Warum belebt Ophelia Kunst und Popkultur?
britta kadolsky
Ophelia ist wieder da: Taylor-Swift-Fans reisen nach Wiesbaden, um ein Gemälde zu sehen, das plötzlich zum Pilgerort geworden ist: Friedrich Heysers Ophelia.

Das Gemälde, das die amerikanischen Popsängerin zu ihrem Musikvideo The Fate of Ophelia inspirierte, hing im Landesmuseum der hessischen Hauptstadt eher versteckt in einem der hinteren Säle. Am Anfang ihres Videos liegt Swift für zehn Sekunden in derselben Pose wie Heysers Ophelia, das Kleid ähnlich wallend und hell – dann richtet sie sich allerdings auf und zeigt, wie sie ihre eigene Stärke findet.
Das Vorbild für diese popkulturelle Aneignung hat der deutsche Maler Friedrich Wilhelm Theodor Heyser um 1900 geschaffen – und bis vor kurzem kann kaum jemand mehr seinen Namen. Das ändert sich gerade schlagartig. Genau der richtige Anlass für mich, ein paar Hintergründe zur tragischen Figur der Ophelia in der Kunst zu berichten:
Friedrich Heysers Ophelia: Die Vorlage für einen Popmoment

Auf Heysers Gemälde treibt eine junge Frau im weißen Kleid zwischen Seerosen und Blättern im Wasser. Ihre Augen sind geschlossen, ihre langen blonden, leicht gelockten Haare gleiten malerisch mit der Strömung genau wie ihr rechter Arm, der ausgestreckt über ihren Kopf reicht.
Ist die Frau tot? Sie sieht still und friedlich aus. Lebensgroß, die gesamte Bildbreite einnehmend, schwebt die anrührende Schöne auf dem ca. 180 x 90 cm großen Ölgemälde vor den Betrachtenden im Wasser. Ihr Weiß leuchtet gegen die grünen Töne des Wassers und der Pflanzen – der Kontrast lenkt den Blick unweigerlich auf sie.
Friedrich Wilhelm Theodor Heyser (1857 – 1921) studierte in Dresden und Paris und machte sich mit Porträts und Historien- und Genrebildern einen Namen. Seine Malerei liegt zwischen Spätromantik und Jugendstil – ein Stil, der auch in seiner Ophelia deutlich wird.
Odilon Redon: Ophelia als Gefühl

Etwa zur gleichen Zeit – 1905 –, aber ganz anders interpretiert Odilon Redon die Figur. Seine Ophelia ist nur als ein schwebendes Gesicht in weichen Farben im unteren linken Viertel des Bildes zu erkennen. Die leuchtenden Blüten und Blätter ziehen zuerst den Blick auf sich. Der Körper löst sich in einem blauen Kreis auf, der Wasser andeutet.
Wenige Jahre später schuf Redon eine zweite Version: Ophelia among the Flowers, das heute in der Tate Britain in London hängt. Es ist heller, farbintensiver, allerdings fast aufgelöst in Blüten. Hier ist die körperlose Ophelia erst auf den zweiten Blick auszumachen. Der Stillleben-Eindruck entstand, weil Redon ursprünglich eine Blumenstudie malte, diese dann zur Darstellung von Ophelia ‚umfunktionierte‘ – der Tisch wurde zum Wassergrund –die Blumen aber blieben das Hauptmotiv.

Redon verwandelt die Darstellung der tragische Frauenfigur in ein mystisches Bild jenseits einer realistischen Szene. Seine Ophelia wird zum Symbol zwischen Traum und Bewusstsein – nicht mehr Figur eines Schicksals, sondern Ausdruck von Gefühl und innerer Welt.
Der französische Maler und Grafiker Odilon Redon (1840 – 1916) war ein Vertreter des Symbolismus, der in seinen Werken Traum, Fantasie und das Unterbewusste erforschte. Mit leuchtenden Pastellfarben, schwebenden Figuren und oft floralen Motiven schuf er Bilder, die mehr Stimmung und Idee als narrative Handlung transportieren.
John Everett Millais : die bekannteste Darstellung von Ophelia in der Kunst

Ophelias Aufstieg zur Ikone der Kunst beginnt 1851/52 mit John Everett Millais. Seine Ophelia liegt auf dem Rücken, vollständig vom Wasser getragen, scheint ihr Körper fast schwerelos. Sie trägt ein langes, fließendes Kleid in gedeckten Weiß- und Cremetönen. Die Arme sind entspannt zur Seite gelegt, lediglich die Hände sind über Wasser und leicht geöffnet, als würde sie loslassen. Ihr Gesicht ist blass, die Augen offen, der Blick ins Leere gerichtet – Ausdruck von Ruhe und gleichzeitig von Vergänglichkeit.
Um sie herum schwimmt ein Teppich aus sorgfältig dargestellten Pflanzen und Blumen: Mohn, Veilchen, Rosen, Wasserlilien und Schlüsselblumen, jede mit symbolischer Bedeutung für Tod, Treue und Vergänglichkeit: Millais malte mit fast schon botanischer Akribie. Die Farbpalette – zwischen sattem Grün, kühlen Blautönen und dem goldenen Kleid – erzeugt einen starken Kontrast.
Tragisches Detail: Das Modell, Elizabeth Siddal, lag dafür stundenlang im Wasser, bis sie sich eine Lungenentzündung zuzog, weil Millais im Eifer des Malens vergaß, frische Kerzen zum Erwärmen des Wassers unter die Badewanne zu stellen. Nach der Androhung rechtlicher Schritte ihres Vaters versicherte Millais, alle Arztrechnungen zu bezahlen.
John Everett Millais (1829 – 1896) war Mitbegründer der Präraffaeliten und bekannt für seine detailreichen, leuchtenden Bilder mit literarischen und emotionalen Themen. Später wandte er sich einem realistischeren Stil zu und wurde einer der erfolgreichsten Maler des viktorianischen Englands.
Millais’ Ophelia, das in der Tate Britain in London hängt, spiegelt die viktorianische Vorstellung von Weiblichkeit: schön, rein, passiv, dem Schicksal ausgeliefert. Und doch wirkt sie eigenartig präsent: Ihr Körper löst sich nicht auf, sondern widersteht. Vielleicht liegt darin die Kraft, die das Bild bis heute so lebendig hält.
Doch woher kommt die Figur der Ophelia ursprünglich?
Ophelia bei Shakespeare

Bevor Ophelia zur Ikone der Kunst wurde, war sie eine Nebenfigur in Shakespeares Hamlet: Eine junge Frau, gefangen zwischen ihrem Vater Polonius, dem Königshof und dem von ihr geliebten Hamlet. Ihre Handlungsmöglichkeiten sind stark eingeschränkt und sie dient als Spielball der sie umgebenden Männer. Nach der Ablehnung durch Hamlet und dem Tod ihres Vaters verfällt sie dem Wahnsinn. Sie singt rätselhafte Lieder, verteilt Blumen mit symbolischer Bedeutung – am Ende stirbt sie als, sie beim Pflücken von Blumen ins Wasser fällt.
Shakespeare lässt offen, ob es ein Unfall, ein Selbstmord oder die Folge ihres Wahnsinns ist. Gerade diese Unklarheit machte Ophelia später so faszinierend für Künster_innen, die in ihr eine Projektionsfläche für Tod, Wahnsinn und Schönheit sahen. Die Kunst gibt Ophelia den Moment zurück, den Shakespeare ausgespart hat – den Übergang zwischen Leben und Tod.
Vom Buch über die Leinwand in die Popkultur
Heute taucht Ophelia immer wieder auf – in Mode, Fotografie und Musikvideos.
Für die Vogue wurde Paloma Elsesser, ein bekanntes Plus-Size-Model, von Annie Leibovitz inszeniert und fotografiert, wobei Pose, Kleid und Wasseraufnahme gezielt an das ikonische Gemälde erinnern.
Der amerikanische Fotograf Gregory Crewdsons zeigt in Untitled (Ophelia) (2001) eine liegende Frau in einem scheinbar überfluteten Raum, inszeniert wie ein Filmstill. Die Pose erinnert an Millais’ Ophelia, doch die Szene vermittelt statt romantischer Tragik eine stille, fast unheimliche Depression.
Hier der link zum interessanten Foto, ebenfalls aus Urheberrechtsgründen.
Taylor Swift stellt Ophelia selbstbestimmt dar. Sie taucht nicht unter, sondern steht auf und behauptet sich selbst als starke Frau. Der Text ihres Songs thematisiert das ebenso.
Fazit
Der Hype ist mehr als Nostalgie. Dass Heysers Ophelia von Taylor Swift gefeiert wird, ist kein Zufall – das Bild lässt viel Raum für eigene Projektionen: Sie ist nicht Opfer, nicht Wahnsinnige, sondern eine, die sich der Schwerkraft entzieht. Eine Figur zwischen Leben, Traum und Rückzug.
Die Mischung aus Zartheit und Kontrollverlust, Natur und Tod, Schweigen und Sichtbarkeit, fasziniert Künstler_innen über Jahrhunderte, und jede Zeit hat ihre eigene Version geschaffen. Und nun eben auch der Superstar Taylor Swift.

Warum belebt Ophelia Kunst und Popkultur? – britta kadolsky
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