Yayoi Kusama: Punkte die nie aufhören
britta kadolsky
Punkte, Unendlichkeit und Selbstauflösung
Schon am Eingang liegen sie: silberne Kugeln, verteilt auf dem Boden, beiläufig, als wären sie einfach dort vergessen worden. Erst als ich genauer hinsehe, merke ich: Es sind unzählige. Genau genommen: 1.500 Stück. Sie spiegeln mein Gesicht zurück, kleiner als in Wirklichkeit, verzerrt, und plötzlich steht man da und spielt Narziss, ohne dass es jemand angekündigt hätte. Das ist Absicht. Das ist Yayoi Kusama. Das Werk von 1966 heißt Narcissus Garden und die Geschichte dazu gefällt mir gut. Ich komme später darauf zurück.

Die aktuelle Retrospektive im Museum Ludwig in Köln ist die deutsche Station einer Europatournee, die zuvor in der Fondation Beyeler in Riehen war und danach im Stedelijk Museum Amsterdam zu sehen ist. In Riehen schwammen die selben Kugeln im Teich vor dem Gebäude unter freien Himmel. (links museum)
Frühe Punkte: Zeichnungen aus der Kindheit

Zwei kleine Zeichnungen aus Kusamas Kindheit eröffnen die Ausstellung: ein Haus mit vier Personen, entstanden 1934, und eine Frau mit geschlossenen Augen von 1939. Beide Blätter sind überzogen mit Punkten. Yayoi war damals fünf beziehungsweise zehn Jahre alt.
Yayoi Kusama wurde 1929 in Matsumoto, Japan, geboren, in einer bürgerlichen Familie, die wenig Verständnis für die kreative Eigenheiten ihrer Tochter hatte. Sie malte, weil sie nicht anders konnte. Seit der Kindheit hatte sie bedrohliche Halluzinationen: Blumenmuster, die zu ihr sprachen, Netze, die sich über ihre Wahrnehmung legten, und Punkte. Die Kunst war das Gegenmittel: Wenn sie etwas malte, verlor es seine Bedrohlichkeit. Sie überzog ihre Bilder mit Punkten, sogenannten Polka-Dots, bis es aufhörte, ihr Angst zu machen. Sie nannte dieses Prinzip später Self-Obliteration: die Auflösung des Selbst in der Wiederholung, das Verschwinden im Muster. Das war eher eine Therapie als ein ästhetisches Konzept. Und es führte zu einer der radikalsten künstlerischen Positionen des 20. Jahrhunderts.
Ein Brief nach New Mexico
1955 entdeckte Kusama in einem Antiquariat in Japan ein Buch mit Reproduktionen von Arbeiten Georgia O’Keeffes. Beeindruckt schrieb sie der berühmten amerikanischen Künstlerin einen Brief und legte eigene Aquarelle bei. Eine Karriere hatte sie damals noch nicht. Dass O’Keeffe antworten würde, war kaum zu erwarten. Aber sie tat es: O’Keeffe ermutigte die junge Japanerin, nach Amerika zu kommen, nach New York, wo die Kunstwelt gerade neu erfunden wurde.
In ihrer Autobiografie Infinity Net schrieb Kusama später, ohne diesen Brief wäre sie vielleicht nie gefahren. Als Kusama schließlich in New York lebte, stand O’Keeffe eines Tages spontan an der Wohnungstür. Leider hat niemand das einzige Treffen der beiden fotografiert.
New York, die Avantgarde, Stoffpenisse und der Ideenklau

1958 zog Kusama nach New York ohne Englischkenntnisse, ohne Geld, aber voller Enthusiasmus.
1961 begann sie, Möbel, Kleidung und Wände und schließlich ein Boot mit Stoffpenissen zu überziehen. Ihre Soft Sculptures erregten Aufsehen. Die Gegenstände sind dicht bedeckt mit handgenähten, ausgestopften Phallus-Formen aus weißem Stoff, silbern übermalt, weich und seltsam wuchernd. Die Formen wuchsen aus den Objekten heraus wie Tentakeln oder Seegras. Sie wirken bedrohlich und komisch zugleich.
Kusama selbst hat erklärt, woher diese Obsession stammte: Ihre Mutter schickte sie als Kind los, um dem Vater bei seinen Affären nachzuspionieren. Die Sexualität war für sie daher von Anfang an etwas Bedrohliches, Beschämendes.

1963 füllte sie in ihrer Einzelausstellung Aggregation: One Thousand Boats Show ein Ruderboot komplett mit den Stoffpenissen, umgeben von 999 Fotografien des Bootes als Tapete. Tausend Boote, tausende Phallus-Symbole. Ihre erste immersive Installation mit ihren (fast) unendlichen Wiederholungen löste die Grenzen des Raumes auf. Der Raum ist das im Museum Ludwig zu in Teilen nachgebaut worden.
Ihre Soft Sculptures wurden zusammen mit Werken von Claes Oldenburg, Robert Morris und Andy Warhol in einer Ausstellung gezeigt, die als erste Pop-Art-Show der USA gilt.
Was dann folgte, hat Kusama immer als Ungerechtigkeit empfunden: Noch im selben Jahr debütierte Oldenburg mit seinen eigenen großformatigen Soft Sculptures. Oldenburg selbst hat die Herkunft der Idee nie anerkannt. Er ist damit berühmt geworden.
Mit Warhol war es subtiler, aber auch erkennbar: Kusama hat beschrieben, wie beeindruckt er war von ihrer Arbeit mit endloser Wiederholung . Kurz danach kamen seine seriellen Siebdrucke. Kusama hielt später fest, dass sowohl Warhol als auch Oldenburg Motive aus ihren Arbeiten übernommen haben: Künstlerische Inspiration oder Ideenklau?
Ab 1967 warf sie sich mit ihren Naked–Happenings mitten ins New Yorker Geschehen: In den Central Park, auf die Straße, vor die Börse, vor das UN-Gebäude, an die Freiheitsstatue, auf die Brooklyn Bridge. Ihr erstes Anatomic Explosion fand am 15. Oktober 1968 gegenüber der New Yorker Börse statt, mit dem Slogan: „Das mit dieser Börse verdiente Geld ermöglicht die Fortsetzung des Vietnam-Krieges.“ Nackte Tänzerinnen und Tänzer mit aufgemalten Punkten tanzten auf den Straßen, bis die Polizei auftauchte und die Gruppe sich in ihre Hippie-Gewänder warf.

1969 folgte Grand Orgy to Awaken the Dead im MoMA, bei dem acht nackte Performer im Skulpturengarten des Museums in einem Springbrunnen posieren. Kusama nannte das MoMA das „Mausoleum of Modern Art“ und wollte wissen, was dort eigentlich noch modern sei. Der Sicherheitsdienst brauchte zwanzig Minuten, um die Gruppe aus dem Wasser zu bekommen. Die Daily News brachte die Geschichte auf der Titelseite.
Im Jahr 1973 kehrte Yayoi Kusama, belastet durch wirtschaftliche und psychische Probleme, aus New York nach Japan zurück. Sie begab sich dort zunächst in psychiatrische Behandlung und ließ sich ab 1977 freiwillig in eine Klinik in Tokio einweisen, von wo aus sie weiterhin ununterbrochen arbeitete.
Venedig Biennale: Yayoi Kusamas Kugeln für zwei Dollar
Obwohl Kusama zur 33. Venedig Biennale 1966 nicht eingeladen war, fuhr sie hin, denn nicht eingeladen bedeutete ja nicht unerwünscht. Laut ihrer Autobiografie hatte sie die moralische und finanzielle Unterstützung von Lucio Fontana und die Erlaubnis des Vorsitzenden des Biennale-Komitees. Im Gepäck hatte sie die 1.500 silbernen Kugeln. Diese platzierte sie auf dem Rasen vor dem Italienischen Pavillon. Dazu stellte sie zwei Schilder: „NARCISSUS GARDEN, KUSAMA“ und „YOUR NARCISSISM FOR SALE“ auf. In einem goldenen Kimono stand sie zwischen den Kugeln und verkaufte sie für 1.200 Lire das Stück, umgerechnet etwa zwei Dollar. (Ich hätte sofort welche davon gekauft!)

Die Biennale-Offiziellen stoppten das Verkaufen: Es sei unangemessen, Kunstwerke wie ‚Hot Dogs oder Eiskrem‘ zu verkaufen. Die Installation selbst jedoch blieb. Und wird seitdem weltweit neu installiert: im Teich des Inhotim-Museums in Brasilien, im Central Park in New York, im Teich der Fondation Beyeler, am Boden des Museum Ludwig.
1993 wurde Kusama offiziell eingeladen, Japan bei der 45. Biennale zu vertreten: als erste Einzelkünstlerin und erste Frau, die ihr Land in Venedig repräsentierte. Der Spiegelsaal mit den gelben Kürbissen mit schwarzen Punkten, die sich ins Unendliche spiegelten, bedeutete ihren internationalen Durchbruch.
Die Kürbisse

Kusamas Familie betrieb seit etwa hundert Jahren ein Samen- und Pflanzengut auf dem Land. Sie handelten mit Samen, Setzlingen und Blumen, und Yayoi Kusama verbrachte ihre Kindheit inmitten von Blumenfeldern. Sie skizzierte täglich und erzählt davon, dass sie als Grundschülerin bei ihrem Großvater zum ersten Mal einem Kürbis sah und pflückte.
Die Kürbisse stehen für Kusama für solide seelische Stärke. Sie malt sie immer wieder, auch weil sie dadurch zu ihrem mentalen Gleichgewicht findet. Während die Punkte und Netze ihrer Halluzinationen sie erschreckten und zu überwältigen drohten, war der Kürbis das Gegenteil: Trost, Gesprächspartner, Freund. Häufig ersetzen Kürbisse in ihrem Werk ihre Selbstporträts. Das sagt eigentlich alles: Der Kürbis ist sie.

Heute stehen ihre riesigen Kürbisse vor Museen, in Parks, auf öffentlichen Plätzen. Auf der Insel Naoshima im japanischen Binnenmeer wurde der berühmte gelbe Kürbis 2021 von einem Taifun ins Meer gerissen. 2022 wurde an derselben Stelle ein neues Exemplar aufgestellt.

Der unendliche Raum
Diesen Selfie-Hotspot kennen alle Kusama-Fans: den Infinity Mirror Room. In Köln räkeln sich riesige schwarze Tentakel mit gelben Punkten vom Boden bis zur Decke. Das gepunktete Muster setzt sich an Decke und Boden fort, nahtlos, sodass die Grenzen des Raumes verschwimmen. Ein kleiner Spiegelraum innerhalb des Infinity Room vollendet das Gefühl von Unendlichkeit: als körperliche Erfahrung, zugleich sich tausendfach kleiner werdend zu wiederholen und Teil einer Unendlichkeit zu sein.
Das muss ich fotografieren. Man könnte das Selfie als Ende der echten Begegnung mit Kunst beklagen. Aber hat Kusama nicht immer darauf bestanden, dass ihre Werke die Grenze zwischen Betrachter_innen und Bild auflösen? Wenn ich in einem Infinity Mirror Room mein Handy zum Fotografieren zücke, verschwinde ich auf meine Art im Bild und erfülle damit, unabsichtlich, Kusamas künstlerisches Konzept.

Kusama und Louis Vuitton
Seit 2012 kooperiert Kusama regelmäßig mit Louis Vuitton: Punkte auf Taschen und Fassaden von Flagshipstores weltweit. Ist diese Kommerzialisierung ein Verrat an der eigenen Idee? Ich finde nicht, denn Yayoi Kusama war immer beides: Künstlerin und Marke. Einerseits verschwindet sie, zieht sich seit Jahrzehnten in eine Klinik zurück, andererseits inszeniert sie bewusst ihre eigene Person mit der knallroten Bob-Frisur und den gepunkteten Kleidern.
Ihre Motive entstanden aus psychischer Not, aus Zwang, aus dem Versuch, die Welt erträglich zu machen, und nun zieren genau diese Motive Taschen für mehrere tausend Euro. Man kann das als Ausverkauf lesen. Man kann es aber auch als konsequente Fortsetzung verstehen: Kunst als Virus, der sich durch den Kapitalismus verbreitet und in jeder Stadt in den Vuitton-Schaufenstern mehr Menschen erreicht als je ein Museum.
Fazit: Yayoi Kusama ist aktueller denn je

Kusama ließe sich als Outsider-Künstlerin lesen, als psychisch Kranke, die ihre Symptome in Kunst verwandelt hat, als Feministin, als Aktivistin, als Vermarktungsgenie oder als die Künstlerin mit den fröhlichen Farben und Punkten. Alle diese Lesarten stimmen und keine reicht aus.
Neben dem heiteren Gefühl, das Kusamas wunderbare Kunst auslöst, begleitet mich auch der Gedanke, dass hier jemand seit siebzig Jahren dieselbe Wahrheit wiederholt, und dass wir sie immer noch nicht wirklich ernst nehmen. Wir fotografieren uns im Infinity Mirror Room. Wir amüsieren uns über das Boot mit den Phallus-Formen. Wir bewundern ihre Performances in New York. Wir finden die Kürbisse niedlich. Und dann gehen wir.
Die mittlerweile 97-Jährige ist ein Social-Media-Phänomen, ihre gepunkteten Kürbisse und Selfie-tauglichen Räume gehen millionenfach durch die Feeds, die rote Perücke wird zur Marke. Doch gerade die aktuelle Ausstellung und die begleitenden Texte sowie der Katalog machen zum Glück noch etwas anderes deutlich: hier geht es, abseits des Spektakels, auch um psychische Gesundheit, weibliche Subjektivität und die Sehnsucht nach kollektiver Verbundenheit.
Kusamas Kunst bündelt genau die Themen, die heute den Diskurs prägen.

Punkte die nie aufhören: Yayoi Kusama – britta kadolsky
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