Max Liebermann – Maler des Lichts und des Lebens
britta kadolsky
Max Liebermanns berühmtester Satz: „Ick kann jar nich so ville fressen, wie ick kotzen möchte“ ist von 1933. Er soll ihn damals auf dem Balkon seines Hauses am Pariser Platz beim Anblick der marschierenden Nazis gesagt haben. Ein bitterer Kommentar voller Berliner Schnauze, machtlos gegen das Regime, aber bis heute unvergessen.
Um Liebermann zu verstehen, lohnt es sich, seine Bilder genauer zu betrachten. Dieser Artikel führt euch von den Birken am Wannsee über das Amsterdamer Waisenhaus und seine Selbstporträts bis hin zu Liebermanns Leben zwischen Glanz und Brüchen.
Birken und Wasser machten den Wannseegarten zu Liebermanns Atelier

Am Wannsee fand Max Liebermann sein Paradies. Ein Haus mit Blick aufs Wasser, davor ein streng angelegter Garten, der doch voller Leben steckt. 1910 ließ er die Villa bauen, um Ruhe und Natur zu genießen. Der Garten wurde mehr als ein Rückzugsort: Er war ein Atelier im Freien. Besonders die Birkenreihe, die von der Rückseite der Villa hinunter zum See führt, zog ihn an. Über 200 Mal hat er sie gemalt – schlanke weiße Stämme mit dunklen Rissen, Blätter in Gelb, Oliv und Blau. Sonnenlicht bricht durch die Kronen, wirft helle Flecken auf den Kiesweg. Einige Birken wachsen mitten auf dem Weg, und zwischen den Schatten glitzern kleine Lichtinseln, die den Boden lebendig erscheinen lassen.

Am Ende des Weges öffnet sich der Blick aufs Wasser, den Liebermann als schmalen blauen Streifen auf manchen seiner Bilder andeutet. Die Lebendigkeit der Bilder ist fabelhaft: Die Schatten zittern, die Farben flirren, der Wind fährt durch die Bäume. Liebermanns Birkenbilder sind keine reinen Abbilder. Sie halten den Eindruck eines Moments fest – Sommer, Licht, Bewegung. Heute kann man die Liebermann-Villa besuchen und erleben, wie Kunst und Natur miteinander verbunden sind.

Mein Lieblingsbild – Das Amsterdamer Waisenhaus
Eines meiner Lieblingsgemälde von Liebermann ist die Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus von 1881/82, das ich im Städel Museum in Frankfurt immer wieder anschaue. Liebermann, der häufig in die Niederlande reiste, entdeckte dort eines seiner liebsten Motive. Allerdings musste er erst mal um die Erlaubnis kämpfen, dort Studien anfertigen zu dürfen.

Im sonnendurchfluteten Innenhof sitzen oder stehen Mädchen – in Gruppen, allein oder zu zweit. Auffällig ist ihre einheitliche Kleidung: Schwarz-rote, bodenlange Kleider. Die Farben haben eine Bedeutung: Schwarz steht für die Trauer um die Eltern und Rot steht für die Nächstenliebe der Amsterdamer Bürger, die das Waisenhaus finanzieren. Die Mädchen im rechten Vordergrund des Bildes sind in ihre Näharbeiten vertieft – sie müssen arbeiten dafür, dass sie hier leben dürfen.
Das Sonnenlicht dringt durch das Blätterdach der Bäume und zaubert helle Lichtflecken auf den Hof, was der gesamten Atmosphäre eine wunderbare, lebendige Leichtigkeit gibt. Dieses Bild markierte Liebermanns Schritt weg vom dunkleren Realismus hin zu einer lockeren, impressionistischen Palette und brachte ihm den Durchbruch als Maler im Pariser Salon, wo er ausstellen durfte.
Liebermann setzt Pferde ins rechte Licht

Liebermann liebte es auch, Pferde zu malen – sie gaben ihm die Möglichkeit, Bewegung, Eleganz und Licht einzufangen. Ein Beispiel ist das um 1900/03 entstandene Zwei Reiter am Strand: Zwei Männer reiten nebeneinander am Meer entlang, ruhig und fast beiläufig. Dunkle Pferdeleiber treffen auf hellen Sand, Sonnenlicht glitzert auf dem nassen Boden, die Schatten fallen weich und fließend. Es gibt keine harten Linien, nur Pinselstriche, die Licht und Bewegung spürbar machen. Liebermann machte Pferde damit zu Sinnbildern von Tempo, Freiheit und moderner Eleganz.
Seine Porträts zeigen nicht nur Gesichter, sondern Charakter und Alltag

Liebermann malte Menschen – sich selbst und andere – mit großer Leidenschaft. In 69 Gemälden sowie hundert Zeichnungen, Radierungen und Lithografien hielt er sein eigenes Konterfei fest. Die Selbstporträts wurden so zu einem zentralen Werkkomplex seines Oeuvres. Er zeigt sich stets adrett: Weste, Hemd, Krawatte, Einstecktuch, oft auch Panamahut. Fotos bestätigen diesen Stil.
Andere Künstler skizzierten ihn ebenfalls – manchmal diffamierend, besonders mit dem Erstarken der Nazis.
Liebermann interessierten die Menschen selbst. Historische Szenen und Heldengeschichten mied er. Stattdessen wählte er Bauern, Kinder oder Arbeiter – für die damalige Kunstszene fast ein Skandal. Die Umgebung spielte bei seinen Porträts nur eine untergeordnete Rolle: Gesicht und Hände standen im Fokus. Auch Prominente malte er unverstellt: Albert Einstein, Paul von Hindenburg (Reichspräsident) oder Alfred von Berger (Dramaturg, Theaterdirektor und Schriftsteller).

Zu einem Porträtmodell, das mit der Ähnlichkeit nicht zufrieden war, soll Liebermann gesagt haben: „Wissen sie, ich habe Sie ähnlicher gemacht, als sie sind.“
Im Berliner Café Bauer und später im Café des Westens hatte er einen Stammplatz. Hier skizzierte er Gäste, trank Kaffee und führte hitzige Debatten über Kunst. Liebermanns Porträts zeigen Menschen in ihrem Alltag – ehrlich, lebendig und voller Charakter.
Paris zog den jungen Liebermann magisch an – und mit ihm das Licht der Impressionisten
Liebermann wurde 1847 in Berlin als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Er begann ein Jura und Philosophie-Studium – und wurde doch Maler. Früh zog es ihn nach Paris. Dort lernte er die Maler von Barbizon kennen, die das Landleben mit neuem Realismus festhielten. Später entdeckte er die französischen Impressionisten Monet, Manet und Degas. Er übernahm ihr Spiel mit Licht und Farbe.
Liebermanns Bilder wirkten ungewohnt. Modern, aber nicht modisch. Sachlich, aber nicht kalt. Zwischen Realismus und Impressionismus, zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Tradition und Aufbruch fand er seinen eigenen Weg. In den 1880er-Jahren stellte er erfolgreich im Pariser Salon aus. In Deutschland dagegen tat man sich schwer mit seiner impressionistischen Malerei. Hugo von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie in Berlin, kämpfte darum, Liebermann und die Impressionisten gegen den Widerstand des Kaisers ins Museum zu holen.
Liebermann lebte und kämpfte für die Kunst mitten in Berlin
Ab 1899 setzte er sich als Präsident der Berliner Secession für die moderne Kunst ein. Er förderte junge Talente wie Käthe Kollwitz, Lovis Corinth oder Edvard Munch. Liebermann machte die Hauptstadt für eine Weile zum Zentrum der künstlerischen Avantgarde. Er setzte sich bewusst für ein breites Spektrum ein, solange es in seinen Augen Qualität hatte. Nur Emil Noldes und Max Pechsteins expressionistische Kunst lehnte er ab. Ein oft zitiertes Motto von ihm lautete: „Kunst ist nicht modern, Kunst ist gut oder schlecht.“
Privat blieb er bodenständig. Er liebte Spaziergänge im Tiergarten, gutes Essen, Kaffeehausstunden, Sommerreisen nach Holland, Paris und Italien.

Liebermann war Jude, aber sah sich eher als europäischer Künstler und überzeugter Berliner. Nationale Grenzen in der Kunst lehnte er ab. 1859 erwarb seine Familie das Haus am Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor, was den Berliner Volksmund dazu veranlasste, auf die Frage, wo der Maler wohne, zu antworten: „Wenn man nach Berlin reinkommt, gleich links.“
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich alles. Als Jude wurde er ausgegrenzt und wusste, dass er seine Ämter ohnehin verlieren würde. Er zog sich zurück und gab Ehren- und Präsidentenposten freiwillig auf, bevor man sie ihm nehmen konnte. Er trat schließlich auch aus der Preußischen Akademie der Künste aus, deren Präsident er viele Jahre gewesen war.
Zwei Jahre später starb er, 1935. Zwar stand seine Frau Martha noch an seiner Seite, doch politisch und gesellschaftlich war er isoliert. Kollegen hielten Abstand, Ehrungen blieben aus, die Öffentlichkeit schwieg. Bei der Beerdigung versuchte die Polizei, Freunde und Weggefährten vom offenen Abschiednehmen abzuhalten.
Fazit
Max Liebermann war einer der bedeutendsten deutschen Impressionisten. Sechzig Jahre lang malte er unermüdlich. Anfangs, in den 1870er-Jahren, dominierte noch der dunkle, naturalistische Stil der französischen Realisten und der Schule von Barbizon. Ab den 1880er-Jahren öffnete er seine Palette. Durch Aufenthalte in den Niederlanden und den Einfluss des französischen Impressionismus kamen hellere Farben und mehr Licht in seine Bilder.
In den 1900er-Jahren entwickelte er schließlich seinen typischen Spätstil mit kurzen, vibrierenden Pinselstrichen, flirrendem Licht, hellen und leuchtenden Farben. Liebermanns Bilder fangen somit nicht nur Motive, sondern auch die Stimmung eines Moments ein.

Max Liebermann – Maler des Lichts und des Lebens – Britta Kadolsky
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