Brancusi, der moderne Bildhauer
britta kadolsky
Brancusi zerlegt das Gesicht bis zum Ei und poliert den Stein, bis nur die Essenz bleibt
„Unter dem Schatten großer Bäume kann nichts wachsen.“
Mit diesem Satz verließ Constantin Brancusi 1907 das Pariser Atelier von Auguste Rodin, dem damals größten Bildhauer seiner Zeit, nachdem er dort nur wenige Wochen gearbeitet hatte.
Ich war gerade in der Ausstellung zu Brancusi in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Er gilt in Frankreich als Nationalheiliger, in Deutschland ist er noch nicht ganz so bekannt.

Artikelbild: Brancusi, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, Foto: britta kadolsky
Geboren wurde er 1876 in einem kleinen Dorf in Rumänien, von wo aus er 1904 nach Paris zog. Nach dem Bruch mit Rodin beginnt seine Bildhauer-Geschichte einer radikalen Reduktion, weg von der realistischen Abbildung, hin zur reinen Form. Einige Werke aus der Ausstellung haben mich besonders beschäftigt, und alle haben es in sich.
Die Schlummernde Muse und die Kraft der Reduktion

© Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Eine glatte, ovale Form, die kaum noch an ein Gesicht erinnert und doch unverkennbar eines ist. Die Gesichtszüge sind auf wenige eingeritzte Linien reduziert. Der Körper fällt komplett weg, übrig bleibt der Kopf als vollkommene, geschlossene Form. So liegt Brancusis La Muse endormie, die Schlummernde Muse, vor mir in der Ausstellung.
Für sie saß um 1909/1910 die Baronin Renée Irana Frachon Modell, und was am Anfang ein Porträt war, ein liegender Kopf mit geschlossenen Augen, verwandelt sich über mehrere Fassungen hinweg in etwas fast Unkenntliches. In der Ausstellung konnte ich diese Entwicklung Schritt für Schritt nachvollziehen: von der noch deutlich erkennbaren Erscheinung, die wie aus einem grob behauenen Marmorblock auftaucht, bis zur nahezu abstrakten Ei-Form, poliert bis zum Hochglanz.

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Genau dieses Ei wird für Brancusi zum Ursprungsmotiv seines gesamten Schaffens: Reduction at its best.
Später treibt er es unter dem Titel Der Anfang der Welt noch einmal auf die Spitze: ein einzelnes, perfekt poliertes Marmor-Ei.
Prinzessin X: Der Skandal, der keiner sein wollte

© Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Das springt sofort ins Auge: die schlanke, glänzend polierte Bronzeform erinnert an einen Phallus. Princesse X stellt jedoch das Porträt der Prinzessin Marie Bonaparte dar. Brancusi zeigt sie als Büste, wie sie sich im Spiegel betrachtet, den Kopf leicht geneigt, den Hals gelängt bis zum Brustansatz. Skizzen von Brancusi veranschaulichen das sehr schön.
1920 sollte sie auf dem Salon des Indépendants in Paris gezeigt werden, doch bei der Vorbesichtigung rief der Maler Henri Matisse: „Seht mal, ein Phallus.“ Die Skulptur wurde daraufhin aus der Ausstellung entfernt, aus Angst, sie könnte als obszön empfunden werden.
Für Brancusi, der nach eigenem Bekunden fünf Jahre an dem Werk gearbeitet hatte, muss das ein herber Schlag gewesen sein: Er wollte, wie er selbst sagte, das Wesen des Weiblichen einfangen, nicht ein Geschlechtsorgan darstellen (und schon gar kein männliches!).
Die Berliner Ausstellung stellt diesen Widerspruch bewusst unter dem Titel „Ambiguität“ aus: Ist Prinzessin X die vollkommene Reduktion des Weiblichen auf das Symbolische, oder ist sie schlicht ein Penis mit gutem Marketing? Zu sehen ist in Berlin eine Gipsversion der nur 61 Zentimeter hohen Arbeit, und als ich davorstand, merkte ich: Ganz gleich, was ich hineinlesen möchte, ignorieren lässt sich die Vorstellung eines erigierten Penis nicht.
Der Vogel, der die USA vor Gericht brachte

© Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Das ist kein Vogel, das ist ein Stück Metall, entschied 1926 ein amerikanischer Zollbeamter und verlangte vierzig Prozent Einfuhrzoll auf Brancusis Vogel im Raum. Damit begann einer der denkwürdigsten Kunstprozesse des 20. Jahrhunderts, in dem ein Gericht buchstäblich klären musste, was Kunst ist und ob sie auch dann Kunst sein darf, wenn sie abstrakt ist.
Brancusis bekannteste Vogelskulptur ist hochglanzpoliert, golden schimmernd, schlank und in die Höhe strebend, ohne jedes anatomische Detail, das noch auf sein Motiv hindeutet. Es ging Brancusi nicht um Federn, Flügel, Schnabel, sondern um die Bewegung selbst, um den Impuls, der einen Vogel nach oben trägt. Über die Jahre schuf er sechzehn Versionen von Vogel im Raum, aus Bronze, Marmor und Gips.
Die Bronzeversion, um die es beim Zollstreit ging, kam per Dampfschiff für eine von Marcel Duchamp kuratierte Ausstellung von Paris nach New York. Nach damaliger Gesetzeslage durften Kunstwerke zollfrei einreisen, alles andere nicht, und genau daran entzündete sich der Streit vor Gericht. Die Verteidigung argumentierte, ein Kunstwerk müsse die Natur nicht imitieren, um eines zu sein. 1928 gab das Gericht Brancusi recht: Der Vogel im Raum wurde offiziell als Kunstwerk anerkannt, zollfrei, und die Entscheidung gilt bis heute als Präzedenzfall dafür, dass Abstraktion kein Hindernis für den Kunstbegriff ist: bemerkenswert!
Der Sockel als Skulptur

© Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Kein Bildhauer vor ihm hat den Sockel so ernst genommen wie Brancusi. Für die meisten seiner Zeitgenossen war er reine Nebensache, ein neutraler Träger, der die eigentliche Skulptur nur anhebt. Brancusi dagegen gestaltete seine Sockel mit derselben Sorgfalt wie die Werke, die darauf stehen: oft in bewusstem Kontrast zum Material und der Form der Skulptur selbst. Manchmal konnte ich kaum sagen, wo der Sockel endet und die Skulptur beginnt, und genau das war offenbar seine Absicht. Ein schwerer Steinblock kann bei ihm auf einem schmalen Holzfuß balancieren, eine schlanke, schwerelos wirkende Form auf einer massiven Basis ruhen: Das ergibt eine Spannung zwischen Last und Leichtigkeit und gehört zum Werk dazu.
Aus dieser jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Sockel entsteht folgerichtig eines seiner bedeutendsten eigenständigen Werke: die Endlose Säule. Er gestaltete sie ab 1918 in zahlreichen Fassungen, Größen und Materialien. Die Säule besteht aus gestapelten, immer gleich geformten trapezförmigen Modulen. Sie ist natürlich nicht wirklich unendlich. Aber durch die strenge Wiederholung derselben Form wird das Prinzip deutlich, und das ließe sich immer weiter fortsetzen.

In Târgu Jiu, seinem rumänischen Heimatort, steht seit 1938 eine monumentale Version davon, die fast dreißig Meter hoch ist.
Der Film im Atelier: Wie hart Bildhauerei wirklich ist

© Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Im Zentrum der Ausstellung steht die Teilrekonstruktion von Brancusis Pariser Atelier, mit fein säuberlich aufgereihten Sägen und anderen Werkzeugen. Dazu läuft ein Film, den Brancusi selbst gedreht hat und der ihn bei der Arbeit zeigt: Da ist nichts Leichtes, nichts Elegantes am eigentlichen Arbeitsprozess. Diese Arbeit ist körperlich unglaublich schwer und extrem staubig, denn ein feines, weißes Pulver legt sich auf alles, auf die Werkzeuge, den Boden, den Bildhauer selbst.
Ein Marmorblock ist unfassbar schwer, und wer ihn in eine schwebend wirkende Form verwandeln will, muss ihn zunächst mit roher Kraft bearbeiten: sägen, grob behauen, aushöhlen, bevor überhaupt an Schleifen und Polieren zu denken ist. Brancusi bestand darauf, so viel wie möglich selbst mit den eigenen Händen zu schaffen, anders als Rodin. Die feine, hochglänzende Oberfläche, für die er berühmt wurde, ist also das Ergebnis von Tagen physischer Schwerstarbeit in einer Staubwolke. Genau dieser Gegensatz hat mich beim Sehen des Films am meisten beschäftigt: Wie aus diesem grauen, staubigen Kampf mit dem Material am Ende eine Oberfläche entsteht, die glänzt wie poliertes Glas.
Der Kuss: Brancusi gegen Rodin
Mehr Nähe ist zwischen zwei Küssenden kaum möglich. Der Stein wirkt rau und schwer, und ich spüre eine Innigkeit der beiden Figuren. Vor mir steht Brancusis Le Baiser, Der Kuss. Das ist seine erste eigenständige Fassung von 1907, kurz nachdem er Rodins Atelier verlassen hatte.

Rodin modelliert ‚Fleisch‘: zwei naturalistische Körper aus poliertem Marmor, verschlungen, sinnlich, in Bewegung erstarrt. Brancusi verweigert genau das. Sein Block bleibt Block, grob behauen, kaum bearbeitet, zwei Figuren nur angedeutet durch ein paar geritzte Linien für Arme, Haare, Augen. Statt zweier Körper in Bewegung zeigt er eine einzige, unauflösbare Einheit, wie zwei Hälften eines Steins, die zusammengehören.
Auch die Arbeitsweise trennt beide: Rodin entwarf in Ton und überließ Assistenten die Ausführung, Brancusi griff selbst zum Meißel. Insbesondere bei diesem Motiv immer wieder: als Grabmal auf dem Friedhof Montparnasse und Jahrzehnte später als monumentales Tor des Kusses in Târgu Jiu. Und während Rodins Kuss von erotischer Leidenschaft erzählt, ging es Brancusi nach eigener Aussage um etwas anderes: Gleichheit, Menschlichkeit, zwei Wesen, die zu einem Ganzen werden.

© Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Fazit
Vor 150 Jahren ist Brancusi auf die Welt gekommen, und seine Skulpturen muten noch heute erstaunlich modern an. Das Pure und Reduzierte ist bei ihm nie schlicht, sondern zeigt die Essenz: was bleibt von einem Gesicht, einem Vogel, einem Kuss übrig, wenn man alles Überflüssige wegnimmt.
Genau darin liegt für mich die Kraft von Brancusi: Seine Skulpturen zwingen einen, langsamer, intensiver hinzuschauen. Ein Ei, eine Säule, ein glatter Steinblock, das klingt nach wenig und ist doch alles.
Übrigens zur Aussprache von Brancusis Namens gibt es zwei verschiedene Versionen: In Rumänien wird sein Name mit Sonderzeichen über dem â und unter dem ș geschrieben und dadurch wie „Brankusch“ ausgesprochen. In Paris angekommen, ließ er diese Zeichen weg und schrieb sich fortan schlicht Brancusi, wodurch sich auch die Aussprache verschob: weich und französisch, eher wie „Brankuzi“.
Brancusi, Neue Nationalgalerie Berlin, noch bis 9. August 2026

© Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Brancusi, der moderne Bildhauer – britta kadolsky
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