Thomas Bayrle erfindet das Große im Kleinen
britta kadolsky
Individuum und Masse: Das war von Anfang an Thomas Bayrles Thema, und es zieht sich über sechs Jahrzehnte bis heute durch.
Die Glücksklee-Dose als Spiegel des Konsums

In den Gartenhallen des Städel Museums in Frankfurt steht sie wie eine Vertraute aus einer anderen Zeit: Eine gewaltige Glücksklee-Dose, mit 1,80 Meter Höhe so groß wie ich. Ihr grünes Kleeblatt leuchtet auf rot-weißem Grund. Doch beim Näherkommen zeigt sich, dass die große Dose aus Hunderten kleiner Glücksklee-Dosen besteht. Genauer: aus 4.200 kleiner Dosen Kondensmilch für den Filterkaffee. Aus der Menge an kleinen Formen entsteht eine Superform. Die Skulptur lebt von Wiederholung, von der Lust am System. Und der Lust an der Erinnerung an eine Reklame der Nachkriegsjahre, die Glück durch Wohlstand versprach.
Von Vermeer zu Kim Kardashian – Ikonen gestern und heute

Jan Vermeer, Mädchen mit dem Perlenohrring, 1655
Rund 55 Jahre nach der Glücksklee-Dose schuf Thomas Bayrles das Porträt von Kim Kardashian, das jetzt in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu bestaunen ist. Es besteht aus unzähligen kleinen roten Lippenstiften, die sich zu ihrem Gesicht zusammensetzen. Damit greift er sein typisches Prinzip der Wiederholung auf: viele kleine Formen ergeben ein großes Ganzes. Formal orientiert sich das Werk deutlich an Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring es zeigt die heutige Medienikone Kim Kardashian in ähnlicher Pose: halb seitlich, uns direkt aus dem Bild heraus anblickend. Statt des blauen Turbans mit gelbem Tuch trägt Kardashian ihren typischen Pferdeschwanz, was das Motiv in die Gegenwart holt. Die Wahl des „Materials“ ist kein Zufall: Lippenstifte stehen für Konsum, Schönheit und Selbstdarstellung. Kim Kardashian, deren Vermögen zu großen Teilen aus der Kosmetik- und Modeindustrie stammt, ist selbst Teil dieses Systems. Bayrle verwebt hier die Kunst der Alten Meister mit heutiger Medien- und Konsumkultur zu einem Kommentar über Schönheit im Zeitalter der Masse. Das Werk fragt zugleich ironisch und nachdenklich: wie erschaffen wir Ikonen?
Von Caravaggios Altargemälde zum allgegenwärtigen Handy-Display

Thomas Bayrle bezieht sich auf Caravaggios Gemälde Die Inspiration des Heiligen Matthäus aus dem Jahr 1602. Er überführt das Gemälde in ein kleinteiliges Raster aus vielen kleinen Smartphones, die jeweils von einer Hand gehalten werden. Bei genauerem Hinschauen erkenne ich auf den Handys das originale Gemälde von Caravaggio: Matthäus (mit Heiligenschein) kniet vor einem Tisch, hält eine Feder in der Hand und richtet seinen Blick nach oben zum Engel: ein Akt der Inspiration.

Während in Bayrles Werk Matthäus zu erkennen ist, verschwimmt der Engel mit den Screens zu einer amorphen Masse: Ist es schwierig heutzutage, Inspiration zu bekommen, wo wir alle nur noch vor unseren Smartphones hängen? Und nehmen wir einzelne Bilder bei der massenhaften Reproduktion von Bildern in den sozialen Medien überhaupt noch wahr? Während ich das Werk mit meinem Handy fotografiere, wird mir klar, dass ich direkt Teil dieser Wiederholung werde.
Das Spiel mit der Wiederholung: vom Analogen ins Digitale
In den analogen 1960er Jahren druckte Bayrle kleine Motive im Siebdruck auf elastische Gummibahnen, die als flexible Bildträger dienten. Dieses Material spannte und dehnte er zu verzerrten Einzelformen. Aus Hunderten dieser Module entwickelte er schließlich die sogenannte Superform: das große Gesamtbild, das sich aus vielen identischen Motiven zusammensetzt.
Auch inspiriert von Warhol, dessen Werke er in der Galerie Schmela in Düsseldorf und in Publikationen Anfang der 1960er Jahre sah, begann er mit seinen grafischen Arbeiten, die sich jedoch in ihrer sich wiederholenden Zusammensetzung und Formgebung stark von denen des amerikanischen Pop-Art Künstlers unterscheiden. Seine serielle, damals noch analoge Kunst nimmt das digitale Zeitalter von heute vorweg. Was mit Schablonen und Druck begann, setzte sich später am Computer fort. Der Wechsel von der Hand zur Maschine war für Bayrle selbstverständlich. Die Logik blieb dieselbe.

Bild in Bewegung: Die frühen kinetischen Holzkästen
Thomas Bayrle entwickelte zwischen 1965 und 1967 zehn kinetische Holzkästen, in denen er handbemalte Sperrholzfiguren seriell montierte und mit einem Elektromotor in Bewegung setzte. Per Knopfdruck drehen sich die Reihen synchron, Vorder- und Rückseiten sind unterschiedlich bemalt, sodass sich die Farbigkeit während der Bewegung verändert. Die gleichförmige Choreografie erzeugt fließende Bildwechsel, wie bei einem Mini-Theater.
Bayrles Motive sind sehr unterschiedlich: Von der Werbung beeinflusst, produzierte er Werke wie Ajax oder Super Colgate. Es geht um putzende Hausfrauen des miefigen Nachkriegsdeutschlands und um Zähne putzende Kinder, die in serieller Choreografie die immer gleichen Bewegungen wiederholen.

Auch im Kasten Mao von 1966 bewegt sich eine emsige Schar menschlicher Figuren, um ein großes Gesicht zu bilden. Bayrle inszenierte ein stadionartiges Szenario, in dem sich die Reihen mit ihren unzähligen Figuren zu Maos Gesicht verdichten, das sich im Bewegungsablauf in einen fünfzackigen roten Stern verwandelt. Für einen Moment überlagern sich das Herrscher-Porträt und das Symbol: Person und Ideologie erscheinen als Einheit. Die Figuren tragen westliche Anzüge und Krawatte, wodurch Bayrle chinesische Ikonografie mit westlichen Codes verschränkt.
Bayrle interessierte sich damals durchaus für Maos Ideologie und wollte sogar in die KPD eintreten. Für sein Kunstwerk Mao orientierte er sich an der Propaganda-Zeitschrift China im Bild, die Abbildungen von chinesischen Menschenmassen in handkolorierter Farbigkeit zeigte.
Bayrle teilte die Begeisterung an den Massen und den Wiederholungen; zugleich zeigen seine Arbeiten, dass sich Massen aus vielen Individuen zusammensetzen. Da sie ein Teil der großen Form sind, werden sie gelenkt und manipuliert und sind gleichzeitig mit verantwortlich für die Form. Der Einzelne ist wie eine Marionette der Masse. Die Masse und die Individuen bedingen sich gegenseitig. Es stellt sich die Frage, wer wen formt: Die Masse das Individuum oder das Individuum die Masse?
Thomas Bayrle verbindet Technik und Glaube: Eine Maria aus Displays

Im Kreuzgang der ehemaligen Zisterzienserabtei Kloster Eberbach im Rheingau ist eine von Bayrles jüngeren Arbeiten zu bewundern: Ein Pietà-Motiv, also die Darstellung Marias mit dem Leichnam Jesu Christi auf ihrem Schoß.
Das Motiv setzte Bayrle aus Handydisplays zusammen, die aus Glas auf das Fenster geklebt sind. Der blaue Schimmer der Smartphones bildet die stillen, leuchtenden Körper. Technik verwandelt sich in Andacht. Passen das Profane und das Heilige zusammen? Ich finde das Werk zart und kühn zugleich.
Bayrles Leben für Struktur und Form
Thomas Bayrle wurde 1937 in Berlin geboren und im Krieg nach Hessen evakuiert. Er erlernt das Handwerk des Webens, bevor er Grafik in der Werkkunstschule (heute HfG) in Offenbach studiert. In den 1960er Jahren gründet er ein Grafikbüro, wo er sowohl Plakate für Firmen wie die Ferrero GmbH als auch für die Studentenbewegung druckt.
Als Künstler übernimmt er „Muster und Rhythmen“ der Webstühle in seine Kunstwerke, die wie verwoben und ornamental erscheinen. Er ordnet identische Motive neben- und übereinander an, bis sie wiederum ein großes Motiv bilden. Ab 1972 ist er Professor an der Städelschule in Frankfurt.

Nun wird Thomas Bayrle, der seit Jahrzehnten in Frankfurt wohnt, mit einer großen Ausstellung sowohl in der Schirn Kunsthalle Frankfurt als auch im Museum im Kulturspeicher in Würzburg geehrt.
Fazit
Bayrle begeistert sich zunächst an der Ästhetik der industriellen Massenproduktion sowie der Waren- und Werbewelt. Er spielt ironisch mit den Werbethemen der Zeit und hinterfragt das Versprechen der Lebensfreude durch Konsum. Später kommen Motive der Alten Meister sowie religiöse Figuren hinzu.
Es geht ihm aber nicht nur um die Kritik am Kapitalismus, am Konsum oder den Sozialen Medien, nein, er findet einfach großen Gefallen an Strukturen, am Raster und an Individuen, die als Masse eine Superform bilden.
Mehr über Popart? Hier gehts zum Artikel über Roy Lichtenstein.

Thomas Bayrle erfindet das Große im Kleinen – britta kadolsky
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