CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959

britta kadolsky

Kunst als Waffe: Wie die CIA den Abstrakten Expressionismus im Kalten Krieg nutzte

Was haben Jackson Pollock und die CIA gemeinsam? Propaganda für die Demokratie!

Jahrzehntelang war es nur ein Gerücht – mittlerweile wissen wir: Der amerikanische Geheimdienst nutzte moderne amerikanische Kunst als verdeckte ‚Waffe‘ im ideologischen Wettstreit mit der Sowjetunion. Abstrakter Expressionismus – von Künstler_innen wie Jackson Pollock, Mark Rothko oder Helen Frankenthaler – wurde gezielt als Symbol für geistige Freiheit, Kreativität und kulturelle Stärke des Westens gefördert. Und das über Jahre hinweg – geheim, gezielt und gut organisiert: Selbst die Künstler_innen wussten nichts davon.

CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959, Jackson Pollock
Jackson Pollock, Foto: Pexel

Dieser Artikel erzählt, wie der Abstrakte Expressionismus die Kunst des 20. Jahrhunderts prägte – auch in der noch jungen BRD nach dem Zweiten Weltkrieg. Rockefeller, MoMA und die unsichtbare Hand der CIA Anfang der 1950er Jahre galt auch in den USA moderne Kunst als elitär oder unverständlich. Der republikanische Präsident Truman (Amtszeit: 1945-53) brachte die Meinung der meisten Amerikaner auf den Punkt: „Wenn das Kunst ist, bin ich ein Hottentotte.“

Viele der Künstler waren ehemalige Kommunisten oder linke Intellektuelle – und wurden während der McCarthy-Ära kritisch beäugt. Ironischerweise machte sie genau das für die CIA attraktiv: Ihre Werke – unpolitisch im Stil – standen im scharfen Kontrast zur sowjetischen Staatskunst, die auf Realismus und ideologische Kontrolle setzte. Die harsche Kritik aus Moskau an der ungegenständlichen Kunst wirkte für den US-Geheimdienst wie eine Empfehlung, die Abstrakten Expressionisten politisch zu nutzen.

CIA und die Strategie hinter der Ausstellung

Die 1947 neu gegründete CIA entschied sich daher, Kunst und Kultur als strategisches Mittel im Kalten Krieg einzusetzen. Der Geheimdienst unterstützte verdeckt kulturelle Projekte weltweit – von Jazzkonzerten über Filmproduktionen (z.B. Orwell-Verfilmungen) bis hin zur bildenden Kunst.

CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959

So finanzierte die CIA die Ausstellung The New American Painting, die eigens ausgesuchte Kunstwerke amerikanischer Künstler_innen durch die meisten großen Städte Europas touren ließ. Auch das MoMA war eng mit der CIA vernetzt. Der Millionär Nelson Rockefeller steuerte das Geld für die teuren Geheimdienstaktionen bei, um mit der abstrakten Kunst ein Gegengewicht zur sowjetischen Kulturpolitik zu setzen.

Abstrakter Expressionismus als politisches Signal: Die CIA und die documenta II

Auch in der jungen Bundesrepublik Deutschland sollte ein Gegenpol zur Kunst der DDR gesetzt werden. Die passende Ausstellung dafür war die documenta II in Kassel 1959. Der Standort im damaligen Zonenrandgebiet schien ideal, um als Signal nach Osten zu strahlen.

Plakat der documenta II, 1959 in Kassel,
Plakat der documenta II, 1959, © documenta archiv

Fünfzehn Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus verstand sich die documenta II offiziell als „Bestandsaufnahme der Gegenwartskunst“. Organisiert wurde sie unter anderem von Arnold Bode, dem Leiter des Kunstmuseums in Kassel, der die documenta 1955 gegründet hatte, und von Werner Haftmann, Kunstkritiker und Professor für Kunstgeschichte. Die Ausstellung zeigte u.a. Werke von Willi Baumeister, Hans Arp, Eduardo Chillida, Pierre Soulages, Francis Bacon, Piet Mondrian, Pablo Picasso, Ernst Willhelm Nay, Paul Klee, Ernst-Ludwig Kirchner und Joan Miro. Insgesamt stellten fast 349 Künstler und 18 Künstlerinnen aus.

CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959 | Was kann Kunst
Piet Mondrian, Composition No. 11, , CC BY 3.0
CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959 | Was kann Kunst
Karl Otto Götz, 1954, Foto: Jan Schüler, CC BY-SA 3.0 DE
paul Klee, blaue Rechtecke, oranger Baum, der böte des herbstes
Paul Klee, Der Bote des Herbstes, 1922, CC0

Kurz vor Ausstellungsbeginn trafen in Kassel unerwartet riesige Kisten mit 144 Gemälden aus New York ein, darunter: Jackson Pollock, Mark Rothko, Franz Kline, Barnett Newman, Robert Rauschenberg, Willem de Kooning, Sam Francis und Helen Frankenthaler – das Who-is-Who des amerikanischen Abstrakten Expressionismus. Den Künstlern war nicht bewusst, dass ihre Arbeit Teil eines politischen Programms war. Sie sahen sich als unabhängig und rebellisch, während die CIA ihre Werke heimlich förderte, um die USA als Hort der Freiheit zu positionieren.

Diese kulturelle Einflussnahme wurde erst Jahrzehnte später bekannt und warf Fragen darüber auf, inwiefern Kunst wirklich autonom sein kann, wenn sie politisch instrumentalisiert wird. Für Bode und Haftmann war die Gegenwartskunst abstrakt, und die Abstraktion galt als universelle Sprache. Außerdem ging es den beiden auch um „Westbindung“, also um ein eindeutiges Bekenntnis zum Westen im Kalten Krieg. Schon deshalb waren sie empfänglich für die Kunst aus den USA. 

CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959 | Was kann Kunst
Arnold Bode vor Jackson Pollock, „Number 32“, © documenta archiv / Werner Lengemann, Signatur: docA, MS, d02, 10041418

Ursprünglich wollten Bode und Haftmann die ausgewählten deutschen und europäischen Kunstwerke im Fridericianum nicht nach Herkunftsländern sortieren. Im Vorwort zum Katalog schrieb Haftmann, dass dort, wo sich Freiheit durchsetzt, die Grenzen zwischen Nationen und Systemen verschwinden. Das war sowohl künstlerisch als auch politisch gemeint. Durch die Gemälde aus New York geriet das ursprüngliche Ausstellungskonzept ins Wanken. Die US-amerikanischen Werke waren riesig und wirkten überwältigend.

Haftmann und Bode verwarfen daraufhin ihr Konzept, die Kunst international zu präsentieren, sie gruppierten die Werke aus den USA stattdessen gemeinsam in einem Raum. Die kolossalen amerikanischen Arbeiten dominierten die Kunstschau. Die Rezensionen fielen entsprechend aus. Das politische Kalkül ging auf.

CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959 | Was kann Kunst
Helen Frankenthaler, Mountains and Sea, 1952, BY-NC-SA 2.0

Visuell unterschied sich die abstrakte Kunst in Europa und den USA gar nicht so sehr. Manche der europäischen Künstler, wie Karl Otto Götz oder Ernst Wilhelm Nay, arbeiteten auch gestisch, dynamisch und in großen Formaten – formal ähnelten sie also durchaus ihren US-Kollegen wie Pollock oder Kline. Doch die amerikanischen Werke wurden offensiv präsentiert, raumgreifend gehängt und als Ausdruck individueller Freiheit und „American Spirit“ gedeutet. Europäische Arbeiten dagegen waren museal gerahmt, kulturell eingebettet und wurden weniger aggressiv vermarktet. Der eigentliche Unterschied lag also nicht auf der Leinwand, sondern in ihrer politischen und kulturellen Aufladung.

CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959 | Was kann Kunst
Hängung der Abstrakten Expressionisten bei der documenta II im Fridericianum, © documenta archiv / Günther Becker

So trat der Abstrakte Expressionismus als neue US-amerikanische Kunstrichtung seinen Siegeszug an und die europäische Kunst hatte ab diesem Zeitpunkt viel weniger Gewicht. Die kulturpolitischen Machenschaften wurden weder von den Machern der documenta noch von den Künstler_innen und natürlich auch nicht vom Publikum erkannt. Es gab jedoch auch Kritik – die amerikanischen Werke nähmen zu viel Raum ein und erdrückten die europäischen Beiträge. Die Leiterin der documenta X, Catherine David, bezeichnete 1997 die frühen documenta-Ausstellungen als „Kulturschaufenster des Marshallplans“.

CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959 | Was kann Kunst
Mark Rothko, Farbfeldmalerei, CC BY 4.0

Fazit

Die Strategie der CIA ging auf: Der Abstrakte Expressionismus wurde zur Marke des freien Westens – groß, mutig und ungebändigt – kurz: die perfekte Inkarnation einer westlichen Weltanschauung, wie sie sich selber sah. Doch genau das, wogegen sich viele der amerikanischen Künstler einst gewehrt hatten – Kommerz, Dekor, Status – holte sie ein. Ihre Werke zierten bald Banken,

Konferenzräume, Regierungsgebäude. Einige, wie Rothko, zerbrachen vielleicht auch daran. Die Bilder blieben – als Symbole eines Kampfes, der viel mehr war als ein ästhetischer Streit: ein stiller Kunstkrieg um die kulturelle Vorherrschaft. Am Ende lässt sich nicht sagen, ob der Abstrakte Expressionismus sich auch ohne die verdeckte Unterstützung des US-Geheimdienstes so sehr durchgesetzt hätte. Wahrscheinlich ja – doch sein globaler Aufstieg wurde durch das geheime Netzwerk massiv beschleunigt – subtil, aber wirksam.

Mit dem Wissen über die CIA-Strategien während des Kalten Krieges denke ich auch über die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Kunst, Politik und Freiheit nach. Die zentrale Frage bleibt: Kann Kunst wirklich frei sein, oder ist sie immer in irgendeiner Form von den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen abhängig, unter denen sie entsteht? Der Missbrauch von Kunst zu Propagandazwecken zeigt, dass selbst in demokratischen Gesellschaften nur ein feiner Grat zwischen freier Meinungsäußerung und Manipulation verläuft.

Mehr zur Verbindung von Kunst und Politik, und warum sie oft heikler ist, als sie scheint, gibts hier.

CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II als politische Bühne - britta kadolsky
Beitragsbild: steve-johnson-eVaxJVA2zHI-unsplash


Die hier gezeigten Werke der documenta II-Künstler_innen müssen nicht mit den Bildern übereinstimmen, die 1959 tatsächlich ausgestellt wurden.

CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II als politische Bühne – britta kadolsky

Quellen:
https://berlinergazette.de/de/kunst-im-auftrag-der-cia/

The Independent

Kolja Reichert

https://documenta.de/de/retrospective/ii-documenta

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