatische Situationen. 1992 ließ sie die Bühne hinter sich und konzentrierte sich ganz auf die Malerei. Sie hat drei Ateliers: eines in Wien, wo ich sie besuchen durfte, eines in Traunkirchen und eines in Berlin.
Fazit
Hausner entwickelt eine eigene Bildsprache: Die Malerei zeigt eine Leichtigkeit, die dargestellten Frauen nicht. Die brillanten Farben und das Zusammenspiel von realistischer Darstellung und offener Bedeutung fasziniert mich bei ihren Bildern immer wieder.

Die Zitate stammen von der Webseite von Xenia Hausner: https://www.xeniahausner.com/painting_neu/
Xenia Hausner: Schafft eine Bühne für selbstbestimmte Frauen – Britta Kadolsky
Zu einem ähnlichen Thema weiterlesen: Frauen in der Kunst


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