Musée d'Orsay – ein radikal subjektiver Rundgang

Ruth Fühner

Eigentlich ist das Pariser Musée d’Orsay, das „Museum des 19. Jahrhunderts“, eine einzige Überforderung – voll, unübersichtlich, mit einer Innenarchitektur, die an monströse mesopotamische Prozessionsstraßen erinnert. 

museum d'orsay, Musée d'Orsay Paris, blick in den unteren Ausstellungssaal, Skulpturen
Musée d’Orsay Innen, Blick auf die Allee, Foto: Ruth Fühner

Hier kann man sich natürlich an den Berühmtheiten entlanghangeln, an Monet und Manet, an Renoir, Gauguin, Cezanne oder van Gogh… Oder man macht es ganz anders, schlendert absichtslos und lässt sich überraschen. Auf mich wartet schon nach hundert Schritten eine erste Entdeckung: Édouard Sains „Fouilles à Pompei“.

Anfänge der Archäologie

Bereits im 18. Jahrhundert hatte die Ausgrabung der 79 n.Chr. durch einen Vesuvausbruch verschütteten Stadt begonnen. Bald waren goldgierige Raubgräber am Werk, reiche Kunstliebhaber konkurrierten um Statuen und dekorative Wandfresken, die ersten Archäologen und ihre Helfer rückten der erstarrten Oberfläche aus Vulkanasche brutal zu Leibe. Auf Sains Gemälde erscheint Pompeji vor allem als Staffage für hübsche Neapolitanerinnen, die die Knochenarbeit des Schuttabtransports wie einen Catwalk absolvieren. Nur am Rand sind ein paar Männer zu sehen – mit Spitzhacken, die heutigen Archäologen die Tränen in die Augen treiben würden. 

Edouard Sain, 1865, Fouilles à Pompei, Musée d'Orsay Paris, malerei, Genremalerei, Pompei
Edouard Sain, 1865, Fouilles à Pompei, Foto: Ruth Fühner

Und doch vermittelt das Gemälde, bei aller pittoresken Schönfärberei, einen guten Eindruck von dem Wunder, das Pompeji für die Nachwelt bereithielt: die Wiederauferstehung einer untergegangenen antiken Welt. Fast glaubt man zu sehen, wie sich die typisch pompejanischroten Säulen der Villen von einst aus dem Untergrund nach oben schieben, in ein neues Leben und die Gegenwart hinein.

Gerome: Golgatha wie noch nie

Jean-Léon Gerome, malerei, schatten von Jesus am kreuz, Golgatha, blick ins Tal, Musée d’Orsay – ein radikal subjektiver Rundgang, Paris Museum
paris
Jean-Léon Gerome, Jérusalem, dit aussi Golgotha, Consummatum est; La Crucifixion, 1867, Foto: Ruth Fühner

Auf dem Gemälde „Jérusalem, dit aussi Golgotha, Consummatum est; La Crucifixion“ sehe ich zuerst nur die Karawane, die unter zerrissenem Himmel und fahlem Mond vom wüsten Ölberg weg in eine Schlucht Richtung Stadt zieht. Bis der Blick auf die rechte untere Ecke des Gemäldes fällt – und damit auf des Rätsels Lösung. Jesus und seine beiden Mitgekreuzigten sind hier nicht als Körper gefasst, sondern als riesiger Schattenriss. Eine geniale Idee für einen Künstler, der eine radikal neue Lösung für eins der ältesten Motive der Kunstgeschichte suchte: Jean-Léon Gerome. 

Aber nicht nur wegen dieses Einfalls fasziniert das Bild. Es ist auch die unendliche Einsamkeit, die von den Schatten ausgeht. Als ob die Welt ihnen den Rücken gekehrt und sie vergessen hätte, ihr Leid umsonst. Wie aus dem Tod von Golgatha eine Weltmacht hervorgehen konnte, kann angesichts dieser Trostlosigkeit gar nicht anders denn als Rätsel erscheinen. 

Wiley: Black Lives Matter

Der gewaltsame Tod und die Umdeutung historischer Motive sind auch das Thema eines der ganz wenigen Werke der Gegenwartskunst im Musée d’Orsay. Wie ein Sprengsatz wirkt es in der zentralen Allee mit ihren Skulpturen aus dem vorvergangenen Jahrhundert.  

Kehinde Wiley, Black Lives Matter, BLM, Musée d'Orsay Paris, Skulptur eines gefallenen Soldaten, Frau die von einer Schlange gebissen wurde
paris, Musée d’Orsay – ein radikal subjektiver Rundgang, zeitgenössische Kunst
Kehinde Wiley, An Archeology of Silence und im Hintergrund: Woman bitten by a snake (Mamadou Gueye), 2022, Foto: Ruth Fühner

„An Archeology of Silence“ heißt diese Arbeit des Afroamerikaners Kehinde Wiley. Unübersehbar greift die überlebensgroße Bronzeskulptur heroische Darstellungen gefallener Soldaten auf. Doch die Kleidung des im Todeskampf erstarrten Mannes, erst recht der Blick auf die farbenfrohe malerische Spiegelung des Motivs auf der anderen Seite der Galerie macht klar, dass hier ein toter Schwarzer Zivilist liegt. „Gefallen“ offenbar in einem Krieg, der nie erklärt wurde. Die Täter sind unsichtbar – trotzdem reiht sich das Werk unausgesprochen ein in die Geschichte von Bürgerkriegen und rassistischen Morden, gegen die die „Black lives matter“-Bewegung aufbegehrt. 

Ein Bild von einer Unternehmerin: Jeanne Lanvin

Zum Schluss noch ein Bild, das in keiner der Gemäldegalerien hängt, sondern in der Möbel-Abteilung, genauer: „Décors modernes 1905-1914“. Und tatsächlich gehört es mit zum Modernsten, was das Orsay zu bieten hat: das Portrait einer erfolgreichen Unternehmerin. 

Musée d’Orsay, Paris, Porträt einer Unternehmerin am Tisch, Malerei die aussieht wie ein Foto, Realistische Malerei, Édouard Vuillard, Jeanne Lanvin,
Édouard Vuillard, Jeanne Lanvin, 1903, Foto: Ruth Fühner

Jeanne Lanvin war die Gründerin eines der ganz großen Pariser Modehäuser. Auf Édouard Vuillards Gemälde sitzt sie in einem wohlgeordneten, weitgehend schmucklosen Büro am Schreibtisch, ein Hündchen zu ihren Füßen. Nicht nur ihre Selbstbehauptung als Frau oder das Design ihrer Umgebung ist zukunftsweisend, auch Vuillards Gemälde selbst. Lang bevor sich der Farbfilm massenhaft verbreitet, wirkt es wie ein Produkt kommender medialer Zeiten: aus der Ferne, auf den ersten Blick, wirkt es wie ein riesiges Farbfoto.  

Musée d’Orsay – ein radikal subjektiver Rundgang – Ruth Fühner

Diesen Beitrag teilen:
Newsletter

Wenn ihr keinen Beitrag verpassen und über neue Artikel informiert werden möchtet, abonniert meinen Newsletter.

"Was kann Kunst" ist auch auf:

Glasstress 2026: An Art Star Lineup at Berengo That Nobody Sees

am 3.10.2026

Glasstress 2026 in Murano: Rust, Soot and Rapture It still smells like a factory. Smoky, metallic, like a place where glass has been melted for decades. The old glassblowing factory... Weiterlesen

Felix Gonzalez-Torres writes love into everyday things

am 14.9.2026

The Minimalist but Emotional Conceptual Art of Felix Gonzalez-Torres In the middle of the big white room, a turquoise carpet glows on the cool marble floor. It looks fluffy and... Weiterlesen

How Jenny Saville challenges the way we look at women's bodies

am 12.8.2026

Jenny Saville Paints the Body No One Wants to See Saville’s paintings are raw and monumental. I stand in front of them, and up close, their subject matter and composition... Weiterlesen

Brancusi, the modern sculptor

am 13.7.2026

Brancusi Reduces a Face to an Egg and Polishes Stone Until Only the Essence Remains “Nothing can grow in the shadow of great trees.” With that line, Constantin Brancusi left... Weiterlesen

Venice: A Short Guide for Art Lovers

britta kadolsky am 23.6.2026

Between the lagoon, palazzi, and art history: a look at Venice beyond the Biennale For a long time, Venice was one of those cities I dismissed as overcrowded and kitschy,... Weiterlesen

Venice Biennale 2026: My Five Favorite Pavilions

am 11.6.2026

61st Venice Biennale Koyo Kouoh never got to see this Biennale. The curator died in May 2025, and her team carried out her concept without changes. The jury resigned as... Weiterlesen

Günther Uecker: Nagelkünstler, Weltreisender, stiller Poet

britta kadolsky am 10.5.2026

Was kann Kunst – und was kann ein Nagel? Es gibt Künstler, deren Name sofort ein Bild erzeugt. Bei Günther Uecker ist es der Nagel. Wer das erste Mal vor... Weiterlesen

Yayoi Kusama: Dots That Never Stop

am 19.4.2026

Dots, Infinity, and Self-Obliteration They’re already there at the entrance: silver balls scattered across the floor, casual, as if someone had simply left them behind. Only when I look closer... Weiterlesen

Why Art Matters: The Political Power of Art and the Russian Pavilion Everyone Is Fighting Over

britta kadolsky am 30.3.2026

A Pavilion Stays Empty, or Art as the Backdrop of War Some images stick with you. One is the reed-green Russian pavilion in late-tsarist style in the Giardini of the... Weiterlesen

Thomas Bayrle erfindet das Große im Kleinen 

britta kadolsky am 9.3.2026

Individuum und Masse: Das war von Anfang an Thomas Bayrles Thema, und es zieht sich über sechs Jahrzehnte bis heute durch.  Die Glücksklee-Dose als Spiegel des Konsums In den Gartenhallen... Weiterlesen

Xenia Hausner: Schafft eine Bühne für selbstbestimmte Frauen

britta kadolsky am 16.2.2026

Ich bin von Xenia Hausners Malerei schon lange begeistert. Nun habe ich sie in Wien getroffen.  Seit Jahren ziehen mich ihre farbintensiven, großformatigen Gemälde (meist) von Frauen an. Sie schauen... Weiterlesen

Ikonen der Kunstgeschichte

Saskia Wolf am 21.1.2026

Ein Gastbeitrag von Saskia Wolf: Heute sprechen wir über die Blockbuster der Kunstgeschichte. Kunstwerke, die zu Ikonen geworden sind. Wir kennen sie alle: Die Mona Lisa von da Vinci, den David von Michelangelo oder... Weiterlesen

Papier in der Kunst: Papier inspiriert Kunst über Jahrhunderte

britta kadolsky am 22.12.2025

Was Papier alles kann: Zeichnung, Skulptur, Installation von den Alten Meistern bis zu den Zeitgenossen Albertina – Faszination Papier Viele verbinden Papier in der Kunst noch immer vor allem mit... Weiterlesen

Warum belebt Ophelia Kunst und Popkultur?  

britta kadolsky am 17.11.2025

Ophelia ist wieder da: Taylor-Swift-Fans reisen nach Wiesbaden, um ein Gemälde zu sehen, das plötzlich zum Pilgerort geworden ist: Friedrich Heysers Ophelia.  Das Gemälde, das die amerikanische Popsängerin zu ihrem... Weiterlesen

Fünf Graphic Novels, die Kunst neu erzählen

britta kadolsky am 3.11.2025

Graphic Novels verwandeln Kunst in Geschichten Graphic Novels über Kunst sind ein junges, aber wachsendes Genre. Sie verbinden Erzählung, Zeichnung und Kunstvermittlung – ohne den belehrenden Ton klassischer Kunstgeschichte. Statt... Weiterlesen

5 berühmte Künstlerpaare der Kunstgeschichte - Zwischen Passion und Untreue

Saskia Wolf am 18.10.2025

Ein Gastbeitrag von Saskia Wolf: Heute stelle ich dir fünf bekannte Künstlerpaare vor. Die Auswahl ist nicht einfach, denn es gibt so viele kreative Geister, die sich gefunden haben. Um ein paar... Weiterlesen

Max Liebermann – Maler des Lichts und des Lebens

britta kadolsky am 26.9.2025

Max Liebermanns berühmtester Satz: “Ick kann jar nich so ville fressen, wie ick kotzen möchte” ist von 1933. Er soll ihn damals auf dem Balkon seines Hauses am Pariser Platz... Weiterlesen

Chaos, Körper, Farben: Die Kunst von Pipilotti Rist

britta kadolsky am 27.8.2025

Von blauen Spaghetti und zärtlichem Ekel – Pipilotti Rists radikale Bilder Ich weiß nicht, ob ich lachen oder mich wegdrehen soll. In ihrer Videoarbeit Pepperminta (2009) zoomt Pipilotti Rist gnadenlos nah an... Weiterlesen

CIA, Art, and the Cold War: documenta II as a Political Stage

am 17.7.2025

Art as a Weapon: How the CIA Used Abstract Expressionism in the Cold War What do Jackson Pollock and the CIA have in common? Propaganda for democracy! For decades, it... Weiterlesen

Kunst beim Spazierengehen: 10 Skulpturen in Frankfurt 

britta kadolsky am 2.7.2025

Kunst für alle, Skulpturen mitten in Frankfurt Die Sonne scheint, der Sommer ist da: Eine gute Gelegenheit, um Kunst draußen, im öffentlichen Raum in Frankfurt zu erkunden. Zwischen der dominanten... Weiterlesen

David Hockney  - Zwischen Licht und Linie

britta kadolsky am 25.5.2025

Türkis, Sonne, Swimmingpool – David Hockneys kalifornischer Traum Es beginnt mit einem Platschen. Ein Moment eingefrorener Bewegung: eine spritzende Fontäne, eingefasst in Türkis und Azur. David Hockneys Poolbilder sind nicht nur Gemälde –... Weiterlesen

Im Innern des Papiers – Skulpturen von Angela Glajcar

britta kadolsky am 7.5.2025

Ein Tag mit Angela Glajcar Mit einem leichten Ruck schiebt Angela Glajcar die nächste Bahn Papier über den Tisch. Einen Meter fünfzig lang, dick wie Karton, doch in ihren Händen... Weiterlesen

April, April: Die Kunst des Täuschens 

britta kadolsky am 13.4.2025

Trompe-l’œil, Illusion, Op-Art & Virtual Reality – Wie Kunst unsere Sinne täuscht Täuschung fasziniert, weil sie unsere Wahrnehmung auf die Probe stellt. Ob als geschickter Streich oder meisterhafte Illusion –... Weiterlesen

Andreas Mühe – Im Banne des Zorns

britta kadolsky am 16.3.2025

Vom Zorn zur Gewalt: Mühe zeigt die Gesichter des Terrors Kommen manche Menschen bereits kriminell auf die Welt? Eine provokante Frage. Andreas Mühe stellt sie. Und beantwortet sie auch.  Sechs große... Weiterlesen

Martin Kippenberger - Ein Künstler, der Wettsaufen und Punkmusik liebte

britta kadolsky am 18.2.2025

Dies ist die Geschichte eines tragischen und viel zu kurzen Künstlerlebens: Martin Kippenberger trank, feierte und provozierte, als gäbe es kein Morgen. Der deutsche Maler, Bildhauer, Musiker einer Punkband und Selbstdarsteller... Weiterlesen

Die Zahl 100 in der Kunst: Symbolik und Bedeutung

britta kadolsky am 23.1.2025

Anlässlich meines 100. Artikels  Die Zahl 100 ist mehr als eine Ziffer – sie symbolisiert Ganzheit, Vollständigkeit und manchmal sogar Unendlichkeit:  Auch in der Kunst hat die 100 eine besondere... Weiterlesen

Frauenpower: Künstlerinnen und Erfinderinnen

Saskia Wolf am 16.12.2024

Gastbeitrag von Saskia Wolf: Frauen haben über alle Jahrhunderte hinweg mit ihren Erfindungen die Welt verändert oder als Malerinnen Karriere gemacht. Bis ins 19. Jahrhundert war es jedoch den Frauen... Weiterlesen

Hans Haacke: Politische Kunst mit Tiefgang

britta kadolsky am 2.12.2024

Hans Haacke: Eine Legende politischer Konzept-Kunst in der Schirn Kunsthalle Frankfurt Frustriert verließ ich diese großartige Ausstellung. Ein Widerspruch? Keineswegs! Ich war schlicht zu naiv: Kunst begeistert mich immer, egal,... Weiterlesen

Kunst unter Bäumen – der Internationale Waldkunstpfad in Darmstadt 

Ruth Fühner am 10.11.2024

Eine Skulpturensammlung mitten im Wald – das ist der Internationale Waldkunstpfad in Darmstadt, den die Kuratorin Ute Ritschel vor 22 Jahren ins Leben gerufen hat. Alle zwei Jahre lädt sie... Weiterlesen

Blut, Fleisch, Kot: Ungewöhnliche Materialien in der Kunst:

britta kadolsky am 28.10.2024

Blut in der Kunst: Vom Symbol zum Werkstoff  Eine Skulptur aus Blut: Alle fünf Jahre fertigte der britische Künstler Marc Quinn eine Büste von sich an – aus seinem eigenen Blut. Bei seiner... Weiterlesen

External media

Choose which external services may load. Your selection applies site-wide for 30 days and can be changed here at any time.

Privacy policy