Felix Gonzalez-Torres schreibt Liebe in Alltagsdinge ein
britta kadolsky
Die minimalistische, aber emotionale Konzeptkunst von Felix Gonzales-Torres
In der Mitte des großen weißen Raums leuchtet ein türkisfarbener Teppich auf dem kühlen Marmorboden: Er sieht flauschig aus, einladend. Ich trete näher und erkenne: Der Teppich besteht aus tausenden einzeln verpackten Bonbons. Ich nehme mir eines, wickle es aus und stecke es in den Mund: Pfefferminz-süß.

Das Werk Untitled (Revenge) aus türkisblauen Bonbons, die einzeln in Cellophan verpackt sind, liegen, zu einer rechteckigen Fläche ausgelegt, wie ein Teppich auf dem Boden. Das Gewicht aller Bonbons liegt bei 325 Pfund, knapp 150 Kilo – so die Vorgabe des Künstlers. Wie fast alle seine Bonbonarbeiten ist auch dieses Werk partizipativ angelegt: Besuchende sind ausdrücklich eingeladen, sich ein Bonbon zu nehmen. Die Fläche schrumpft im Lauf der Ausstellung und wird vom Museum Reina Sofia in Madrid immer wieder aufgefüllt.

Kuba, Madrid, New York, Miami – die Stationen eines viel zu kurzen Lebens
Felix Gonzalez-Torres wird 1957 in Guáimaro, Kuba, geboren. Mit vierzehn Jahren schickt ihn seine Familie im Rahmen eines Programms zur Ausreise kubanischer Kinder nach Spanien, er landet für einige Monate in Madrid, bevor es weiter nach Puerto Rico geht. Mit achtzehn Jahren zieht er nach New York, studiert Fotografie und kuratorische Praxis. 1983 lernt er Ross Laycock kennen, seinen Lebenspartner. 1987 schließt er sein Studium mit einem Master of Fine Arts ab.

Mit gerade zweiunddreißig Jahren findet Gonzalez-Torres 1989 zu seiner reduzierten und konzeptuellen Kunst. Ungewöhnlich ist eine Offenheit, die kaum ein anderer Künstler so konsequent verfolgt hat. Gonzalez-Torres legt für viele seiner Werke nur einige Eckdaten fest: Material, Form, Anordnung, Gewicht … Die Installation überlässt er bewusst den jeweiligen Museen und Kurator_innen, sodass dasselbe Werk an jedem Ausstellungsort neu und anders entsteht. Bei Konzeptkunst zählt die Idee, nicht das fertige Objekt. Am Beispiel des türkisfarbenen Bonbon-Teppichs ist das Werk die Anweisung, nicht die einzelnen Bonbons. Deshalb schmeckt “derselbe” Bonbonteppich in Madrid vielleicht anders als Jahre zuvor in einer anderen Ausstellung, bleibt aber dasselbe Werk, solange Farbe und Gewicht stimmen.
Mit dreiunddreißig Jahren hat er seine erste Einzelausstellung, spät für die Kunstwelt, aber nur sechs Jahre vor seinem Tod. Was folgt, ist der tiefste Einschnitt seines Lebens: 1991 wird bei Ross Laycock und Gonzalez-Torres HIV diagnostiziert, Ross stirbt noch im selben Jahr an den Folgen von AIDS.
Die Jahre danach, während sich seine Gesundheit verschlechtert bis hin zu seinem eigenen Tod, sind die produktivsten im Leben von Gonzalez-Torres. 1995 organisiert das Guggenheim Museum eine große Retrospektive. Am 9. Januar 1996 stirbt Felix Gonzalez-Torres mit achtunddreißig Jahren in Miami an den Folgen von AIDS.
Felix Gonzalez-Torres: Sieben Jahreszahlen, eine Geschichte
Im schwarzen Bild an der Wand neben dem Bonbonteppich sehe ich mich selbst, bevor ich den Text im unteren Drittel überhaupt lese:

„People With AIDS Coalition 1985, Police Harassment 1969, Oscar Wilde 1891, Supreme
Court 1986, Harvey Milk 1977, March on Washington 1987, Stonewall Rebellion 1969.“
Das Werk trägt wie fast alle Arbeiten von Gonzalez-Torres keinen Titel. Die sieben Daten kurz erklärt:
- People With AIDS Coalition, 1985: AIDS-Betroffene gründen eine Selbsthilfe- und Aktivistengruppe
- Police Harassment, 1969: Steht stellvertretend für die systematischen Polizeirazzien in Schwulenbars, die dem Stonewall-Aufstand (s.u.) vorausgingen.
- Oscar Wilde, 1895: Wilde entscheidet sich, in London zu bleiben und sich dem Prozess wegen seiner Homosexualität zu stellen, statt zu fliehen.
- Supreme Court, 1986: Ein Urteil bestätigt, dass US-Bundesstaaten gleichgeschlechtlichen Sex weiterhin strafrechtlich verfolgen dürfen.
- Harvey Milk, 1977: Milk wird zum ersten offen schwulen Stadtrat San Franciscos gewählt, ein Jahr vor seiner Ermordung.
- March on Washington, 1987: Große politische Demonstration, bei der erstmals öffentlich der AIDS Memorial Quilt gezeigt wird.
- Stonewall Rebellion, 1969: Proteste der queeren Gemeinschaft nach einer Polizeirazzia in der New Yorker Bar Stonewall Inn.
Ursprünglich kreierte Gonzalez-Torres ein großes Plakat, das er 1989, zum 20. Jahrestag des Stonewall-Aufstands, gegenüber der Schwulenbar Stonewall Inn installierte. Die mehrtägigen Proteste im Juni 1969 waren durch eine Polizeirazzia in der Bar ausgelöst worden und gelten als Geburtsstunde der modernen queeren Bürgerrechtsbewegung. Um das Projekt zu finanzieren, ließ er zusätzlich eine Auflage von 250 Siebdrucken anfertigen.

Gonzalez-Torres schuf mehrere solcher schwarzen Bild- und Plakatwerke, jedes mit einer eigenen Zusammenstellung von Jahreszahlen, die auf queere Geschichte, AIDS-Aktivismus und politische Wendepunkte verweisen.
Gonzalez-Torres Papierstapel: Zu Hause im Widerspruch
Nebeneinander auf dem Boden, fast wie Zwillinge, stehen zwei etwa kniehohe Blätterstapel, die sogenannten Stacks. Die Blätter des einen Stapels tragen den Satz Nowhere better than this place, die des anderen Somewhere better than this place. Ich nehme mir von beiden Stapeln ein Blatt und rolle sie zusammen.

Das Werk zählt zu den frühesten und bekanntesten der Papierstapel-Arbeiten von Felix Gonzalez-Torres. Besuchende dürfen sich Blätter mitnehmen, das Museum füllt den Stapel im Lauf der Ausstellung immer wieder auf.
Die beiden Sätze widersprechen sich, und trotzdem stimmen beide. Der eine Satz wünscht sich einen besseren Ort, der andere bestätigt: Genau hier und jetzt ist der einzig mögliche Ort. Bei einem Künstler, der zwischen Kuba, Spanien, Puerto Rico und New York aufwuchs und selbst zwischen Exil und Ankommen pendelte, wirkt dieser doppelte Satz wie eine sehr persönliche Wahrheit.

Papierstapel hat Gonzalez-Torres immer wieder gemacht: in unterschiedlichen Farben und mit unterschiedlichen Texten oder Bildern. In einem anderen Raum der Ausstellung liegt etwa ein Stapel aus rotem Papier mit schwarzer Schrift: Untitled (Himmler, Hate, Hole, Helms). In den vier Ecken steht jeweils ein Wort: der Name eines Nazis – Heinrich Himmler -, dazu Hate, Hole und der Name des erzkonservativen US-Senators Jesse Helms. Gonzalez-Torres stellt hier historische NS-Verfolgung und zeitgenössische amerikanische Politik auf eine Stufe, eine seiner direktesten, unverhülltesten politischen Arbeiten.
Was bleibt, wenn eine Glühbirne ausgeht: Licht als Übung im Loslassen
Ein Vorhang aus Lichterketten hängt von der hohen Decke des Raums bis zum Boden. Die Enden bilden kleine Häufchen aus Glühbirnen auf dem Marmorboden. Warmes Licht umfängt mich von allen Seiten.

Untitled (North) aus zwölf einzelnen Strängen, mit je 22 Glühbirnen an Porzellanfassungen und Kabel. Wie bei fast allen seinen Arbeiten gibt Gonzales-Torres keine feste Installationsanweisung vor, jede Institution entscheidet neu, wie die Stränge im Raum verteilt, gebündelt oder gehängt werden.

Gonzalez-Torres begann kurz nach dem Tod seines Lebensgefährten Ross Laycock mit den Lichterketten-Arbeiten. In einem Interview beschrieb er den Wunsch, ein Werk mit einer verschwindenden, instabilen und fragilen Form zu kreieren. Erlischt eine Glühbirne, darf sie nicht ersetzt werden. So stellte er sich seiner Angst, Ross Tag für Tag in seiner Erinnerung mehr verschwinden zu sehen. So gelesen sind die Lichterketten weniger festliche Deko als eine Übung im Umgang mit Verlust: Kunst, die über ewige Liebe und Sterblichkeit spricht, indem sie einfach nur leuchtet.
In der Sammlung Hoffmann in Berlin hatte mich eine ganz anders installierte Lichterkette von Gonzalez-Torres schon einmal restlos begeistert.
Ein Vorhang, der sich wieder schließt
Ein Vorhang aus hunderten Perlensträngen teilt einen der Ausstellungsräume: grüne, transparente und silberne Perlen im Wechsel, von der Decke bis fast zum Boden. Ich spüre die Perlen an Armen und Gesicht, höre das leise Klackern, während sie hinter mir wieder zur Ruhe kommen.

Untitled (Beginning) gehört zu insgesamt fünf Perlenvorhang-Arbeiten. Alle folgen demselben Prinzip: Die Perlenstränge füllen einen Durchgang komplett aus und reichen möglichst nah an den Boden, ohne ihn zu berühren, damit sie frei schwingen können.
Der Titel Beginning, Anfang, ist hier der Schlüssel. Grün, transparent und Silber gelten für Gonzeles-Torres als Farben der Erneuerung und der Wiedergeburt. Anders als bei den Bonbons oder Papierstapeln, die man mitnehmen kann, bleibt hier nichts zurück, denn das Werk besteht ganz aus dem Moment des Durchgehens selbst. Niemand kommt am Vorhang vorbei, ohne ihn zu berühren und damit selbst Teil davon zu werden: ein Übergang, den man mit dem eigenen Körper vollzieht.
Fazit
Felix Gonzalez-Torres arbeitet mit sparsamen, reduzierten Installationen und einfachsten Alltagsgegenständen. Formal steht er in der Tradition der Minimal Art und der Konzeptkunst der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, doch anstelle von kühler Distanz setzt er auf Gefühle und Nähe. Er lässt Besuchende Teil des Werks werden und macht so aus der reduzierten Form eine emotionale Erfahrung: mitnehmen, anfassen, hindurchgehen, fühlen.
Trotz Flucht, Verlust und den Erfahrungen von Diskriminierung und Gewalt wird Gonzalez-Torres nie zum verbitterten Künstler. Bewusst entscheidet er sich für eine leichte, einladende Kunst, um von den schweren Themen zu erzählen.
Seine Kunst ist aktuell und wird bei jeder neuen Ausstellung von jeder neuen Generation von Besuchenden fortgeschrieben.
Zum Abschluss ein Zitat von Felix Gonzalez-Torres selbst:
“I want to work within the contradictions of the system and try to create a better place.
I think revolutions were a really nice idea in the nineteenth century and in the early part
of this century, but we must take into consideration the technological advances that are
being made right now. These technological shifts are happening in a world that has
become very fragile and also very small.”
Das Reina Sofía deutet diese Haltung heute neu: In einer Welt voller Algorithmen und Desinformation wirkt sein geduldiger Wunsch, das System von innen zu zu einem besseren zu verändern, aktueller denn je.

Hier könnt ihr mehr über Hans Haacke lesen, der ebenfalls Konzeptkünstler ist.
Felix Gonzalez-Torres schreibt Liebe in Alltagsdinge ein – britta kadolsky
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