Wie Jenny Saville den Blick auf Frauenkörper sprengt
Jenny Saville malt den Körper, den keiner sehen will
Savilles Bilder sind krass und monumental. Ich stehe davor, und aus der Nähe hauen mich Motiv und Komposition wirklich um. Die gemalten Frauen sind überlebensgroß und verstörend: die Fleischlichkeit, so viel, so weich, mit Dellen, Farben, die an Adern erinnern. Irgendwie sind die Körper sowohl unförmig als auch echt, denn Frauenkörper sind eben nicht genormt, entsprechen selten bis nie dem männlichen oder dem medialen Schönheitsideal. Die Perspektive von unten verstärkt diesen Eindruck noch.

Und doch, in den Sälen der barocken Palazzo Ca’ Pesaro, mit ihren hohen Holzbalkendecken, dem Parkettboden und den monumentalen Ausmaßen des Museums selbst, wirken diese Bilder plötzlich genau richtig. Vielleicht nimmt der Raum ihnen sogar ein bisschen von ihrer Wucht.
Nackt, aber nicht auf die Art, die man kennt

Kaum eine Künstlerin macht so deutlich wie Jenny Saville, dass Nacktheit nicht automatisch den vertrauten Blick auf den weiblichen Körper bedient. Am deutlichsten zeigt das schon Savilles frühes Schlüsselwerk Propped. Es ist ihre Abschlussarbeit an der Glasgow School of Art und zugleich ein Selbstporträt. Aus der Untersicht gemalt, wirken die Schenkel riesig und füllen fast die untere Bildhälfte. Die Hände liegen mitten im Bild auf dem Fleisch der Oberschenkel, während der Kopf oben am Bildrand klein und leicht angeschnitten ist. Die Brüste sind durch die Oberarme zusammengedrückt, weich, fleischig, mit rosigen Nippeln, die knapp über den Ellenbeugen hervorschauen. Saville sitzt auf einem schmalen Nähmaschinenhocker, die Füße um dessen Fuß gehakt, an den Füßen weiße Slingpumps. Und über die gesamte Leinwand zieht sich, auf den ersten Blick kaum wahrnehmbar, Schrift, spiegelverkehrt geschrieben und darum nicht lesbar: ein Zitat der Feministin Luce Irigaray, wonach Frauen sich verfehlen, solange sie in der Sprache der Männer sprechen, statt in einer eigenen.
Die anatomische Genauigkeit kommt nicht von ungefähr: Saville durfte 1994 in New York einem plastischen Chirurgen bei Operationen über die Schulter schauen und fotografierte dabei. Dazu kamen Stunden in der Gerichtsmedizin, Studien an Tieren und Fleisch, an klassischen und Renaissance-Skulpturen. Dieses Wissen um die Unvollkommenheit, um das, was Körper wirklich sind und nicht, was sie in der Werbung sein sollen, spürt man in jedem Bild.

Beispielsweise Reverse: das riesige Querformat zeigt nur einen Kopf, an Hals und Schulter rechts vom Bildrand abgeschnitten. Er liegt auf dem Boden, das Gesicht spiegelt sich am unteren Bildrand. Die Augen sind offen, der Mund leicht geöffnet. Sie schaut mich an, aber mit einem leeren Blick, der nichts zurückgibt.
Zwischen Expressionismus und chirurgischer Präzision
Die Malweise selbst ist die zweite große Irritation. Saville arbeitet mit schnellen, expressiven Pinselstrichen, mit Farben, die für Inkarnat eigentlich ‚falsch‘ sind: Grün, Blau, Lila, Türkis, Rot an Stellen, wo Haut eigentlich Haut sein sollte. Das Fleisch wird zu einer eigenen, fast abstrakten Landschaft.
Und mitten in dieser Auflösung sitzen dann die Augen und der Mund, fast immer erstaunlich genau und realistisch gemalt. Dieser Kontrast ist es, der die Bilder so unruhig macht. Der Blick bleibt der eine feste Punkt, an dem man sich festhalten kann, während der Rest des Körpers sich in Farbe auflöst.

Ich stehe vor Focus, einem riesigen Gesicht, und trete so nah heran, wie die Bodenmarkierung im Museum es erlaubt, um es genau zu studieren. Manche Bereiche sind komplett abstrakt, wilde Pinselstriche, die an die amerikanischen Abstrakten Expressionisten erinnern. Die Farbigkeit hat nichts mehr mit tatsächlichem Inkarnat zu tun. Und mittendrin, fein und realistisch, das Auge: Iris, Pupille, Wimpern, sogar der Tränenkanal, alles genau gemalt.
Kein Zufall: Saville malt die Augen grundsätzlich morgens, wenn ihre Konzentration am schärfsten ist, und überlässt sich abends, müder, den riskanteren, freieren Pinselstrichen, wie sie in einem Interview verraten hat.

Ähnlich verstörend wirkt Red Stare Head IV, eines aus einer ganzen Serie von Porträts, die alle auf ein einziges kleines Foto in einem medizinischen Lehrbuch zurückgehen. Es ist eine junge Frau mit einem Feuermal im Gesicht. Der Blick ist leer, der Mund leicht geöffnet, die Oberlippe merkwürdig, fast verächtlich hochgezogen.
Auch hier sind Augen und Mund, mit einigen sichtbaren Zähnen, sehr genau gemalt. Die rechte Gesichtshälfte dagegen ist mit dicken, pastosen weißen Pinselstrichen übermalt, die das rechte Auge umrahmen und sich über die Wange bis zum Mund ziehen. Die weiße Farbe setzt sich am Hals fort und geht übergangslos in ein angedeutetes Oberteil über. Dazu die Frisur: eine dunkle, exakt geschnittene Kurzhaarfrisur mit Pony, die sich scharf vom hellen Hintergrund abhebt.


Die Kunsthistorikerin Linda Nochlin brachte es 2003 auf den Punkt: Die Kraft von Savilles Bildern komme nicht nur aus ihrem Format und den fast skulptural wirkenden Oberflächen, sondern vor allem aus der Ambivalenz ihrer Motive. Ihre Figuren seien zugleich eindrucksvoll und beherrschend, aber ohne jede Beschönigung gemalt. Genau das ist es, was einen vor Propped, Reverse, Focus oder Red Stare Head IV nicht loslässt.
Eine Malerin, die sich nie hat einordnen lassen

Saville, geboren 1970 in Cambridge, studierte von 1988 bis 1992 an der Glasgow School of Art. Sie gehört zur Generation der Young British Artists, kurz YBA, einer Gruppe britischer Künstler_innen, die ab Ende der 1980er-Jahre mit provokanten, oft Tabus brechenden Arbeiten bekannt wurde, allen voran Damien Hirst und Tracey Emin. Saville war die einzige Malerin in der berühmten Ausstellung Sensation 1997 in der Royal Academy, umgeben von Konzeptkunst und Multimedia-Arbeiten. Zwischen 2003 und 2009 lebte sie in Palermo und setzte sich dort intensiv mit den alten Meistern auseinander, insbesondere mit Tizian und Tintoretto. Genau diese Auseinandersetzung ist es, die jetzt in Venedig auch zu sehen ist.
2018 wurde Propped bei Sotheby’s übrigens für umgerechnet 12,4 Millionen US-Dollar versteigert und machte Saville zur damals teuersten lebenden Künstlerin überhaupt. (Diesen Rekord hält inzwischen die Südafrikanerin Marlene Dumas, deren Bild Miss January 2025 für 13,6 Millionen US-Dollar den Besitzer wechselte.) Ein Fakt, der zeigt, wie sehr sich der Kunstmarkt für das interessiert, was auf den ersten Blick so unbequem wirkt.
Der Dialog mit Tizian: Venus und Adonis und Danaë

Tizians Werke sind fest mit Venedig verbunden, sie hängen in vielen Kirchen der Stadt, jederzeit zugänglich. Ganz am Ende der Ausstellung wird Savilles Auseinandersetzung mit dem Renaissancekünstler noch einmal ganz konkret. Die letzten beiden Bilder, Venus und Adonis und Danaë, sind eigens für diese Ausstellung entstanden und eine direkte Hommage an Tizian.

In Venus und Adonis malt Saville zwei ineinander verschlungene Körper, im Hintergrund diesmal die Berge der Cadore-Region, aus der Tizian selbst stammte. Schon bei Tizian stehen die beiden Figuren so voreinander, dass man insgesamt drei Beine sieht, und bei dem Bein ganz links ist auf den ersten Blick nicht klar, zu wem es gehört. Bei Saville geht dieses Spiel noch weiter: Hier liegen drei Personen übereinander, und an mehreren Stellen gibt es keine klare Grenze zwischen den Körperteilen. Welcher Fuß, welche Hand zu wem gehört, bleibt offen.

Danaë erzählt die Geschichte der Königstochter, die ihr Vater Akrisios in einem Kupferturm einsperrt, weil ein Orakel prophezeit hatte, dass ihn dereinst sein eigener Enkel töten würde. Zeus verwandelt sich, wie so oft, wenn er eine Frau begehrt, in eine andere Gestalt, um an sie heranzukommen, hier in goldenen Regen, und dringt so zu ihr vor. Was heute klar als Vergewaltigung zu benennen ist, wurde jahrhundertelang als erotische Verführungsszene gemalt. Bei Saville verweisen die roten Haare der Frau auf den Kupferturm selbst, und über das ganze Bild ziehen sich dicke, kritzlige goldene Striche, die den Goldregen aufnehmen.
Fazit
Jenny Saville gehört seit Jahren zu den Malerinnen, die mich sehr beschäftigen, und jetzt, in Venedig, konnte ich endlich eine große Ausstellung ihrer Werke sehen. Savilles Bilder mit ihren monumentalen Maßen und den verstörenden Körperbildern, die sich jeder Sehgewohnheit verweigern, haben eine unglaubliche Wucht. Saville zwingt einen, so lange hinzuschauen, bis aus dem ersten Unbehagen echte Erkenntnis wird. Wer in Venedig ist, sollte diese Ausstellung nicht verpassen.
In der Ca’ Pesaro läuft noch bis zum 22. November 2026 die erste umfassende Saville-Ausstellung in Venedig: Über 30 Gemälde und Zeichnungen von ihren Anfängen in den 1990er-Jahren bis zu ganz neuen Arbeiten.

Wie Jenny Saville den Blick auf Frauenkörper sprengt – britta kadolsky
Weitere Artikel über Venedig 2026: Venedig Biennale – Meine fünf Lieblings-Pavillons und ein kurze Reiseführer einer Kunstbegeisterten.
Diesen Beitrag teilen:
Newsletter
Wenn ihr keinen Beitrag verpassen und über neue Artikel informiert werden möchtet, abonniert meinen Newsletter.
"Was kann Kunst" ist auch auf:
Brancusi, der moderne Bildhauer
britta kadolsky am 13.7.2026
Venice: A Short Guide for Art Lovers
britta kadolsky am 23.6.2026
Venice Biennale 2026: My Five Favorite Pavilions
am 11.6.2026
Günther Uecker: Nagelkünstler, Weltreisender, stiller Poet
britta kadolsky am 10.5.2026
Yayoi Kusama: Punkte die nie aufhören
britta kadolsky am 19.4.2026
Was kann Kunst: Über die politische Macht von Kunst und den russischen Pavillon, um den die Welt streitet
britta kadolsky am 30.3.2026
Thomas Bayrle erfindet das Große im Kleinen
britta kadolsky am 9.3.2026
Xenia Hausner: Schafft eine Bühne für selbstbestimmte Frauen
britta kadolsky am 16.2.2026
Ikonen der Kunstgeschichte
Saskia Wolf am 21.1.2026
Papier in der Kunst: Papier inspiriert Kunst über Jahrhunderte
britta kadolsky am 22.12.2025
Warum belebt Ophelia Kunst und Popkultur?
britta kadolsky am 17.11.2025
Fünf Graphic Novels, die Kunst neu erzählen
britta kadolsky am 3.11.2025
5 berühmte Künstlerpaare der Kunstgeschichte - Zwischen Passion und Untreue
Saskia Wolf am 18.10.2025
Max Liebermann – Maler des Lichts und des Lebens
britta kadolsky am 26.9.2025
Chaos, Körper, Farben: Die Kunst von Pipilotti Rist
britta kadolsky am 27.8.2025
CIA, Kunst und Kalter Krieg: Die documenta II 1959
britta kadolsky am 17.7.2025
Kunst beim Spazierengehen: 10 Skulpturen in Frankfurt
britta kadolsky am 2.7.2025
David Hockney - Zwischen Licht und Linie
britta kadolsky am 25.5.2025
Im Innern des Papiers – Skulpturen von Angela Glajcar
britta kadolsky am 7.5.2025
April, April: Die Kunst des Täuschens
britta kadolsky am 13.4.2025
Andreas Mühe – Im Banne des Zorns
britta kadolsky am 16.3.2025
Martin Kippenberger - Ein Künstler, der Wettsaufen und Punkmusik liebte
britta kadolsky am 18.2.2025
Die Zahl 100 in der Kunst: Symbolik und Bedeutung
britta kadolsky am 23.1.2025
Frauenpower: Künstlerinnen und Erfinderinnen
Saskia Wolf am 16.12.2024
Hans Haacke: Politische Kunst mit Tiefgang
britta kadolsky am 2.12.2024
Kunst unter Bäumen – der Internationale Waldkunstpfad in Darmstadt
Ruth Fühner am 10.11.2024
Blut, Fleisch, Kot: Ungewöhnliche Materialien in der Kunst:
britta kadolsky am 28.10.2024
Kunst und Kamera: Die vergessene Geschichte der Fotografinnen
britta kadolsky am 1.10.2024
Der Die dADa – Unordnung der Geschlechter
britta kadolsky am 5.9.2024
Der Skandal um den Kunstfälscher Beltracchi
britta kadolsky am 8.8.2024