Biennale Venedig 2026: Meine fünf Lieblings-Pavillons
britta kadolsky
61. Venedig Biennale
Koyo Kouoh hat diese Biennale nicht mehr erlebt. Die Kuratorin starb im Mai 2025, ihr Team setzte ihr Konzept ohne Änderungen um. Die Jury trat geschlossen zurück, weil sie angekündigt hatte, keine Goldenen Löwen an Künstler_innen aus Ländern zu vergeben, deren Regierungen vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt sind. Die EU-Kommission strich der Biennale einen Zuschuss von zwei Millionen Euro, weil Russland erstmals seit 2022 wieder teilnahm. Dazu gab es Proteste vor dem russischen und dem israelischen Pavillon während der Preview-Tage, Die 61. Biennale in Venedig hatte 2026 also einen schwierigen Start. Als ich ankam, war es ruhiger. Genau richtig zum Schauen. Das hier sind meine fünf liebsten Pavillons.

Österreich: SEAWORLD VENICE – Florentina Holzinger


Florentina Holzinger, Österreichischer Pavillon, Seaworld Venice, Venedig Biennale 2026
Die Medien hatten ausführlich berichtet und entsprechend lang ist die Schlange vor dem österreichischen Pavillon. Wir reihen uns ein. Und als wäre es geplant gewesen: Genau in dem Moment, als wir weit genug vorne stehen, beginnt die Performance: Eine Frau, nackt, an den Füßen aufgehängt, mit herabhängendem Haar, baumelt in einer Glocke. Dann schwingt sie ihren Körper als lebenden Klöppel hin und her, ihre Schultern schlagen an die Glockenwand, die Töne erklingen laut und deutlich. Mein eigener Körper reagiert, bevor mein Kopf es tut: ein dumpfes Ziehen, eine Art körperliches Mitgefühl. Nicht Mitleid, sondern die Erkenntnis, mit welcher Konsequenz diese Frau ihren Körper als Material und Aussage einsetzt.
Dann dürfen wir in den Pavillon rein, der in beiden Flügeln mit ungefähr einem halben Meter Wasser geflutet ist. Links rast eine nackte Frau auf einem Jetski im Wasserbassin immer im Kreis und es ist laut, unausstehlich laut. Rechts klettern nackte Frauen an einer Art Wetterstange, die bis zur Decke reicht. Auch hier schmerzen die extremen Ausdauer-Performances mich selbst. Unglaublich, was diese Körper alles aushalten – und sich zumuten!
Holzinger und ihr rein weibliches Ensemble verstehen ihre Arbeit als Selbstermächtigung: Der weibliche Körper trägt eine lange Geschichte von Gewalt, Femizid und Fremdbestimmung. hier geschieht, ist eine Umkehrung: die Frauen entscheiden selbst, wann, wie und wozu ihr Körper leidet. Kein Opferstatus. Volle Kontrolle.
Hinten im Hof gibt es noch eine Performance: In einem gläsernen Wassertank harrt eine Frau mit Sauerstoffgerät aus, die uns Zuschauende zurück anschaut. Rechts und links steht jeweils ein Dixi-Klo, in dem Besucher:innen eine ‚Spende‘ abgeben können. Eine Performerin erklärt uns, dass der Urin gereinigt und gefiltert schließlich wieder im Tank bei der Taucherin landet.

In die Messingglocke ist Ciceros Klage über Zeiten und Sitten eingraviert: „O Tempora, o mores„. Wie passend. Während sich die Boulevardpresse mit „Fäkal-Performance“, „Pisse-Künstlerin“ und der Ankündigung, es würde „unappetitlich“ werden, empört, entpuppt sich die Performance als präzise Gegenwartskritik: Holzinger greift das Thema Wasser in Venedig auf und richtet ihn direkt gegen die Nachhaltigkeitsbeteuerungen der riesigen Kunstshow, der Biennale.
SEAWORLD VENICE ist kein romantisches Venedig-Motiv. Es ist eine Kläranlage. Es ist feministisches Theater. Und es ist Spektakel. Aber Skandal verkauft sich natürlich auch gut. Und damit bekommt der österreichische Pavillon die große Aufmerksamkeit, die er verdient.
Deutschland: RUIN – Henrike Naumann & Sung Tieu

Ich staune, welchen Look der deutsche Pavillon von außen hat: Diesmal gibt es keine Abarbeitung an der faschistischen NS-Architektur von 1938, sondern eine Aufarbeitung der ehemaligen DDR in Form eines sozialistischen Plattenbaus.
Sung Tieu hat die Fassade mit rund drei Millionen winzigen Mosaiksteinchen verkleidet: das verpixelte Abbild des Wohnkomplexes Gehrenseestraße in Berlin-Hohenschönhausen, in dem sie selbst als Kind lebte. Vor der Wende war das Gebäude einer der größten Wohnkomplexe für vietnamesische Vertragsarbeiter_innen in der DDR, nach der Wende wurde es zum Ghetto, heute ist es eine verwahrloste Ruine.

Tieu kennt diese Geschichte aus erster Hand: Ihr Vater kam zum Arbeiten in die DDR, sie folgte mit ihrer Mutter Anfang der 1990er Jahre. Tieus Installation richtet den Blick auf all jene vietnamesischen Vertragsarbeiter_innen, die im Nachwendedeutschland vom System fallengelassen wurden und zwischen Behördenwillkür und einer Gesellschaft, die ihnen mit Rassismus begegnete, zurechtkommen mussten. Die Fassade erinnert übrigens zugleich an das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, wo 1992 ein rechter Mob das erste Pogrom nach dem Zweiten Weltkrieg beging.
In den Seitenflügeln des Pavillons widmet sich Sung Tieu ihrer Mutter: Sie hat Maß an ihr genommen und ihre Arme und Beine aus Glas nachgießen lassen. Außerdem erinnern minimalistische, abstrakte Gegenstände an einen Pranger und rassistische Körpervermessungen aus der Kolonialzeit. Doch die Idee, anhand der Geschichte ihrer Mutter auf dieses wichtige und vernachlässigte Thema aufmerksam zu machen, kommt durch die sparsame Ästhetik etwas zu kurz.

Den Hauptraum hat Henrike Naumann gestaltet. Nachdem die Künstlerin im Februar 2026 mit 41 Jahren an Krebs starb, konnte ihre Ausstellung nur durch ihren Mann und ihr Team fertiggestellt werden. Die Wände sind in Mintgrün gehalten, der Farbe ehemaliger sowjetischer Kasernen in der DDR. Ein Relief aus halbierten Stühlen an den Längswänden funktioniert als Chronologie der deutschen Design-Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Stühle sind kein DDR-Nostalgie-Inventar, sondern zeigen eine Geschmacksentwicklung und Alltags-Ästhetik in Ost und West.
An der Eingangswand verteilen sich Objekte, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen: Holzbilder, Vasen, Milchkannen, Sicheln, eine Gasmaske, eine Axt, ein Thälmann-Porträt, eine Mistgabel, ein Mauerstück uvm. Naumann nennt sie „Hieroglyphen“ deutscher Geschichte und Ideologie. QR-Codes erschließen die Zusammenhänge: Ein vermeintlich harmloses Spiralenornament entpuppt sich als Erkennungssymbol eines Neonazi-Netzwerks, die Milchkannen verweisen auf landwirtschaftliche Enteignungen in der DDR. Eine „archäologische Vorgeschichte der Gegenwart“, wie Naumann es nennt.

Henrike Naumann arrangierte in ihren früheren Arbeiten ganz normale Wohnmöbel wie Couches, Schränke und Teppiche zu imaginären Interieurs um zu zeigen, dass rechtsextreme Menschen in alltäglichen, gewöhnlichen Wohnungen leben, wie etwa die Täter des NSU, die sich in bescheidenen Mietwohnungen radikalisierten. Damit macht sie deutlich, dass Extremismus nicht in fremden, bedrohlichen Umgebungen stattfindet, sondern in vertrauten bürgerlichen Wohnzimmern, die optisch nicht von anderen deutschen Haushalten zu unterscheiden sind.
Der gesamte Pavillon wird zu einem Weg durch die deutsche Geschichte, den man sich allerdings erarbeiten muss: Nichts ist selbstverständlich oder intuitiv zu verstehen.
UK: Predicting History: Testing Translation – Lubaina Himid

Die Schneiderinnen tauschen Seitenblicke aus. Die Architektinnen stehen neben Plänen für eine Moschee, eine Kirche, eine Fabrik und schauen sich an, als fragten sie sich: Was machen wir eigentlich hier? Lubaina Himid malt keine Antworten. Sie malt die Unruhe selbst.
Fünf monumentale, mehrpaneelige Gemälde bilden das Herzstück der Ausstellung. Alle sind querformatig und setzen sich aus unterschiedlichen Teilen zusammen: Links abstrakte Muster, rechts figurative Szenen, in denen immer zwei Menschen miteinander kommunizieren. Erst beim genauen Hinschauen bemerke ich, dass sich die abstrakten Muster links im figurativen Teil rechts wiederfinden.

Die Farbenpracht ihrer Gemälde finde ich großartig. Die Schwarzen Menschen im Zentrum jedes Bildes scheinen sich allerdings nicht wohl zu fühlen. In bunter Kleidung vor farbenfrohen Hintergründen zeigen sie Tätigkeiten aus alltäglichen Berufen: schneidern, kochen, Boote bauen, Gebäude entwerfen, gärtnern. Menschen, die ein Land am Laufen halten und trotzdem nie ganz dazugehören.
Dazu passen die 26 Fragen an der Wand, darunter: Do you want to go back to the old place? What reminds you of home? Where do you belong?
Himid ist in Sansibar geboren, als Kind nach Großbritannien emigriert und zur Gründungsfigur der Black British Art Movement der 1980er Jahre geworden. 2017 gewann sie, als damals älteste Preisträgerin mit 63 Jahren, den Turner Prize. Ihre Themen sind Race, Geschichte, Feminismus und kulturelle Erinnerung. Mit ihrer Kunst verfolgt sie das Ziel, die unsichtbar gemachten Beiträge Schwarzer Menschen in der westlichen Geschichte sichtbar zu machen.

In einem separaten Raum hängen bemalte Ruderpaddel, die Himid in der venezianischen Lagune gefunden hat. Woher kommen sie? Wohin waren diese Menschen unterwegs, und sind sie gut angekommen? Himid stellt die Fragen und lässt sie offen.
Der Titel Predicting History: Testing Translation ist eigentlich ein Widerspruch in sich: Geschichte vorherzusagen ist absurd, und Übersetzung zu testen klingt ebenfalls unlogisch. Himid erkundet, was Heimat bedeutet, wenn die eigenen Wurzeln woanders liegen.
Japan: Grass Babies, Moon Babies – Ei Arakawa-Nash

Ja, ich halte ein Baby auf dem Arm. Lange nachdem ich das mit meinem eigenen Baby gemacht habe, fühlt es sich immer noch ganz natürlich an. Der Säugling ist ziemlich schwer. Ich trage ihn auf meiner rechten Hüfte durch den japanischen Pavillon, vorbei an Milchflaschen, Schnullern und Kinderwagen. Ich halte das Köpfchen und stelle irritiert fest, dass ich mich in der Sonnenbrille des Babys spiegle. Warum hat es überhaupt eine Sonnenbrille auf? Das Baby ist recht lebensnah nachempfunden: Größe, Gewicht, Proportionen, aber die Sonnenbrille bringt eine Distanz zwischen das Baby und mich.
Im zweiten Stock gibt es Wickelstationen. Ich ziehe das Höschen des Babys aus und knöpfe den Body auf. In der Windel steckt ein QR-Code. Einmal abgescannt, bekomme ich ein Gedicht geschenkt, also auf mein Handy geschickt.

Ei Arakawa-Nash entwickelte aus seiner Perspektive als queerer Elternteil – er ist seit 2024 Vater – diese partizipatorische Arbeit im japanischen Pavillon. Er lädt Besucher_innen ein, eine von über 200 handgefertigten Babypuppen zu tragen: durch den Garten, durch die Innenräume und vorübergehend in die Rolle einer Betreuungsperson zu schlüpfen. Pflege ist Arbeit. Unbezahlt, unsichtbar, seit jeher weiblich besetzt. Und wer trägt hier die Babys durch den Pavillon? Fast nur Frauen. Natürlich.
Ich muss schon schmunzeln über diesen Beitrag. Millionen Frauen tun täglich dasselbe: Mutter werden. Und zwar körperlich, schmerzhaft, körperverändernd, anstrengend, mit Schlafmangel, selbstverständlich und ohne Pavillon. Erst wenn Männer Väter werden, wird Fürsorge zur Kunst. Das sagt mehr über unsere Gesellschaft aus als über diesen Pavillon. Aber Kunst darf das, Außerdem: Kunst, die mich einbezieht, hat mich noch nie kalt gelassen.

Arakawa-Nash erforscht seit Langem kollektive Performance und queere Verwandtschaft. Mit Grass Babies, Moon Babies kommen Elternschaft und Fürsorge als neue Themen hinzu. Nach Venedig reist die Ausstellung nach Hannover und Tokio.
Spanien: Los Restos – Oriol Vilanova

Postkarten habe ich immer geliebt, geschrieben und erhalten. Dieses kleine, fast anachronistische Format: ein Bild, ein paar Zeilen, eine Reise in Miniatur. Oriol Vilanova lebt und arbeitet in Brüssel und sammelt seit zwei Jahrzehnten auf Flohmärkten und in Secondhandläden. Los Restos – die Überreste – heißt seine Ausstellung im spanischen Pavillon, und bei diesem Titel hätte ich nicht so viel erwartet: über 50.000 alte und neuere Postkarten füllen die Wände. Kein freies Fleckchen mehr.
Wenn man den eigentlich leeren Pavillon betritt, trifft einen die Masse der Bilder an den Wänden mit voller Wucht. Von der Decke bis zum Boden in Reihen nebeneinander und übereinander kleben die ehemaligen Fragmente alltäglicher Kommunikation. Vilanova hat sie vor dem Vergessen gerettet.

Die Postkarten sind in strengem Raster angeordnet. Alle Postkarten sind hochkant angeordnet, manchmal nach Farben sortiert, immer nach Motiv. Vilanova hat die Bilder in Gruppen zusammengestellt: Brücken, Boote, Zirkuszelte, Wappen, Denkmäler berühmter Städte, Märkte, Kunstwerke, Katzen, Vögel, Luftaufnahmen, Statuen berühmter Männer und Frauen auf ihren Sockeln und so viele weitere Themen. Keine räumlichen, keine zeitlichen Grenzen: Die Bildcollagen umfassen die ganze Welt und einen Zeitraum von fast zweitausend Jahren.
Das ist kein Sammelsurium. Das ist ein Atlas. Ein Atlas des Vergessens, der fragt: Was bewahren wir? Was lassen wir verschwinden? Und wessen Erinnerungen zählen überhaupt?
Fazit
Auf den ersten Blick haben diese fünf Pavillons vielleicht wenig gemeinsam, doch es zieht sich ein roter Faden durch: Alle fünf sprechen aus ihrer persönlichen Erfahrung. Sung Tieu rekonstruiert die Fassade ihrer eigenen Kindheit. Arakawa-Nash verarbeitet seine frisch erworbene Elternschaft. Vilanova sammelt seit zwanzig Jahren Postkarte für Postkarte. Naumann baut die Räume nach, in denen eine Generation aufgewachsen ist. Himid malt ihre eigene Erfahrung des Nicht-Dazugehörens. Holzinger setzt den weiblichen Körper als politische Aussage ein – und dieser Körper ist keine Metapher, sondern gelebte Realität. Das Persönliche ist hier nie nur Selbstbespiegelung. Es ist immer auch politisch.Und alle fünf haben mich Zeit gekostet.
Ich bin nicht einfach durchgegangen. Ich habe in der Schlange gestanden und auf die Glocke gewartet. Ich habe ein Baby durch zwei Stockwerke getragen und es gewickelt. Ich habe mich in 50.000 Postkarten verloren. Ich habe so lange auf Himids Gemälde geschaut, bis ich einzelne Zusammenhänge begriffen habe. Ich habe Stühle, Mosaiksteinchen und seltsame Objekte studiert. Diese Pavillons öffnen sich nicht auf den ersten Blick. Aber nach einer Weile erfüllt mich bei

Übrigens: Ich habe auch über den Deutschen Pavillon der vergangenen Jahre geschrieben: 2024 und 2022 . Hier könnt ihr nachlesen, wie sich Deutschland in Venedig präsentiert hat.
Biennale Venedig 2026: Meine fünf Lieblings-Pavillons – Britta Kadolsky
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