Glasstress 2026: Ein künstlerisches Staraufgebot bei Berengo, das keiner sieht
britta kadolsky
Glasstress 2026: Murano – Rost, Ruß und Rausch

Es riecht noch nach Fabrik. Rauchig, metallisch, so wie es eben riecht, wenn jahrzehntelang Glas geschmolzen wurde. Die alte Glasbläserfabrik auf Murano, in der die Fondazione Berengo ihren Teil von Glasstress 2026 zeigt, ist selbst schon ein Kunstwerk. Der Ruß hat sich in die Fenster gefressen und die braunen Backsteinmauern teilweise geschwärzt. Über allem der offene Dachstuhl aus Holz, die Balken stellenweise dunkel verrußt. Die Öfen stehen noch im Raum am Rand, schwarz auch sie. Nur einzelne Lichtspots holen die großzügig verteilten Kunstwerke aus dem Dunkel.
Produziert wird hier schon lange nicht mehr. Die Fondazione nutzt den ehemaligen Fabrikraum als reinen Ausstellungsort, die toten Öfen bleiben als Relikt stehen, keine Kulisse, sondern echte Vergangenheit. Wer Muranoglas tatsächlich entstehen sehen will, muss ein paar Gassen weiter zum Berengo Studio, der noch aktiven Glasmanufaktur, in der die Glasbläsermeister für die Künstler_innen arbeiten.
Ich war schon zweimal bei Berengo und muss die Ausstellungshalle trotzdem suchen. So wenig ist der Weg beschildert.

Einmal eingetreten, begrüßt mich einer der ikonischen Mädchenköpfe von Jaume Plensa. Fast menschenhoch, sind die Züge in die Länge gezogen und dadurch verzerrt. Der spanische Künstler scannt reale Modelle ab, meist Mädchen zwischen neun und vierzehn Jahren, und baut ihre Köpfe dann in dieser gigantischen Größe nach. Dabei verlieren die Gesichter ihre kindlichen Gesichtszüge und wirken reifer. Die Skulptur ist schwarz und stumpf, ohne jeden Glanz, und sieht deshalb zunächst gar nicht nach Glas aus. Die rechte Hand ist separat auf dem flachen Steinsockel vor dem Gesicht mit dem Zeigefinger am Mund aufgestellt. Kein rüdes Sei-leise, eher eine Einladung zur Stille in einer lauten Welt.

Ich spiegele mich in jeder einzelnen Traube der silbernen, riesigen Traubenrispe auf dem Boden, zusammen mit den Lichtern aus den teilverrußten Fenstern und den anderen Weintrauben. Sie spiegeln sich ineinander wie Seifenblasen. Das wirkt banal, ein bisschen zu glatt poliert, zu schick, zu schön, doch dahinter steckt mehr: Sun Yitian vergrößert mit Dionysus’s Obsessions IV die banale Alltagsfrucht bis zur Monumentalität und macht aus ihr ein Sinnbild für Dionysos, den Gott des Rausches. In den verspiegelten Glaskugeln bricht sich der eigene Blick, verzerrt und vervielfacht – wie der schwankende Blick nach zu viel Wein.

Wie ein Mobile hängt ein großer Tropfen von der Decke, umringt von einem Schwarm silbrig funkelnder Fische. Erst als ich mich bücke, erkenne ich, dass der Tropfen einen Busen darstellt, die rote Brustwarze verrät es. Brüste sind bei Laure Prouvost ein wiederkehrendes Motiv. Die Arbeit heißt Mère We Sea, ein Wortspiel aus Mutter und Meer, das wie ein französisches Merci klingt. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit Muranos Glasbläsern und dem Studio Berengo, erstmals gezeigt 2025/26 in der Kapelle der Vieille Charité in Marseille, wo der Schwarm aus Glasfischen den leuchtenden Busen wie schützend umkreiste. Die Französin bespielte 2019 mit ihrer surrealen, poesievollen Bildsprache den französischen Pavillon auf der Biennale, jetzt trifft ihre poetische Kunst auf das traditionelle Glashandwerk von Murano. Für mich hat das etwas Magisches, Fische mag ich ohnehin.

Der weiße, transparente Kronleuchter von Ai Weiwei hat keine Funktion, keine Glühbirnen. Trotzdem sieht er aus wie ein traditioneller Murano-Leuchter: mundgeblasene, kelchförmige Glashülsen, sogenannte Bossoli, werden wie Perlen nacheinander auf die Metallstange gefädelt, bis das Metall vollständig im Glas verschwindet. Bei Ai Weiwei ergänzen Zwischenstücke die Leuchterarme: sein berühmter Mittelfinger und Handschellen, die an seine Festnahme in Peking erinnern. In der Machart ähnelt der Leuchter dem monumentalen schwarzen Kronleuchter, den er 2022 mit fast neun Metern Länge in der Kirche San Giorgio Maggiore zeigte. Link zu meinem Artikel
Neben den rußigen Fabrikräumen gibt es auf dem Gelände auch klassische White-Cube-Räume, nüchtern und neutral, fast wie eine Erinnerung daran, dass man sich trotz aller morbiden Patina immer noch in einer professionellen Kunstinstitution befindet. Hier treffe ich auf weitere alte bekannte Künstler_innen:
Sean Scully kommt wie immer rechteckig und sehr farbig daher. Diesmal aber nicht als Farbschicht über Farbschicht wie sonst. Ein Würfel mit etwa 60 Zentimetern Seitenlänge setzt sich aus unterschiedlich großen farbigen Quadern zusammen, leuchtend, mal opak, mal durchlässig. Orange, Blau, Gelb und Transparent wechseln sich ab: Wunderschön.

Tony Craggs sechs Figuren aus massivem, transparentem Glas stehen knapp einen halben Meter hoch da, skurril wie kleine Türme. An der Spitze trägt jede ein Kreuz, einen Halbmond oder eine Flagge, das erinnert an religiöse Bauten. Dicke Ausstülpungen wie Ärmchen wachsen aus den Körpern. Und mittendrin, durch die Transparenz des Glases sichtbar, trägt jede Figur ein schwarzes Herz.

Judy Chicagos Glass Goddess, ein rosafarbener Glaskorpus aus getrübtem Gussglas gefällt mir auf Anhieb. In der Form erinnert die Figur entfernt an die Venus von Willendorf: ausladender Busen, runder Bauch, runde Hüften. Allerdings gibt es keinen Kopf, und die Beine bestehen nur aus dem Ansatz der Oberschenkel mit einem Dreieck dazwischen, das wie der Rest der Figur abstrakt auf ein Körperteil deutet (???). Die Skulptur wirkt gleichzeitig artifiziell, weil sie symmetrisch und glatt poliert ist, aber durch die satinierte Oberfläche und die Rundungen auch sehr sanft.
Es ist nicht Chicagos erste Zusammenarbeit mit Berengo Studio, und seit rund zwanzig Jahren experimentiert sie verstärkt mit Glas als Material. In einem Interview erklärte sie, das Material passe zu den Themen, die sie beschäftigen: Vergänglichkeit, Umweltkollaps, Aussterben, die Kraft des menschlichen Geistes. Glas erlaube ihr, Zerbrechlichkeit und Stärke gleichzeitig zu zeigen.

Wie der Literaturwissenschaftler Berengo das Glas und die Kunst eroberte
Adriano Berengo hat in Venedig und New York vergleichende Literaturwissenschaft studiert, nicht Glaskunst oder Design. Er kommt weder aus einer Glasbläserfamilie, noch ist er auf Murano aufgewachsen. Ausgerechnet in New York packte ihn dann das Interesse am Glas. Verrückt, oder?
1947 in Venedig geboren, zog er 1989 nach Murano und gründete das Berengo Studio. Inspiriert hat ihn Peggy Guggenheim, die Künstler wie Picasso und Max Ernst mit Glas in Berührung brachte, genauer: die Zusammenarbeit von Guggenheim mit Egidio Costantini. Der hatte in den 1960er Jahren auf Murano die Fucina degli Angeli gegründet, wörtlich „Schmiede der Engel“, eine Werkstatt, in der Glasbläsermeister mit internationalen Künstlern wie Picasso, Chagall und Lucio Fontana zusammenarbeiteten und deren Entwürfe in Glas übersetzten. Diese Idee, große Namen der zeitgenössischen Kunst mit dem alten Handwerk zusammenzubringen, ist bis heute Berengos Programm. 2009 rief Berengo Glasstress als Begleitausstellung der Biennale ins Leben.

Seit über 30 Jahre hat Berengo mit über 200 internationalen Künstler_innen zusammengearbeitet, und dieses Netzwerk erklärt, warum bei Glasstress 2026 Namen wie Ai Weiwei, Judy Chicago oder Tony Cragg zusammenkommen. Bedauerlich, dass kaum ein Kunsttourist seine wunderbare Ausstellung findet.
Glasstress 2026: Venedig – Schöner Palazzo, blasses Konzept

Auch in Venedig muss man den Ausstellungsort suchen: Bis wenige Meter vor dem Palazzo Ca‘ Tron kein Hinweis auf die Ausstellung. Wer nicht ohnehin weiß, dass hier gerade eine der bekanntesten Institutionen zeitgenössische Glaskunst zeigt, läuft einfach vorbei. Lediglich vom Canal Grande aus, ist es gut sichtbar. Allerdings kommen die meisten Besuchenden zu Fuß.

Drinnen dann der Kontrast zu Murano: kein Ruß, keine toten Öfen, sondern ein Palazzo, wie man ihn sich vorstellt. Der Terrazzoboden glänzt, darüber eine prächtige Holzdecke, die Räume großzügig geschnitten, und aus den Fenstern der Blick auf den Canal Grande. Schön, keine Frage, aber auch weniger überraschend als die Fabrik auf Murano. Hier zeigt sich: Glasstress spielt seine Stärke eher im Kontrast aus, nicht in der reinen Eleganz. Die Kunstwerke stehen alle auf weißen Sockeln und sind uninspiriert kuratiert.

Für Tony Cragg wurde als Sockel ein zwei Meter langes Highboard aufgebaut. Darauf liegen tennisballgroße Kugeln in Weiß, Gelb, Rot, Schwarz und vereinzelt Grün, die wie organisches Material zusammenkleben, wie Laich oder Rogen. Der Titel Elements verweist darauf, dass alle Materialien im Wesentlichen Ansammlungen von nuklearen Partikeln, Zellen und Molekülen sind – das Werk erforscht die grundlegenden inneren Strukturen, die die Welt bestimmen, der wir täglich begegnen.


Auch hier zeigt Laure Prouvost einen Fisch, einen, der sich auf die Hinterbeinen stellt, denn die hat er statt Flossen. Er blickt nach oben, das Maul weit aufgerissen, als schnappe er nach Luft, die Lippen rot. Zwischen kurzen Ärmchen, die er nach vorne streckt, sitzen an den Enden kleine Busen mit Brustwarzen: Da ist es wieder, das Busenthema. Der Oberkörper des Fisches funkelt golden, der untere Teil ist rosa. Der hintere Leib leuchtet blau und geht in einen grünen Schwanz über, der keine Flosse trägt, sondern in einem dicken schwarzen Kabel mit Stecker endet. Eine mögliche poetisch Lesart für mich wäre: das Organische im Kurzschluss mit dem Digitalen. Leider bleibt das Werk namenlos, Untitled.

Erwin Wurm, der für seine One-Minute-Sculptures bekannt wurde, hat für seine Serie Mind Bubbles comicartige Männchen mit langen Beinen entworfen, der Oberkörper ist nur ein eiförmiger Korpus, es gibt keinen Kopf, keine Arme. Das ist Wurms Übersetzung der Denkblase aus dem Comic in eine dreidimensionale Figur. In der Ausstellung stehen sie in Schwarz, Blau, Rot, Braun und Transparent nebeneinander. Eine braune Figur liegt auf dem Rücken. Der österreichische Künstler will das Unsichtbare, unsere Gedanken, Ideen und psychischen Prozesse, in einer dreidimensionalen Skulptur sichtbar machen. Das Absurde ist Wurms Prinzip: irrwitzig auf den ersten Blick, mit einer Anspielung, die sich nicht sofort erschließt. Auf Murano zeigt er eine Skulpturen-Variante mit transparenten Beinen, bei der der Korpus als eine schicke Damenhandtasche mit Griff daherkommt: Konsumobjekt trifft auf Cartoon-Körper.

Leiko Ikemura zeigt drei grüne Glassäulen, etwa einen Meter hoch, körperähnlich, aus mehreren ovalen Formen zusammengesetzt. Am oberen Ende, quasi als Kopf, einmal das typische Ikemura-Hasenköpfchen mit den langen Ohren, zweimal eine runde Form, die an einen Kopf mit kunstvoller Hochsteckfrisur erinnert. Das Hasenmotiv taucht bei Ikemura seit 2011 immer wieder auf. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima gilt es als Symbol für Trauer, aber auch für Resilienz. Hybridwesen zwischen Mensch und Tier sind bei ihr überhaupt ein zentrales Thema.


Auch Chiharu Shiota ist mit insgesamt drei kleinen Glasskulpturen vertreten. Bekannt wurde die japanische Künstlerin spätestens 2015, als sie mit The Key in the Hand den japanischen Pavillon der Biennale bespielte: ein raumfüllendes Gespinst aus roten Fäden, Schlüsseln und alten Holzbooten. Über ihre Installation im Frankfurter WINX Tower habe ich hier schon einmal geschrieben. Zwei ihrer Glasstücke bestehen aus einem transparenten Glasgewirr, dessen Struktur wie aus dicken Fäden wirkt. Die beiden transparenten Stücke bilden ein kurzärmeliges Kleid mit ausgestelltem Rockteil nach. Darin ein sehr feines Fadengewirr, wie gehäkelt oder verwebt, in Rot und Schwarz, das aussieht, als sei es aus Draht. So fein lässt sich Glas meiner Meinung nach nicht verflechten, auf dem Wandschild war jedoch lediglich Glas als Material genannt. Teile der roten Geflechte wirken wie Kokons und treten aus dem Oberteil des Kleides heraus, genau dort, wo sich das Herz befinden würde. Die dritte kleine Skulptur ist aus schwarzem Drahtgeflecht mit roten Glasperlen und wirkt sehr zart.

Gut gemacht ist der dreiteilige Screen, auf dem man Berengo im Gespräch mit verschiedenen Künstler_innen sieht: beispielsweise Ai Weiwei, der skeptisch zuschaut, wie ein Glasbläsermeister etwas für ihn anfertigt, oder Berengo und Judy Chicago in vertrautem, freundschaftlichem Plaudern vor der rosafarbenen Glass Goddess im Hintergrund, und schließlich eine massive Cragg-Skulptur im Großformat, die sich langsam dreht.


Fazit
Glasstress 2026 ist eine wunderbare Ausstellung, ein Geheimtipp und ein mein heimlicher Favorit in Vendig. Die faszinierenden Werke, die zwei völlig unterschiedlichen, aber gleichermaßen starke Orte und eine der bekanntesten Institutionen für zeitgenössisches Glas bekommen trotzdem viel zu wenig Beachtung. Der Eintritt ist obendrein kostenlos. Daher: meine unbedingte Empfehlung, noch bis zum 22. November, solange die Biennale läuft.

Glasstress 2026: Ein künstlerisches Staraufgebot bei Berengo, das keiner sieht – britta kadolsky

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