Was kann Kunst: Über die politische Macht von Kunst und den russischen Pavillon, um den die Welt streitet
britta kadolsky
Ein Pavillon bleibt leer oder Kunst als Kulisse des Krieges

Es gibt Bilder, die sich einprägen. Eines davon ist der schilfgrüne russische Pavillon im Stil des späten Zarenreichs in den Giardini der Biennale in Venedig. Er wurde 1914 von Alexej Schtschussew (dem späteren Schöpfer des Lenin-Mausoleums) erbaut. Er steht leer seit dem 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine.
Kurz darauf zogen der Kurator Raimundas Malašauskas sowie die Künstler Alexandra Sukhareva und Kirill Savchenkov ihren Beitrag zur 59. Biennale zurück. Aus Protest. Die Tür des Pavillons blieb geschlossen, drinnen: Nichts. Und dieses Nichts sagte mehr, als jede Ausstellung hätte sagen können.
2024 erschien Russland erst gar nicht. Doch ganz auf die Bühne Venedig verzichten wollte Moskau trotzdem nicht. Russland überließ seinen Pavillon Bolivien. Politischer Hintergrund war ein Lithium-Deal mit dem südamerikanischen Land. Offiziell inszenierte sich Russland jedoch als Vorreiter im antikolonialen Kampf, während sein Krieg gegen die Ukraine bereits ins dritte Jahr ging. Kunst als Kulisse für Außenpolitik, das war unübersehbar.
Was kann Kunst – und wer darf sie zeigen?
Erstmals seit der Invasion will Russland den Pavillon zur 61. Biennale, die am 9. Mai eröffnet, wieder selbst bespielen. Das Projekt The Tree Is Rooted in the Sky, an dem rund 40 Künstler_innen beteiligt sein sollen, ist brisant: Als Kuratorin wurde Anastasia Karnejewa benannt, Tochter eines stellvertretenden Generaldirektors des russischen Staatskonzerns Rostec, der auf der Sanktionsliste aller EU-Länder steht. Gegründet hat sie ihr Unternehmen Smart Art gemeinsam mit Ekaterina Winokurowa, der Tochter von Außenminister Lawrow.
Der Protest ließ nicht auf sich warten: 26 Europaabgeordnete verschiedener Fraktionen forderten in einem offenen Brief einen Ausschluss durch die Biennale-Leitung. Der EU-Kommissar für Kultur, die EU-Vizepräsidentin, das italienische Kulturministerium und natürlich die Regierung der Ukraine kritisierten den Schritt scharf: Die Teilnahme sei nicht vereinbar mit der kollektiven Reaktion der EU auf die russische Aggression. Die EU prüft, ob ein laufender Zuschuss von zwei Millionen Euro für die Biennale ausgesetzt wird.

Die Biennale-Leitung unter Präsident Pietrangelo Buttafuoco hält dagegen: Die Biennale finde seit 130 Jahren statt, Zensur habe dort keinen Platz. Er will die Ausstellung grundsätzlich für alle Länder offenhalten, von Russland über Israel bis zur Ukraine.
Besonders pikant ist die Rolle der italienischen Politik in diesem Streit. Kulturminister Alessandro Giuli distanzierte sich ausdrücklich von der Entscheidung der Biennale-Leitung. Dabei hatte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco 2023 selbst ins Amt gehoben.
Ein Grundsatzkonflikt ist damit eröffnet. Und er dreht sich, im Kern, um die Frage: Was kann Kunst?
Welche Macht hat die Kunst?

Wenn ein Pavillon in Venedig keine Bedeutung hätte, gabe es darum keinen Streit. Stattdessen mobilisiert er Politiker_innen, Botschafter_innen und Millionendrohungen. Das ist der beste Beweis für die Macht der Kunst.
Nicht alles, wohlgemerkt. Kunst kann keine Kriege verhindern. Kein Gemälde hat je eine Armee aufgehalten, kein Theaterstück je einen Diktator gestürzt. Wer Kunst damit überfordert, tut ihr keinen Gefallen. Die richtige Frage lautet: Was kann Kunst, das andere Formen des Ausdrucks nicht können?
Die Antwort: Kunst zwingt uns hinzuschauen. Sie gibt uns Kontext, regt uns an, genauer nachzudenken, uns zu informieren. Und im besten Fall kommen wir dadurch zu einem gut überlegten eigenen Urteil. Das klingt bescheiden. Ist es aber nicht.
Ich finde, ein Blick in die Geschichte macht das besonders deutlich. Immer dann, wenn Mächtige Angst vor Kunst hatten, wussten sie genau, warum.
„Entartet” – Wenn Diktatoren Angst vor Bildern haben: Die Mühe der Mächtigen

Die Nationalsozialisten fürchteten die Kunst. 1937 organisierten sie in München gleich zwei Ausstellungen. Im neu gebauten Haus der Kunst, das Hitler eigens dafür errichten ließ, eröffnete am 18. Juli die Große Deutsche Kunstausstellung mit der Kunst, die seinem Weltbild entsprach: Heroische Körper, idyllische Landschaften, klare Formen. Einen Tag später, am 19. Juli, folgte in den beengten Räumen des Münchner Hofgartens die Ausstellung Entartete Kunstmit über 650 Werken, die in deutschen Museen beschlagnahmt worden waren.
Es waren expressionistische, abstrakte, dadaistische und kubistische Arbeiten, Kunst also, die nicht naturalistisch und nicht im Sinne der NS-Ideologie ‚lesbar‘ war. Nolde, Kirchner, Kandinsky, Klee, Beckmann, Grosz, Marc, Dix uvm. wurden an den Pranger gestellt und ihre Werke als ‘jüdisch-bolschewistisch‘, als krankhaft und volksfeindlich diffamiert. Die Platzierung war kein Zufall sondern Strategie, denn die als entartet diffamierte Kunst sollte gedrängt und chaotisch wirken, während die ‚deutsche‘ Kunst im repräsentativen Neubau nebenan groß und würdevoll präsentiert wurde.
Die Nazis wussten: Bilder formen Haltungen, Haltungen formen Gesellschaften. Wer die Bilder kontrolliert, kontrolliert einen Teil der Wirklichkeit. Hätten sie die Kunst für wirkungslos gehalten, hätten sie sich nicht die Mühe gemacht.
Pollock, Rothko und die CIA: Abstrakte Kunst als Waffe im Kalten Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sich dieses Kalkül um. Die USA förderten im Kalten Krieg gezielt den Abstrakten Expressionismus als kulturelle Waffe. Jackson Pollock, Mark Rothko, Helen Frankenthaler wurden international ausgestellt, nicht nur als Kunst, sondern als Beweis für Freiheit, Individualismus und die kulturelle Überlegenheit des Westens gegenüber der sowjetischen Staatskunst. Freiheit der Form als Exportprodukt. Der CIA war dabei, Nelson Rockefeller finanzierte das Unternehmen. Die Künstlerinnen und Künstler wussten jedoch nichts davon.
Besonders deutlich zeigte sich das auf der documenta II in Kassel 1959. Dort trafen kurz vor Eröffnung riesige Kisten mit 144 Gemälden aus New York mit dem Who-is-Who des Abstrakten Expressionismus ein. Die monumentalen amerikanischen Arbeiten dominierten die Ausstellung, die ursprüngliche Idee einer internationalen Gesamtschau wurde über Bord geworfen. Der politische Plan ging auf. Mehr dazu gibt es in meinem Artikel CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959.
Guernica verhüllt: Das vielleicht bemerkenswerteste Beispiel

Und dann ist da Picassos Guernica. Das riesige Gemälde, das 1937 den deutschen Bombenangriff auf das kleine baskische Städtchen verewigte, hing als großformatiger Bildteppich im New Yorker Hauptgebäude der Vereinten Nationen. Und zwar genau im Eingangsbereich zum Sitzungssaal des UN-Sicherheitsrates. Über 35 Jahre liefen Generationen von Politiker_innen und Journalist_innen an diesem Bild vorbei, das in Schwarz- und Grautönen das Elend des Krieges zeigt: schreiende Münder, ein totes Kind im Arm der klagenden Mutter, ein vor Schmerzen wieherndes Pferd.
Am 5. Februar 2003 trat Colin Powell vor den UN-Sicherheitsrat, um den bevorstehenden Irakkrieg der USA zu begründen. Und just für diesen Moment wurde der Teppich mit einer blauen UN-Flagge verhüllt. Die Antikriegsbotschaft als Hintergrund für eine Kriegsankündigung passte nicht.
Welche Ironie!! Natürlich hätte die Kunst auch hier keinen Krieg verhindern können. Bemerkenswert ist dennoch, wie sehr die amerikanische Administration sich der besonderen Bildmacht bewusst war und penibel darauf achtete, eine Diskrepanz zwischen dem übertragenen Fernsehbild und der Botschaft des Außenministers zu vermeiden. Mehr zu Guernica und seiner wechselhaften Geschichte in der UNO gibt es in meinem Artikel Guernica: Picassos Antikriegsbild aus der UNO entfernt.
Symbolpolitik auf der Weltbühne

Zurück nach Venedig. Der russische Pavillon stand zwei Jahre leer, dann wurde er fremdvergeben. Jetzt soll er wieder russisch bespielt werden, von Töchtern der Elite, organisiert von einem Funktionär des Außenministeriums. Das ist kein neutraler Kulturaustausch. Das ist Symbolpolitik. Und genau deshalb ist die Debatte so intensiv. Die Frage ist nicht, ob das gezeigte Projekt künstlerisch wertvoll sein wird. Die Frage ist: Was bedeutet es, einem Staat, der seit Jahren einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führt, auf einer der bedeutendsten internationalen Kunstplattformen der Welt Raum zu geben? Was sagt das über die Institution aus, die diesen Raum vergibt? Kunst allein kann diese Fragen nicht beantworten. Aber sie ist, seit Jahrtausenden, ein Ort, an dem sie gestellt werden.
Was Kunst kann und was nicht – Fazit
Wenn Regime Kunst verbieten, wenn Regierungen Teppiche verhüllen, wenn Kulturminister Fördergelder auszusetzen drohen, ist klar, dass Kunst zählt. Der russische Pavillon in Venedig ist keine neutraler Beitrag. Er ist eine Arena für Symbolpolitik.
Letztlich werden die Besucher_innen selbst entscheiden müssen, was sie von den russischen Darbietungen 2026 in Venedig halten, wie sie sie einordnen. Das tun wir auch, wenn wir durch die Pavillons von Saudi-Arabien, Aserbaidschan, Usbekistan, Äthiopien, China oder Iran gehen. Wir bringen unser Wissen, unsere Haltung, unsere Zweifel mit. Und die Kunst trifft auf all das, berührt uns oder macht Haltung sichtbar, wo die Sprache versagt. Und das genau ist ihre eigentliche Stärke: Die Kunst lässt uns im besten Falle nicht in Ruhe, sondern befragt uns und unser Gewissen.

Was kann Kunst: Über die politische Macht von Kunst und einen Pavillon, um den die Welt streitet – britta kadolsky
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